Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 64, Nummer 11 › Seite 177

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 2. Juni 1908, Seite 177

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Geiſt 7 · Unglaube 6

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peinlicher Genauigkeit anrührt. Wir sehen, wie er bei Blitz
nd Donner von einer geradezu kindischen Furcht befallen wird.
* Tod seines Freundes Flaubert und seiner Mutter machte ihn
ungslos. Er ging nicht mehr an das Fenster, wo der Sarg
gelassen worden war. Er erzählt selbst: „Seit diesem Tage
liegt der Gedanke an den Tod stets in unserm Sinn. Wir lassen
die ganze Nacht hindurch Licht in unserm Schlafzimmer brennen,
d oft, wenn ich meine Frau, ehe sie einschläft, noch einmal an⸗
sehe, fühle ich, daß auch sie denkt, was ich denke, und wir sehen uns
schweigend an, weil uns ein Gefühl der Schonung für den andern
nicht zu Worte kommen läßt. Ach, der Gedanke ist schrecklich!
Zuweilen springe ich des Nachts mit beiden Füßen aus dem Bette
und stehe einen Augenblick in unbegreiflicher Furcht erstarrt da.““
— „Der Gottlose fleucht, und niemand jagt ihn; der Gerechte
aber ist getrost wie ein junger Löwe“, Spr. 28, 1. „Die Toren
sprechen in ihrem Herzen: Es ist kein Gott. Sie taugen nichts
und sind ein Greuel mit ihrem Wesen“, Ps. 14, 1. L. F.

„Die Gottlosen haben keinen Frieden.“ Jes. 48, 22.

1. Der durch seine Reisen und als Schriftsteller bekannte
französische Gelehrte Volney, Verfasser der „Ruinen“, ein das
Christentum, wo er nur konnte, verspottender Freidenker, machte
im Jahre 1797 eine wissenschaftliche Reise durch Nordamerika, auf
welcher er einmal mit etwa zwanzig Personen über den breiten
See Ontario fuhr. Er war sehr redselig, ließ keine Gelegenheit,
das Christentum zu verspotten, vorbei und betrug sich überhaupt
auf eine sehr weltliche Art. Während der überfahrt kam schnell
ein entsetzlicher Sturm, das Schiff stieß auf eine Sandbank oder
einen Felsen und litt so gewaltig von den Wellen, daß die Leute
jeden Augenblick fürchteten, das Schiff möchte zertrümmert und sie
alle eine Beute des Todes werden. In dieser Lage verlor der
große stolze Philosoph buchstäblich alle Macht seiner Vernunft. In
einem Augenblicke war er völlig rasend, im andern blickte er voll
wilder Bestürzung in eins der Werke von Voltaire, die er ge⸗
wöhnlich in seinem Busen trug, dann ergriff ihn völlige Ver⸗
zweiflung, er stieß ganz unzufammenhängende Reden hervor und
bot dem Kapitän eine ganz unglaublich große Summe Geldes an,
wenn er ihn in einem kleinen Boote ans Ufer setzte, was rein
unmöglich war. ... Unter den Passagieren waren zwei Schwe⸗
stern aus dem ehemaligen französischen Kanada, welche, von der
drohenden Gefahr unterrichtet, in der Kajüte niederknieten und
etwa zehn Minuten lang still beteten, dann sich erhoben, einige
Worte auf französisch sprachen und einander umarmten; darauf
setzten sie sich nieder und ergaben sich ruhig in alles, was da kom⸗
men möchte. Das Schiff hielt in der gleichen Lage ungefähr zwei
Stunden aus, worauf der Wind sich legte, das Schiff wieder flott
wurde und am folgenden Tage glücklich am Orte seiner Bestim⸗
mung anlangte. Nach dem Sturme zeigte sich Volney nicht weniger
als ein elender Schwächling, indem er mehrere der Mitreisenden
bat, sie möchten doch nirgends von seinem Benehmen während der
Gefahr Erwähnung tun.
2. Nachdem der Dichter H. Heine, ein geborener Jude,
sein Leben in Laster und Gotteslästerung zugebracht hatte, verfiel
eine schmerzliche Krankheit, worin er bekannte: „In manchen
Momenten, besonders wenn die Krämpfe in der Wirbelsäule all⸗
zustark rumorten, durchzuckte mich der Zweifel, ob der Mensch
wirklich ein zweibeiniger Gott ist, wie mir der Professor Hegel vor
fünfundzwanzig Jahren zu Berlin versichert hatte. Im Wonne⸗
mond mußte ich mich zu Bette legen und bin seitdem nicht wieder
üfgestanden. Unterdessen — ich will es freiwillig gestehen —
eine Umwandlung mit mir vorgegangen. Ich bin kein Gott
hr, ich bin nicht mehr der freieste Deutsche nach Goethe, wie

mich Ruge in gesunderen Tagen genannt hat; ich bin nicht mehr
der große Heide No. 2, den man mit dem weißumkränzten Dio⸗
nysios verglich, während man meinem Kollegen No. 1, Goethe, den
Titel eines Großherzoglich⸗Weimarischen Jupiters erteilte; ich bin
kein lebensfreudiger Hellene mehr, der auf trübsinnige Nazarener
herablächelte. Ich bin jetzt nur noch ein armer todkranker Jude.
ein abgezehrtes Bild des Jammers, ein unglücklicher Mensch.“

3. Voltaire, diesem gottlosen und frechen Christusspötter,
war ein hohes Alter, eine lange Gnadenzeit, vergönnt; aber auch
unter dem grauen Haar schlug er nicht in sich, tat keine Buße.
Da hat auch ihn in der Todesstunde die Angst der Verzweiflung
und der Schrecken des ewigen Gerichts mit Macht überfallen.
Sein Arzt, der seinen letzten Lebensstunden und seinem Todes⸗
kampfe beigewohnt hat, schreibt von ihm: „Von den Furien“, das
ist, den schrecklichsten Gewissensbissen, „hin und her gezerrt, fuhr
er von dannen!“ Als der Arzt des Herzogs von Orléans, namens
Tronchin, zu dem alten Religionsspötter geschickt wurde, um ihn
in seiner Krankheit zu behandeln, sagte Voltaire zu ihm: „Mein
Herr, ich wünsche, daß Sie mir das Leben retten; ich gebe Ihnen
die Hälfte meines Vermögens, wenn Sie meinen Tagen noch sechs
Monate zusetzen. Wo nicht, so fahre ich zum Teufel und nehme
Sie mit mir!“

4. Trostlos ist das Leben und Sterben des englischen Dichters
Byron gewesen. An seinem letzten Geburtstage beschreibt er in
rührenden Worten seine traurige und einsame Lage also:

Herbstlich find schon meine Tage,

Zeit hat Blüt' und Frucht vertrieben,

Nur der Gram, das Leid, die Klage ist geblieben.
Hin ist all des Herzens Glühen;

Einsam wandr' ich an dem Stabe;

Nirgends seh' ich Ruh' erblühen

Als im Grabe.

Dagegen heißt es bei dem Christen: „Es ist noch eine Ruhe
vorhanden dem Volke Gottes. ... So lasset uns nun Fleiß tun,
einzukommen zu dieser Ruhe, auf daß nicht jemand falle in das⸗
selbige Exempel des Unglaubens“, Hebr. 4, 9 ff.

Der Heilige Geist.

Der Heilige Geist hat am Pfingstfeste des Neuen Testaments
angefangen, sein Amt und Werk öffentlich auszurichten, wie Chri⸗
stus ihn nennet „einen Tröster und Geist der Wahrheit“, Joh.
15, 26.

Denn er hat den Aposteln und Jüngern einen recht gewissen
Trost in das Herz und einen sichern, freudigen Mut gegeben, daß
sie nichts danach fragen, ob die Welt und der Teufel lustig oder
unlustig, Freund oder Feind sei, zürne oder lache; sie gehen daher
in aller Sicherheit auf den Gassen der Stadt und denken also:
Hier ist weder Hannas noch Kaiphas, weder Pilatus noch Herodes
etwas, sondern wir sind alles. Jene allzumal sind unsere Unter⸗
tanen und Knechte, wir aber sind die Herren und Obersten.

Daß die armen Bettler und Fischer, die Apostel, auftreten
und also predigen sollen, daß sie den ganzen Rat zu Jerusalem
erzürnen und das ganze Regiment, den geistlichen Stand und dazu
den römischen Kaiser auf sich laden, ja das mehr ist, das Maul
so weit auftun und sagen: „Ihr seid Verräter und Mörder“, und
warten, daß sie darüber auf das Maul geschlagen werden, das ist
und kann nicht ohne den Heiligen Geist geschehen. Der Heilige
Geist ist ein Tröster und nicht ein Betrübter (das heißt, einer. der
traurig macht); denn wo Traurigkeit und Betrübnis ist, da ist
der Heilige Geist, der Tröster, nicht daheim. Der Teufel ist ein
Schreckensgeist und Betrübter, aber der Heilige Geist ist ein
Tröster.

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