Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 68, Nummer 5 › Seite 73
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 5. März 1912, Seite 73
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SDer utherane
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konnte er ruhig im eigenen Hause leben und sich mit schrift⸗
stellerischer Arbeit beschäftigen, was er je und je so gern und
so erfolgreich getan hatte. Aber auch im Predigtamte konnte
er noch dienen. Gott fügte es so, daß seine alte vormalige
Gemeinde, an der er 26 Jahre gewirkt hatte und an der er
immer noch mit großer Liebe hing, ihn in seinen alten Tagen
noch einmal berief und als Hilfsprediger ihrem Pastor H.
Sprengeler an die Seite stellte. über zehn Jahre ist er dann
noch tätig gewesen, in den ersten Jahren auch auf der Kanzel,
zuletzt nur noch bei der Verwaltung der Sakramente, da seine
Stimme schwach und seine Augen dunkel gewor den waren.
Diese Tätigkeit im Amte bis zuletzt ist ihm eine große und
bleibende Freude gewesen. In ihr hat er auch im Jahre 1895
sein goldenes Amtsjubiläum feiern dürfen.
Aber auch das Kreuz kehrte wieder in Milwaukee bei
ihm ein und traf ihn auf das schmerzlichste. Auch seine dritte
Gattin wurde ihm im Januar 1895 unerwartet und plötzlich
durch den Tod entrissen. Diesen Schlag hat er nie verwunden.
Einsam wallte er nun die letzten sieben Jahre, doch stets von
treuer Kindesliebe gehegt und gepflegt. Seine Aufzeichnungen
zeugen von seinem tiefen Schmerz. „Noch brennt die ge—
schlagene Wunde, und wie manches Mal tränt dabei das Auge!
Doch geschieht das mit Beugung unter des SErrn Willen.
„Der SErr hat's gegeben, der HErr hat's genommen —
darum sei gelobet der Name des HErrn!'“
Das rechte, ewige Daheim kam ihm am 14. Februar 1902.
Ein Schlagfluß führte ihn schnell in die selige Ewigkeit. Er
erreichte ein Alter von 79 Jahren, 4 Monaten und 22 Tagen;
über 56 Jahre hat er im heiligen Predigtamt gestanden. Am
18. Februar wurde er unter außerordentlich großer Teilnahme
zu Grabe getragen. P. Sprengeler hielt ihm die Leichenrede
über das SErrenwort 2 Kor. 12, 9: „Laß dir an meiner
Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen
mächtig.“ Diesen Text hatte er lange vor seinem Abschied
zu seinem Leichentext bestimmt. —
So führst du doch recht selig, HErr, die Deinen,
Ja selig und doch meistens wunderlich —
Wie könntest du es böse mit uns meinen,
Da deine Treu' nie kann verleugnen sich!
Die Wege sind oft krumm und doch gerad',
Darauf du läßt die Kinder zu dir gehn;
Da pflegt es wunderseltsam auszusehn;
Doch triumphiert zuletzt dein guter Rat.
Lochner hat diesen Vers Gottfried Arnolds als Motto auf das
Titelblatt der Mitteilungen aus seinem Leben geschrieben. Die
Wahrheit desselben liegt auch in seiner Lebensgeschichte offen
zutage.
Ein Israelitohne Falsch.
Der Schreiber dieses Lebensabrisses hat sich bisher aller
eingehenderen Würdigung der Persönlichkeit und der Bedeutung
Friedrich Lochners absichtlich enthalten. Dazu stand er dem
Lebenswerke des Seligen nicht nahe genug, auch war der
Altersunterschied zu groß, obwohl er den langjährigen treuen
Freund und Verwandten des Elternhauses gut gekannt und viel
mit ihm in Verbindung gestanden hat. Aber er hat sich von
einem, der Lochner gerade in der Milwaukeeer Zeit und dann
zeitlebens nahegestanden hat, brieflich eine Schilderung des⸗
selben geben lassen, die so gehaltvoll und zutreffend ist, daß sie
hier zum Schluß vollständig folgen möge. Der verehrte Brief⸗
schreiber sagt:
„Was jedem, der den seligen Lochner kennen lernte, so⸗
fort entgegentrat, war sein freundliches, gewinnen⸗
des Wesen, die ungeheuchelte Herzensgüte, die ihm sozu⸗
sagen aus den hellen, klaren Augen herausschaute. Kein
Wunder, daß er sich bei jung und alt, bei reich und arm, bei
Weib und Mann, bei Freund und Feind wie im Sturm die
Herzen eroberte und sofortiges Zutrauen erweckte. Diese
Freundlichkeit seines Wesens war, weil nicht erkünstelt, auch
beständig dieselbe; selbst wenn er zu strafen genötigt war,
fühlte man ihm doch ab, wie weh es ihm selbst tat, wenn er
den Stab Wehe schwingen mußte. In geselligen Zusammen⸗
künften zog er wohl bald die Aufmerksamkeit aller auf sich, da
er die Unterhaltungsgabe in hohem Maße besaß und stets den
rechten Ton zu treffen wußte, so daß man sich in seiner Gesell⸗
schaft rasch heimisch fühlte und sich ungern von ihm trennte.
„Lochner besaß große Heiterkeit des Gemüts,
die selbst unter dem schwersten, langwierigsten Kreuze sich
nicht verleugnete. Er war ein echter Sanguiniker, das heißt,
er hatte nicht nur von Natur ein sanguinisches Temperament,
sondern er hatte es noch besonders ausgebildet: hatte ihn doch
das „sanguis“ (Blut) Christi rein gemacht von allen Sünden,
und hatte er doch seine Kleider helle gemacht im „sanguis“ des
Lammes! Lag das Kreuz ihm auch noch so schwer auf den
Schultern, ja auf dem Herzen, und wollte ihn mutlos und
schwermütig machen, — er gewann doch bald wieder seine
heitere Ruhe und konnte mit Paul Gerhardt, dem er über⸗
haupt, auch in anderer Hinsicht, ziemlich ähnlich war, singen:
Die Sonne, die mir lachet,
Ist mein HErr IEsus Christ;
Das, was mich singen machet,
Ist, was im Himmel ist.
„Lochner war ein Mann von großer Zartheit des
Gemütes, eine wahre Johannesseele, die vor Kampf und
Streit zurückschreckte. Doch hatte Gott ihn an einen Posten
gestellt, an dem mancherlei schwere Kämpfe ausgefochten wer⸗
den mußten, und da bewies sich Gottes Kraft wiederum in
dem Schwachen mächtig und ließ aus dem Lamm einen Löwen
werden. Wo es sich um die Wahrheit, um die Ehre seines
Gottes und das Heil der Kirche handelte, kannte der sonst so
zarte und fast schüchterne Lochner keine Furcht und trat dem
Gegner mit tapferem Mute entgegen. Er wußte ihm dabei so
wuchtige Hiebe zu versetzen, daß der geschlagene Feind nicht
nur zu öffentlicher Beschimpfung griff, sondern daß man ihm
einmal sogar persönliche Mißhandlung androhte, die er auch
wohl erlitten haben würde, wenn seine Freunde sich nicht als
Leibgarde um ihn geschart und ihn aus der so stürmischen
Versammlung nach Hause geleitet hätten.
„Diese Festigkeit seines Auftretens wurzelte in seiner
Gewissenhaftigkeit und Treue, die sich in all sei⸗
nem Tun deutlich zeigte, besonders in seiner musterhaften
Vorbereitung auf die Predigt und alle seine öffentlichen Reden.
Die Furcht, vielleicht irgend etwas Wesentliches oder Wichtiges
zu verschweigen oder zu übergehen, veranlaßte ihn sogar, be⸗
sonders bei historischen Auseinandersetzungen, mitunter etwas
weitschweifig zu werden, was er, wenn man ihn darauf auf⸗
merksam machte, in seiner herzlichen Bescheidenheit zwar sofort
anerkaunte, jedoch damit zu entschuldigen suchte, daß alle die er⸗
wähnten Einzelheiten doch dazu dienen könnten, ein getreues
Bild von der zu schildernden Sache zu geben.
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