Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 63, Nummer 27 › Seite 418

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 31. Dezember 1907, Seite 418

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418 Ver V„TutheranetE

Ja, zu diesem großen, ewigen Gott kann, darf und foll
der kleine, vergängliche Mensch seine Zuflucht nehmen. Gott
will es so haben; denn er hat zu Mose gesprochen: „Wenn der
Elende zu mir schreien wird, so werde ich ihn erhören.“ Er
weiß, was für ein Gemächte wir sind; er gedenket daran, daß
wir Staub sind. Wenn aller Rat der Erde uns verläßt, alles
Irdische wankt und weicht, wenn wir keinen Weg aus und ein
mehr sehen, dürfen wir doch zu dem großen Gott kommen und
uns in ihm bergen. Er ist unsere Zuflucht. Gerade mit diesem
Namen nennt Moses Gott aus Erfahrung. Gott war seine und
seines Voltes Zuflucht vom Roten Meere an, als die Agypter
hinter ihnen her waren, und während der ganzen vierzigjähri—
gen Wüstenwanderung. Jeder Tag und jeder Schritt war mit
der großen, herrlichen Gotteshilfe bezeichnet. Und selbst als
Israel ganz seines Gottes vergaß und das goldene Kalb machte
ind anbetete, hörte Gott nicht auf, seine Zuflucht zu soin.
Gerade in Sündenangst und Gewissensnot offenbarte sich Gott
umd zog an Mose vorüber „barmherzig und gnädig und ge—
duldig und von großer Gnade und Treue“. Wo die Sünde
mächtig geworden ist, da ist doch die Gnade Gottes in Christo
noch viel mächtiger geworden. Gott beweist Gnade in tausend
Glied und vergibt Missetat, übertretung und Sünde. So gilt
imeingeschränkt heute wie alle Tage, hier wie überall, dir wie
jedem Gläubigen: „SErr Gott, du bist umsere Zuflucht für und
für!“ Daß nur auch alle ihre Zuflucht zu ihm nähmen und
ihn anriefen! Er erhört Gebet. ‚

Im Glauben an diesen Gott und im Bekenntnis zu ihm
schreiten wir von einem Jahre zum andern. Wir schauen ohne
Furcht und Grauen in die Zukunft. Menschen sterben und
irdische Stützen brechen, alles vergeht und fällt dahin, aber
unser Gott bleibt und bleibt als unsere Zuflucht in der Flucht
der Zeit, in der Not der Sünde, in dem Jammer der Erde, in
der Angft des Todes. Sein Tor steht uns offen, seine Weisheit
und sein Vermögen ist sehr groß, seine Barniherzigkeit hat noch
kein Ende. So heben wir Herzen und Hände empor zum Him—
mel und sprechen voll Glauben: HErr Gott und Vater unsers
HErrn JEsu Christi, du bist unsere Zuflucht für und für!

Unsere Mission unter den Litauern.

In unserer Synode wird das Evangelium von Christo
Menschen aus aller Herren Ländern verkündigt, unter andern
auch den Litauern, die mit den Letten, den alten Preußen und
den Schmuden (Samogitiern) als Volk und auch in der Sprache
verwandt sind. Sie alle bilden einen besonderen Zweig des
sogenannten baltischen Astes des indo⸗-germanischen Völker- und
Sprachstammes, den litauischen. Die Litauer bekennen sich
größtenteils zur römisch-katholischen Kirche; doch wächst die
Zahl der zur griechisch⸗katholischen Kirche Gehörenden beständig.
Im nördlichen Ostpreußen jedoch findet sich eine ganz beträcht⸗
liche Anzahl lutherischer Litauer. Wie wir Deutschen, so sind
auch sie vielfach ausgewandert, und auch ihnen wird hier in
unserm Lande das Brot des Lebens gereicht. Da sie jedoch der
deutschen Sprache teils sehr wenig, teils gar nicht kundig sind,
niußten junge Litauer herangezogen werden, um die so nötige,
aber schwere Missionsarbeit unter diesen im Irdischen armen
Brüdern zu verrichten. Zwei des Litauischen mächtige Pastoren
predigen zurzeit ihren Volksgenossen auf weitentlegenen Mis⸗

sionsplätzen, nämlich die Pastoren H. Brustat (Brooklyn, N. Y.)
und P. Drignat (Baltimore, Md.). Beide sind natürlich auf
die Mithilfe unserer Synode, sonderlich des Ostlichen und At⸗
lantischen Distrikts, angewiesen.

Einen Einblick in die Schwierigkeiten dieser Mission bietet
das Arbeitsgebiet des in Brooklyn, N. Y., stationierten Ar—
beiters. Große Erfolge hat diese jüngste Mission in unserer
Mitte nicht aufzuweisen, aber doch Fortschritt, der größer und
ermutigender wäre, wenn auf den verschiedenen Posten öfters
Gottesdienst gehalten werden könnte. Viermal im Jahre wird
in Boston, Mass., gepredigt; aber eigentlich sollten diese Brü—
der jeden Monat mit Wort und Sakrament bedient werden.
In New Haven, Conn., sollte statt einmal monatlich zweimal
gepredigt werden. Obwohl sich hier ein gar hartes Feld vor—
fand, so ist doch die Zahl der Zuhörer stetig gestiegen von
S bis zu 30. Auch in Bridgeport, Conn., wo 15 bis 25 Zu—
hörer die Gottesdienste besuchen, könnte bei fleißigerer Bedie⸗
nung mehr ausgerichtet werden. Es versteht sich von selbst, daß
solch mangelhafte Versorgung dem geistlichen Leben nicht för—
derlich ist.

Der Missionsposten Naugatuck, Conn., der zweimal im
Monat bedient wird, hat gute Fortschritte gemacht, jedoch nicht
ohne große Schwierigkeiten. Es mußte ein Unterkommen ge—

sucht werden in einer nicht zu unserer Synode gehörigen luthe—

rischen Kirche, deren Glieder die Litauer abspenstig zu machen
suchten. Ihre Rede war: „Ihr seid Toren! Was müht ihr
euch ab? Ihr werdet doch nichts ausrichten. Schließt euch
uns ganz an. Wir haben eine schöne Kirche, die auch die eurige
sein kann. Und wenn ihr die deutsche Predigt auch nicht ver⸗
steht, so schadet das nichts. Kommt nur, geht zum Tisch des
HErrn und zahlt eure Beiträge“ ꝛc. Konnte mit solchen Auf—
forderungen nichts ausgerichtet werden, so versuchte man es
dann mit allerlei unwahren Beschuldigungen. Suchte man
diese zu besehen und zu widerlegen, dann hieß es sofort: „Wir

verbieten euch die Kirche!“ Daß dies dem Missionar Kummer

und Mühe verursacht, braucht kaum gesagt zu werden. Aber
während manche Seele in Zweifel gebracht wurde und in der
Liebe zum Wort nachließ, hatten alle trüben Erfahrungen und
Prüfungen doch dies zur Folge, daß dies Häuflein energisch
vorging, um in den Besitz einer eigenen Kirche zu kommen.
Der Atlantische Distrikt ermunterte die kleine Gemeinde, die
ersten Schritte dazu zu tun. Sie kollektierte unter sich, eine
Baustelle (60 4100 Fuß) wurde gekauft, von den Gliedern
wurde der Keller ausgegraben und das Fundament gelegt.
Diese Feier fand statt am 8. Dezember. Mit Hilfe der Kirch⸗
bankasse wird die Kirche hoffentlich bald fertiggestellt werden
können. Die Folge dieses im Vertrauen auf den SErrn der
Kirche unternommenen Schrittes ist eine erfreuliche Zunahme
der Zuhörerschaft.

In Brooklyn, N. Y., kann leider auch nur zweimal monat⸗
lich im Gotteshause der Immanuelsgemeinde gepredigt werden.
Die ungelegene Zeit des Gottesdienstes von ½1 bis 2 Uhr
nachmittags beeinträchtigt den Besuch desselben. Um diese
Zeit kommen die schwer arbeitenden Litauer entweder von der
Arbeit in den Zuckerfabriken, oder sie sind wieder auf dem Wege
dahin. Die Pferde rasten am Tage des SErrn, aber nicht die
Menschen. Dieser der Mission hinderliche Umstand wird von
den Leuten erkannt und bedauert. Er könnte gehoben werden
durch Ankauf eines Hauses, in welchem eine Kapelle eingerichtet

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