Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 68, Nummer 5 › Seite 74
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 5. März 1912, Seite 74
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74 S Wer 2 utheraneL
„Wirklich rührend und beschämend war seine unge⸗
heuchelte Demut, die ihn, den so reichbegabten, gutge⸗
schulten, vielerfahrenen Mann, bewog, bereitwilligst dem Rate
seiner Freunde zu folgen und sein Urteil dem ihrigen unter⸗
zuordnen, sobald er sich von der Richtigkeit desselben überzeugt
hatte. Infolgedessen war es eine Lust und Freude, mit ihm
gemeinschaftlich zu arbeiten in der Kirche wie in der Schule.
„Diese seine Arbeit verrichtete er mit uner müdlichem
Fleiß, den selbst schweres körperliches Leiden nicht zu lähmen
vermochte. Denkmäler dieses von Gott reichgesegneten Fleißes
sind unter andern: die Dreieinigkeitsgemeinde zu Milwaukee,
das Lehrerseminar zu Addison (dessen Wiege in Milwaukee
gestanden hat), unser Gesangbuch, seine Postille, sein Passions⸗
und Osterbuch, sein liturgisches Werk „Der Hauptgottesdienst
der ev.⸗Iuth. Kirche“ und seine vielen sonstigen belehrenden und
erbaulichen Schriften und in unsern verschiedenen Zeitschriften
veröffentlichten Artikel. Alle diese vielen Denkmäler sorgen
dafür, daß „das Andenken dieses Gerechten im Segen bleibt“,
und berechtigen uns, auch auf ihn das Wort anzuwenden:
„Ist gestorben und lebet noch“, lebet noch im Andenken nicht
nur einer dankbaren Sondergemeinde, sondern auch der Kirche
im großen und ganzen, die sich noch jetzt dankbar der Früchte
seines gottgesegneten Fleißes erfreut.“ L. F.
Zur kirchlichen Chronik.
Amerika.
Professor E. Pardieck, der den Beruf an die achte Professur
unsers St. Louiser Predigerseminars angenommen hat, ist am
15. Februar mit den Seinen glücklich hier angekommen und wurde
am 21. Februar von D. Pieper, dem Präses unserer Anstalt, in
Gegenwart der andern Glieder der Fakultät der versammelten
Studentenschaft mit einer kurzen Ansprache vorgestellt. Er über⸗
nimmt von der nächsten Nummer an die Redaktionsgeschäfte des
„Lutheraner“. Außerdem wird er die Bearbeitung der kirchlich⸗
zeitgeschichtlichen Abteilung in „Lehre und Wehre“ übernehmen,
die Redaktion des englischen Teils des „Magazin für ev.⸗luth.
Homiletik und Pastoraltheologie“ und im Seminar die englische
Homiletik in der zweiten Klasse und die damit verbundenen Pre⸗
digtübungen. Gott setze ihn unserer Anstalt und der ganzen
Kirche zu reichem Segen! L. F.
LDTLEEANVWITNIESS. Zufolge der Vereinigung der
englischen und deutschen Missourisynode hat sich der Wirkungs⸗
kreis des Lutheran Witness, der bislang fast ausschließlich den
Bedürfnissen der Englischen Synode diente, erweitert. Er ist
nun ein offizielles Blatt der ganzen Missourisynode geworden
und soll an seinem Teile helfen, der Arbeit in englischer Sprache
in den weiten Kreisen unserer Synode zu dienen. Dement⸗
sprechend ist kürzlich durch das dazu ernannte Komitee ein soge⸗
nanntes Redaktionskomitee ernannt worden. Es besteht aus
P. G. Romoser als Hauptredakteur und aus Prof. C. A. Weiß
und den Pastoren W. Bröcker und G. Schüßler als Hilfsredak⸗
teuren. Dieses Komitee versammelte sich am 19. Februar in
der Wohnung P. Schüßlers und beriet, wie die Redaktionsarbeit
verteilt und das Blatt am besten den jetzigen Bedürfnissen ent⸗
sprechend redigiert werden könne. Es sollen darin regelmäßig
fortlaufende Lehrartikel erscheinen. Die Leser werden unter⸗
richtet werden über die Gestalt einer wahrhaft evangelisch-luthe⸗
rischen Gemeinde, über unsere synodalen Einrichtungen und unsere
mannigfaltige kirchliche Arbeit, sowie Aufschluß erhalten über
allerlei Ereignisse, zumal aus unsern Kreisen. Der HErr wolle
die Arbeit der Brüder an diesem Blatte segnen, ihm viele neue
Leser zuführen und geben, daß es im Sinne und Geiste seines
älteren und erfahrenen Bruders, des „Lutheraner“, sein Werk
treibe! F. Pf.
Wie erreicht die christliche Kirche die unkirchlichen Massen?
Diese Frage ist in letzter Zeit immer wieder in den großen Ver?
sammlungen, die dem Men and Religion Movement“ dienen
sollen, erörtert worden. Nach einem uns vorliegenden Bericht
hat ein presbyterianischer Pastor bei einer Versammlung in
Philadelphia besonders das „Anzeigen“ (advertising) in den
weltlichen Zeitungen empfohlen. „Ministers and churches should
advertise. That is the way to reach the people.“ Er beweist
dies so: „Wenn wir in einen Kaufladen gehen, um Seife zu
kaufen, welche Sorte verlangen wir? Die Sorte, welche am
meisten angezeigt wurde. ... Warum wollen wir nicht auch
unsere Kirchen vor dem großen Publikum halten, so daß, wenn
jemand in die Zeitung sieht, unsere Botschaft ihn grüßt und
unsere Einladung ihm vor Augen tritt? Vielleicht hat das nicht
sofort Erfolg, aber wenn wir damit anhalten, so werden wir
ihn doch eines Tages gewinnen. ... Eines Tages werden
wir in der Sonnabendnummer der Zeitungen kirchliche Anzeigen
haben, die eine ganze Seite füllen, unter der überschrift: An
die Leute in Philadelphia.“ Wenn wir das 52mal im Jahr tun,
so werden wir dadurch unbedingt eine der Kirche IEsu Christi
günstige Stimmung hervorrufen.“ — Jeder Christ sieht, daß
hier auf ein äußerliches Ding ein zu großer Wert gelegt wird.
Die Gemeinden mögen ihre Gottesdienste auch in den Zeitungen
anzeigen. Unter gewissen Umständen sollten sie das auch
tin. Wir sehen, daß zum Beispiel unsere Reiseprediger in
Canada ihre Gottesdienste in den canadischen weltlichen Zeitungen
anzeigen und so ihre Zuhörer zusammenrufen. Wer wollte das
tadeln? Aber vergessen wir über diesem „Anzeigen“ in welt⸗
lichen Zeitungen, das unter gewissen Umständen geboten erscheint,
nicht das „advertising', das unter allen Umständen
von Gott geboten und auch die einzige Weise ist, wie die
Kirche wirklich „die Massen“ erreicht. Dies „advertising“ ge⸗
schieht dann, wenn alle Christen — Männer, Weiber und Kinder
— sowohl gottselig vor der Welt wandeln, als auch in ihrem
Verkehr mit Ungläubigen von Christo und dem
Heil in ihm Zeugnis ablegen. Daß nach Gottes Be⸗
fehl und Ordnung alle Christen in allem ihrem Wandel Chri⸗
stum und seine Kirche vorteilhaft „anzeigen“ sollen, lehrt die
Schrift, wenn sie sagt: „Führet einen guten Wandel unter den
Heiden, auf daß die, so von euch afterreden als von übeltätern,
eure guten Werke sehen und Gott preisen. . .. Denn das ist
der Wille Gottes, daß ihr mit Wohltun“ — das ist, durch gute
Werke — „verstopfet die Unwissenheit der törichten Menschen“,
1 Petr. 2, 12. 15. Daß alle Christen nach Gottes Befehl und
Ordnung auch durch die Bezeugung des Evangeliums Christum
und seine Kirche in der Welt „anzeigen“ sollen, lehrt die Schrift,
wenn sie alle Christen — nicht etwa bloß die Pastoren — so
anredet: „Ihr seid das auserwählte Geschlecht .. , daß ihr
verkündigen sollt die Tugenden des, der euch berufen hat von
der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht“, 1 Petr. 2, 9.
Das Pfarramt ist ja göttliche Ordnung, an die jede Gemeinde
gebunden ist, und es würde, wie Luther des öfteren erinnert,
ein großer Schade geschehen, wenn es auch nur ein Jahr lang
daniederliegen würde. Aber wir würden uns täuschen, wenn wir
meinen wollten, daß die christliche Kirche „die Massen“ erreicht,
wenn sie die Bezeugung des Evangeliums allein den Pastoren
überläßt. Denken wir zum Beispiel an die Tätigkeit der luthe⸗
rischen Kirche in der Stadt St. Louis. Wir haben hier etwa
30 Pastoren. Und das sind lauter Männer, die fleißig im
Predigen und fleißig in Hausbesuchen sind. Aber was sind diese
30 Männer unter der großen unkirchlichen Masse! Aber wenn
7SE Æ
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