Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 65, Nummer 2 › Seite 24

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 26. Januar 1909, Seite 24

17 18 19 20 21 22 23 24 25 26

Scan: Internet Archive item DerLutheraner65_partial. Selected pages only: not every page of this year is held.

⤓ Download page image (full resolution)

German transcription machine transcription, uncorrected

Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Zeugen 5 · Predigt 7

⤓ Download .txt · copy text

V

*

8Dr V.„Tutheranev

„Nun“, erwiderte der junge Mann, „Christus war auch nicht
im Text; wir müssen doch predigen, was im Text ist.“

Darauf sagte der Alte: „Wissen Sie nicht, junger Mann,
daß es von jeder Stadt und jedem Dorf und jedem kleinen Weiler
eine Straße nach London gibt?“

„Ja“, war die Antwort.

„Nun, so gibt es auch von jedem Text in der Schrift eine
Straße zu der Hauptstadt der Schrift, das ist Christus. Und,
mein lieber Bruder, Ihre Aufgabe ist, wenn Sie zu einem Texte
kommen, zu fragen: Wo finde ich hier die Straße zu Christo? und
dann eine Predigt zu halten, welche die Straße entlang läuft zu
der großen Hauptstadt — Christus. Und“, fügte er hinzu, „ich
habe noch nie einen Text gefunden, in dem nicht eine deutliche
und gerade Straße zu Christo gewesen wäre, und wenn ich je einen
finden sollte, so würde ich eine Straße machen, ich würde über
Hecken und Gräben gehen, aber ich wollte zu meinem HErrn ge—
langen; denn keine Predigt taugt, wenn nicht ein Geruch Christi
darin ist.“

Ein Bekenntnis.

Der verstorbene Ex-Gouverneur des Staates New York und
Staatssekretär unter Präsident Grant, Hamilton Fish, war ein
sehr höflicher, bescheidener Mann, aber er scheute sich auch nicht,
einem Menschen, wo es not tat, ungeschminkt, frank und frei die
Wahrheit zu sagen.

Während seiner öffentlichen Wirksamkeit in der Bundes⸗
hauptstadt Washington wurde einst zu Ehren eines vornehmen
Gastes ein Festessen in Fish's Wohnung veranstaltet. Unter den
Geladenen befand sich auch ein Bundessenator, der früher ein
Christ gewesen war, aber im Getriebe der leidigen Politik Gott
und seinen Heiland nicht nur vergessen hatte, sondern sich auch
nicht scheute, mit Gottes Wort und allem Heiligen seinen Spott
zu treiben. Auch bei diesem Festessen konnte er es nicht unter⸗
lassen, mit frechen Worten und lauter Stimme das Christentum
zu verhöhnen.

Mit dem Ausdruck größten Unwillens hatte Fish diesen
Spötter schon eine Weile beobachtet. Die entrüsteten Blicke, die
der Staatsmann dem frechen Spötter zuwarf, schienen diesen
aber nur noch mehr zu reizen, in seinen Lästerungen fortzufahren.
Endlich ging Fish die Geduld aus und er sagte in ruhigem Tone:

„Herr Senator entschuldigen Sie, aber ich möchte Sie
ernstlich bitten, Ihr Spotten zu unterlassen. Ich glaube fest an
IEsum Christum als den Heiland der Welt. Ich bin ein Glied
seiner Kirche; in meinem Hause suche ich seine Ehre und auf den
Glauben an ihn will ich einst sterben. Es schmerzt mich, wenn
ich Sie in dieser Weise reden höre.“

Das ganze Benehmen des Hauswirtes war dabei derart,
daß sich niemand beleidigt fühlen konnte. Aber das mutige, freie
Bekenntnis hatte zur Folge, daß die Spöttereien und Witze am
Tische verstummten.

Beispiele ziehen.

Es war Nachmittagsgottesdienst. Das Kirchlein war ziem⸗
lich leer und das Lied ziemlich schwer. Da war es natürlich, daß
der Gesang kläglich und dünn ausfiel, gar nicht, wie es die schö⸗
nen Worte des Dankpsalms verdienten. Da dachte einer der
Kirchgänger: „Nun, dann will ich wenigstens mal recht kräftig
singen.“ Erst klang seine Stimme auffallend laut und vereinzelt,
dann aber setzten auch andere mit ein, unsichere Sänger stärkten
sich an den festen, und am Schluß der Strophe klang es schon
fröhlich und frisch: „Halleluja, Halleluja!“

Von diesem ganz einfachen Vorgang kann man etwas lernen.
Wie dünn und kläglich klingt oft das Lob Gottes unter den Men⸗
schen! Man hätte alle Ursache zu rühmen, wie freundlich der
HErr ist, aber es kommt nichts oder nur ein schwaches Wörtlein
davon über die Lippen. Der eine sagt: „Es war ein günstiger
Zufall“, der andere gesteht: „Da hab' ich unverdientes Glück
gehabt“; höchstens redet man von einer wunderbaren Fügung.
Was würden auch die Leute sagen, denkt man, wenn man die
Freude, die einem widerfahren ist, die freundliche Wendung einer
beunruhigenden Angelegenheit so direkt dem lieben Gott zu⸗
schreiben wollte!

Nun, weil denn das Lob Gottes oft so schwach und dünn
gesungen wird, Christenmensch, der du erkennst, was Gott an dir
getan hat, sage und singe davon! Laß dich's nicht anfechten,
daß die Menschen große Augen machen: sie müssen zugestehen,
daß du recht hast, und allgemach bekonunst du auch Sangesbrüder,
denen dein Beispiel Mut macht. Das gilt bei allerlei großen
und kleinen gnädigen Führungen, das gilt auch bei Betrachtung
der mancherlei Werke Gottes.

Wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz.
Matth. 6, 21.

Wer sein Verlangen und seine einzige Freude an den Schätzen
hat, die von Motten und vom Rost gefressen werden und denen
die Diebe nachgraben und sie stehlen, dessen Herz wird davon
besessen und bezaubert; es kann zu keiner Ruhe kommen vor der
Begierde, sie zu haben, und vor der Angst, sie zu verlieren. Und
wie die sichtbaren Dinge, an denen er hängt, veränderlich und
flüchtig sind, so ist auch sein Herz in einem friedlosen Wanken und
Schwanken. Ein betrübtes, jammervolles Leben! Wie wird es
aber erst nach diesem Leben mit ihm werden? — Wer aber be⸗

freit ist von der Knechtschaft der verderblichen Liebe zu dem Sicht⸗

baren und Vergänglichen, und wessen Seele dem ewigen Gut
anhängt, der wird selbst auch fest und gewiß. Er ist wahrhaft
gesegnet mit geistlichem Segen in himmlischen Gütern durch Chri⸗
stum, durch welchen Gott uns berufen hat zu seiner Gemeinschaft
und uns die Hoffnung gegeben hat auf das unvergängliche und
unbefleckte und unverwelkliche Erbe im Himmel. Von solcher Hoff⸗
nung begleitet, gehen Gottes Kinder ihre Pilgerwege, das Herz
im Himmel, wo JEsus thront, und den Himmel im Herzen, bis
sie anlangen im himmlischen Friedensgefilde, wo sie ihre Ruhe
finden und der himmlischen Schätze, wonach ihr Verlangen stand,
ewig froh werden.

Ein treues Mutterherz.

Der einzige Sohn einer Witwe geriet in schlechte Gesellschaft.
Trotz der flehentlichsten Bitten und Ermahnungen seiner Mutter
ließ er sich nicht davon abbringen. Als sie nun eines Tages er⸗
fuhr, daß er mit seiner Gesellschaft wieder zu einem Schmaus
und Trinkgelage gehen wollte, versuchte sie nochmals mit viel
Bitten und Flehen, ihn davon abzuhalten; allein es war vergeb⸗
lich. Der Sohn gab ihr kalten Herzens zur Antwort: „Mutter,
ich gehe eben.“ Darauf sagte sie: „Nun denn, ich weiß schon, was
ich tun will. Ich gehe in meine Kammer, werfe mich vor Gott
auf meine Kniee nieder und höre nicht auf, für dich zu beten, bis
ich dein Angesicht wieder sehe.“ Der Sohn ging, fand aber das
gesuchte Vergnügen nicht. Immer lebhafter drängte sich das Bild
seiner auf den Knieen liegenden Mutter in die Seele, bis er sich
endlich aufmachte, nach ihr sich umzusehen. Er findet sie auf den
Knieen liegend und kniet nun selbst zu ihr hin, fällt ihr um den
Hals, dankt Gott für ihre mütterliche Treue und wandelt von
nun an mit ihr den Weg zum Himmel.

English translation

Not yet translated.