Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 68, Nummer 5 › Seite 70

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 5. März 1912, Seite 70

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Union 2 · Verein 2 · Verein 3 · Verein 4 · Kirchengemeinſchaften. 4„99

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S er V„TutheranebS

ziehen, auf daß uns das Kleid der Unschuld, das durch die
Sünde verloren war, wiedererstattet würde. Von Dornen ist
er gestochen worden, auf daß er die stechenden Wunden unsers
Herzens heilete. Er hat des Kreuzes Last getragen, auf daß
er die Last der ewigen Strafen von uns nähme. Er hat laut
gerufen, daß er von Gott verlassen sei, auf daß er uns eine
ewige Wohnung bei Gott bereitete. Es hat ihn am Kreuze
gedürstet, auf daß er uns den Tau der göttlichen Gnade er⸗
würbe und wir nicht ewiglich verschmachten müßten. Er hat
sich in der Glut des göttlichen Zornes braten lassen, daß er das
höllische Feuer von uns wendete. Er ist gerichtet worden, daß
er von Gottes Gericht uns befreiete. Er ist schuldig erklärt
worden, auf daß er uns Schuldige losspräche. Er ist von
Sünderhänden geschlagen worden, auf daß er des Teufels
Schläge von uns wendete. Vor Schmerz hat er geschrieen,
auf daß er uns von dem ewigen Heulen errettete. Er hat
Tränen vergossen, auf daß er unsere Tränen abwischte. Er
ist gestorben, auf daß wir leben möchten. Die Schmerzen der
Hölle hat er empfunden, auf daß wir sie niemals empfinden
möchten. Er ist erniedrigt worden, auf daß für unsern Hoch⸗
mut eine Arzenei gebracht würde. Er ist mit einer Dornen⸗
krone gekrönt worden, auf daß er uns die himmlische Krone
erwürbe. Er hat von allen gelitten, auf daß er allen Heil
brächte. Seine Augen sind dunkel geworden im Tode, auf
daß wir im Lichte der himmlischen Herrlichkeit leben nröchten.
Schmähungen und Lästerungen hat er angehört, auf daß wir
im Himmel die Lobgesänge der Engel hören möchten.

Darum verzage nicht, o gläubige Seele! Das unendliche
Gut ist zwar durch deine Sünden beleidigt, aber es ist auch ein
unendliches Lösegeld dafür bezahlt worden. Du solltest ge⸗
richtet werden um deiner Sünden willen, aber Gottes Sohn
ist schon für der ganzen Welt Sünden, welche er auf sich ge⸗
nommen hat, gerichtet worden. Deine Sünden sollten gestraft
werden, aber Gott hat sie schon gestraft an seinem Sohne.
Groß sind die Wunden deiner Sünden, aber köstlich ist der
Balsam des Blutes Christi. Moses erklärt dich für verflucht,
weil du nicht gehalten hast alles, was im Buche des Gesetzes
geschrieben ist; aber Christus ist für dich ein Fluch geworden.
Wider dich ist in dem himmlischen Gerichtsfaale eine Hand⸗
schrift geschrieben, aber sie ist durch Christi Blut ausgetilgt.
Darum ist, lieber HErr Christe, dein Leiden meine letzte
Zuflucht. (Joh. Gerhard.)

— — —

Ihr habt einen andern Geist!

(Hinsichtlich des Vereinswesens, des Indifferentismus und Unionismus.)

IV.

Nach Gottes Wort halten wir daran fest, daß die Ge⸗
meinde der von Gott gestiftete und gewollte kirchliche Verein
ist, in welchem jeder Christ sich finden lassen soll. Von Gottes
wegen soll man dazu gehören. Die Gemeinde ist der höchste
kirchliche Verein oder Verband, dem alle andern unterstehen
und unterworfen sein sollen. Die Gemeinde soll in kirchlichen
Angelegenheiten das höchste und letzte Wort haben. Ihr hat
Christus die Schlüssel des Himmelreichs, die höchste Gewalt
verliehen. „Alles ist euer“, ruft der Apostel der korinthischen
Gemeinde zu, 1 Kor. 3, 22, und dies gilt jeder Ortsgemeinde.
— Freilich erkennen wir es unter Umständen für zweckmäßig,
gut und heilsam, daß sich innerhalb einer Gemeinde noch be⸗

sondere Vereine bilden: Jugend⸗, Frauen⸗, Gesangvereine und
dergleichen mehr. Diese sollen jedoch nicht neben oder gar
über, sondern unter der Gemeinde stehen. Auch sollen sie nicht
als ein neues Mittel gelten oder dafür sich ausgeben, die Leute
bei der Kirche und im Christentum zu erhalten oder um die
allgemeinen Christenwerke zu besorgen, so daß etwa gar au
diese Weise ein Kirchlein in der Kirche aufkomme, wie das bei
den Pietisten der Fall war. 3
Ein anderer Geist zeigt sich bei den Sekten hinsichtlich derz
Vereine. Da haben vielfach die Vereine das Heft in Händen
und führen das Regiment in den Gemeinden. Der Christliche —
Verein Junger Männer (Voung Men's Christian Association),
die Epworth' League der Methodisten und andere sind eine
Großmacht geworden in Sektenkreisen. Diese Vereine bean⸗
spruchen, das auszurichten, was doch eigentlich die Aufgabef.
der Kirche oder Gemeinde ist; sie veranstalten Gottesdienste
Gebetsversammlungen und andere Zusammenkünfte nach ihrer 4
Willkür. So lautet zum Beispiel ein Grundsatz der Voung
Men's Christian Association: „Die christlichen Vereine junger
Männer suchen eine Vereinigung derjenigen jungen Männer.
welche JEsum Christum als ihren Gott und Heiland ansehen E
wie die Heilige Schrift lehrt, und in ihrer Lehre und in ihrem
Leben seine Jünger sein wollen, sowie ein gemeinsamesf
Wirken zur Ausbreitung seines Reiches unterE
jungen Männern.“ (Lutheraner 46, S. 45.) Und daz
Schlimmste dabei ift dies, daß man nicht bloß Glieder aus
einer Kirchengemeinschaft, sondern aus den verschiedensten
aufnimmt. Das Ziel solcher Vereine ist eben, den religions.
mengerischen, unionistischen Geist zu hegen und zu pflegen. Daz.
ist freilich bei den Sekten nichts Auffälliges, da sie überhaupt
in bezug auf falsche Lehre sehr gleichgültig sind. Auch darin
herrscht bei ihnen, wie wir gleich sehen wollen, ein anderer
Geist. Wachen wir jedoch — diese Mahnung ist gewiß jett.
sehr nötig, da so viele Vereine entstehen und blühen —, daß
in unserer Mitte die Vereine nicht überhandnehmen und aus⸗
arten und den Gemeinden nicht über den Kopf wachsen und so
zum Schaden und Verderben ausschlagen, während die Ge
meinden etwa machtlos ihnen gegenüberstehen und die Kon.
trolle aus den Händen gegeben haben.
Doch nun wollen wir auch einige Worte sagen über In⸗
differentismus (religiöse Gleichgültigkeit) und Unio.
nismus (Glaubensmengerei). Immer wieder liest man so⸗i
wohl in kirchlichen als auch in weltlichen Blättern Belege dafür.
daß in Sektenkreisen Unionismus und Indifferentismus Haus
recht haben und herrschen. Bei Grundsteinlegungen, Kirch⸗
weihen und andern Festlichkeiten amtieren ganz brüderlich mit⸗
einander „Bruder“ Methodist, „Bruder“ Baptist und anderesl
„Brüder“, manchmal sogar lutherisch sein wollende und sich E
nennende. Selbst mit römischen Priestern, jüdischen Rabbinent
und Logenkaplänen arbeitet man Hand in Hand auf kirch
lichem, religiösem Gebiet. Ein falschgläubiger Prediger über ¹
läßt einem solchen aus einer andern Kirchengemeinschaft seiml
Kanzel. Auch die Laien finden es ganz in Ordnung, balh
hier⸗, bald dorthin in die Kirche zu gehen. Der Wechsel vor
einer Kirche zu einer andern ist vielen nicht mehr als das
Umwechseln von Kleidern. Bei Heiraten fragt man nicht
weiter danach, ob die betreffende Person zu derselben oder zul
einer andern protestantischen Kirche gehört. Man sieht andert
oder falsche Lehre nur als eine andere Ansicht und Meinung anI
Man behauptet sogar, daß es gut sei, daß es verschiedene Kirchen

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