Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 68, Nummer 5 › Seite 77

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 5. März 1912, Seite 77

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8 er „TutheranedSs 77

strebungen des Papsttums zu begeistern, und erfreuen sich daher
im besonderen Sinne der Anerkennung und des Segens der
Päpste. Der Katholikentag in Mainz im Jahre 1871 nahm
sofort das Dekret von der Unfehlbarkeit des Papstes gehorsam an.
Windthorst benutzte die Katholikentage, um dem neuen Deutschen
Reich das Leben schwer zu machen. Papst Pius IX. zollte 1873
in einem Erlaß den Katholikentagen seine besondere Anerkennung.
Der katholische Adel Deutschlands spielt bei den Versammlungen
eine hervorragende Rolle. Aber gerade der letztere Umstand scheint
nach und nach eine Mißstimmung in katholischen Kreisen Deutsch⸗
lands hervorgerufen zu haben. Ein katholisches Blatt, das „Bay⸗
rische Vaterland“, schrieb kürzlich in bezug auf die Katholikentage

in bölliger Nichtachtung der päpstlichen Anerkennung und des

päpstlichen Segens: „Vei der großen Aufmachung und Zu⸗
schneidung der ganzen Sache bei den Katholikentagen handelt
es sich mehr und mehr nicht um allgemeine Katholikentage, son⸗
dern um eine Veranstaltung zur höheren Ehre einer gewissen
Clique. In dieser Clique dürfen einige Bürgerliche neben
Adeligen und höheren Geistlichen mit am Draht ziehen. ..
Adelige Grünspechte, die als höchste Kunst das Monokelkneifen
gelernt haben und kaum trocken hinter den Ohren sind, Leute,
von deren Verdiensten niemand etwas weiß, spielen bei den
Katholikentagen die größte Rolle. Junge Herren, die man in
weiteren Kreisen kaum kennt, und deren Verdienste ein neuer
Diogenes am Tage mit der Laterne suchen müßte, sind in dem
leitenden Komitee. überall springen sie vor und machen sich
breit. . .. Und so wird es wohl am besten sein, wenn man in
Zukunft nicht mehr von Katholikentagen spricht, sondern von Ver⸗
anstaltungen zur Verherrlichung des Adels mit gnädiger Heran⸗
ziehung der Masse.“ Edle Beweggründe scheinen dem Wider⸗
spruch nicht zugrunde zu liegen. F. P.

Vom Irrtum zur Wahrheit.

Ein schon zur Ruhe der Seligen eingegangener Pastor
unserer Synode, der über vierzig Jahre lang dem HErrn im
heiligen Predigtamt gedient hat, machte in seinem siebzehnten
Lebensjahre folgende Aufzeichnungen, die kürzlich seinem Sohne
in die Hände fielen und uns zur Veröffentlichung zugestellt
wurden:

„Ich wurde geboren den

in von katholischen

Eltern. An demselben Tage wurde ich von Pfarrer getauft.
Meine Eltern sind Konfirmiert wurde ich am von
Pfarrer Näch drei Jahren kam ich nach zu einem

evangelischen Meister in die Lehre, um das ⸗Handwerk zu
erlernen. Da wurde ich mit christlichen Lenten bekannt, die
forschten fleißig in Gottes Wort. Das trieb mich auch an, in
demselben zu suchen. Da sah ich nun, daß es mit der Wahrheit
zur Seligkeit ganz anders stehe, als ich bis daher meinte, und
wie ich von der katholischen Kirche unterrichtet worden bin. Ich
fand, daß der Sünder allein aus Gnaden, durch den Glau⸗
ben, nicht durch Verdienst der Werke, wie die katholische Kirche
lehrt, vor Gott gerecht und selig werde. Da lernte ich, daß Gott
alles, was zu des Menschen Seligkeit nötig ist, in seinem Wort,
der Bibel, geoffenbart hat, und daß dieselbe die einzige Richt⸗
schnur des Glaubens, Lebens und Wandels ist. Das aber er⸗
kennt die katholische Kirche nicht an, sondern enthält Gottes Wort
ihren Gliedern vor. Da lernte ich, daß Christus unsere Seligkeit
allein an sein heiliges Verdienst gebunden habe. Jes. 45, 22:
Wendet euch zu mir, so werdet ihr selig, aller Welt Ende.“
Da setzt aber die katholische Kirche Menschengebote, Fasten, Wall⸗
fahrten, Almosen, Verbot der Speisen und Klosterleben und bindet
unsere Seligkeit daran.

„Der Apostel Paulus sagt Eph. 1, 22, Christus sei das

Haupt seiner Gemeinde und die Fülle des, der alles in allen er⸗
fülle. Da setzt die katholische Kirche den Papst und sagt, er sei
das Haupt der Gemeinde.

„Christus weist unsere Seelen nach dem Tode ins Paradies,
in Abrahams Schoß, da keine Qual ist. Da setzt die katholische
Kirche das Fegfeuer, das erdichtet worden ist, und lehrt, daß die
Seelen im Fegfeuer noch gefegt und gereinigt werden müßten
von allen Sünden. Aber die Schrift lehrt, daß doch Christi Blut
uns vollkommen gereinigt hat von allen Sünden. Hebr. 7, 26. 27;
1 Petr. 2, 24; Jes. 58, 4. 5; 1 Petr. 1, 18. 19; 1 Joh. 2, 1. 2.

„Die katholische Kirche lehrt, daß man mit Geld den Ablaß
der Sünden von einem Menschen, besonders vom Papst, erkaufen
könne. Das Wort Gottes aber sagt: „Das Blut JEsu Christi,
des Sohnes Gottes, macht uns rein von aller Sünde“, und daß
das Blut JEsu Christi das rechte Lösegeld sei, wodurch uns als
durch die höchste Bezahlung Ablaß und Vergebung der Sünden
erkauft ist und im Wort Gottes und in den heiligen Sakramenten
umsonst geschenkt wird, Kol. 1, 14. 20.

„Der Apostel Paulus weist uns allein auf das Mittleramt
JEsu Christi, 1 Tim. 2, 5: Es ist ein Mittler zwischen Gott
und den Menschen, der Mensch IEsus Christus, der sein Leben
gegeben hat zur Erlösung für alle. Da sagt die katholische Kirche,
daß man die Heiligen für Mittler, Patrone und Nothelfer an⸗
rufen solle.

„Der Apostel sagt: ‚„Christus hat unsere Sünden selbst ge⸗
opfert an seinem Leibe auf dem Holz, auf daß wir, der Sünde
abgestorben, der Gerechtigkeit leben, durch welches Wunden ihr
seid heil worden.“ Da weist die katholische Kirche auf das Ver⸗
dienst der eigenen Werke und auf unsere Gerechtigkeit. Jes. 64, 6
aber heißt es: ‚Aber nun sind wir allesamt wie die Unreinen,
und alle unsere Gerechtigkeit ist wie ein unflätig Kleid.“

„Da ich nun dieses eingesehen habe, so ist es mein Wunsch,
auch in eine solche Kirche aufgenommen zu werden, die ihren
Grund in Gottes Wort sucht und die Gewissen nicht beschwert.“ —

Der dieses als siebzehnjähriger Jüngling geschrieben, hat
dann oft bekannt, daß gerade die Hausandachten ihm zur
Klarheit verholfen haben. Auch lockende Anerbieten und Ver⸗
sprechen der Römischen, ihn zum Rücktritt in die katholische Kirche
zu bewegen, konnten ihn nicht wankend machen.

Wann ich einmal soll scheiden,
So scheide nicht von mir.

Als ich, so erzählt ein Offizier, nach dem blutigen Schreckens⸗
tag von Gravelotte über das Schlachtfeld ging, hörte ich einen
Verwundeten wimmern. Ich lenkte meine Schritte nach der
Richtung, wo ich den Verwundeten vermutete. Da bot sich mir
ein schauerlicher Anblick, bei dem mein Herz aufs tiefste ergriffen
wurde. Der Verwundete war ein junger Mann; eine Granate
hatte ihm beide Beine zerschmettert. Da lag er, die Hände auf
der Brust gefaltet, das sterbensbleiche Antlitz vom Mond hell be⸗
leuchtet, mit schmerzverzogenen Zügen, die Augen gen Himmel
gerichtet. „Gott tröste Euch, Kamerad; Ihr leidet wohl ent⸗
setzlich“, sagte ich zu ihm. „'s wird bald zu Ende sein, Herr
Leutnant; aber es ist doch schön, in der Sterbestunde noch eine
menschliche Stimme zu hören, dann ist's weniger schwer.“ „Wollt
Ihr einmal trinken, Kamerad?“ Ich hatte glücklicherweise meine
Feldflasche noch bei mir, und an seinem Danke sah ich, wie ihn
der Schluck Wein erquickt hatte; mir tat es auch gut.

Und nun sprachen wir zusammen. O, ich werde es nie
vergessen! Von der Heimat, von dem lieben Vaterhause am
fernen Ostseestrande erzählte er mir. Vor den Augen des
Sterbenden zogen noch einmal die Bilder einer ganz glücklichen

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