Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 6, Nummer 11 › Seite 82

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1850-01-22, Seite 82

81 82 83 84 85 86 87 88

⤓ Download page image (full resolution)

German transcription AI-corrected against the scan

Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Unzucht · Miſſion 32

⤓ Download .txt · copy text

82

Gott hat zwar das jüdische Volk vor allen andern Völkern zu einem Volke des Eigenthums sich auserwählt, einen Gnadenbund mit demselben aufgerichtet und ihm vor allen andern das Wort seiner Offenbarung geschenkt; aber dadurch hat Gott seine Gnade den Juden keineswegs allein zuwenden und dieselbe den heidnischen Völkern entwenden und versagen wollen. Wie die Sonne ihr Licht nicht allein für sich, sondern für die ganze Welt hat, so sollte auch das dem Volke Israel von Gott angezündete Licht der göttlichen Offenbarung nicht allein für Israel, sondern für alle Völker leuchten. Darum hat auch Gott dem jüdischen Volke gerade in Canaan, dem Mittelpunkt der damals bevölkerten Welt, seine Wohnsitze angewiesen; darum es vorher und nachher von Land zu Land und von Volk zu Volk ziehen und endlich in alle Welt zerstreut werden lassen; darum auch endlich unter demselben so große Wunder und Zeichen gethan, wovon das Gerücht bis in die fernsten Gegenden erscholl: damit nemlich das jüdische Volk eine auf hohem Berge liegende, aller Welt sichtbare und zugängliche Stadt Gottes, ein wie auf den Weltleuchter gestelltes, in alle Lande hin scheinendes Licht und ein geistlicher Leuchtthurm für alle Nationen sei, und die in Blindheit und Götzendienst versunkene Heidenwelt Gelegenheit habe, fort und fort zur Erkenntniß des wahren Gottes wieder zu gelangen.

Es ist nun zwar freilich wahr, daß trotz aller dieser Anstalten Gottes, auch allen Heiden sein seligmachendes Wort zu schenken, dennoch ungezählte Millionen Menschen durch die Schuld ihrer Voreltern des Wortes Gottes beraubt und in die Nacht heidnischer Unwissenheit und Aberglaubens zurückgesunken sind. Es entsteht daher die Frage: warum hat Gott nicht dafür gesorgt, daß jederzeit den Nachkommen derjenigen, welche sein Wort veruntreut und von sich geworfen hatten, dasselbe auf's Neue gebracht wurde? — Wenigstens Eine Ursache läßt das von Gott oft beobachtete Verfahren uns erkennen, denjenigen sein Wort nicht predigen zu lassen, von denen er im Voraus weiß, daß sie es nicht im Glauben annehmen, sondern es verwerfen werden. Als z. B., wie aus Apostelgeschichte am 22. erzählt wird, der neubekehrte Paulus, vor Begierde brennend, den Gekreuzigten, den er in seinen Gliedern vorher zu Jerusalem verfolgt hatte, daselbst zu bekennen, in Jerusalem bleiben wollte, da sprach der HErr zu ihm: „Eile, und mache dich behende von Jerusalem hinaus; denn sie werden nicht aufnehmen dein Zeugniß von mir." Es ist daher kein Zweifel: hätte Gott gewußt, daß die in der Finsterniß des Heidenthums dahin Lebenden sein Wort annehmen würden, so würde er es ihnen haben predigen lassen, und wenn es durch Engel vom Himmel hätte geschehen müssen.

Doch, meine Lieben, obwohl wir Gott deßwegen nicht anklagen können, daß so viele Millionen schon dahin gestorben sind und noch immer dahin sterben, welche nie etwas von ihrem Heilande gehört haben; obwohl wir den Grund dazu nicht, wie eine gewisse Parthei in der Christenheit, gotteslästerlich in einem absoluten Rathschluß Gottes, an diesen Millionen vorüberzugehen; obwohl wir vielmehr hier ein gerechtes Gericht über Menschen erkennen müssen, von denen Gott vorauswußte, daß sie sein Wort, wenn es ihnen gepredigt worden wäre, doch nicht angenommen haben würden; obwohl also die Heiden um ihrer Sünde willen verloren gehen: so sind doch alle aus Schuld der Christen ohne Gottes Wort in Trost- und Hoffnungslosigkeit dahin schmachtende verlassene Heiden lauter Ankläger der Christen vor Gott und Gott wird einst aus den Händen der Christen das Blut aller dieser von ihnen verwahrlos'ten Seelen fordern. Die Bekehrung der Heiden ist und bleibt eine Pflicht, die jeder an seinem Theile hat, der sich einen Christen nennt, kurz, die Heidenmission ist und bleibt eine Christenschuld. Davon laßt mich jetzt ein Mehreres zu euch sprechen.

Text: Matth. 2, 1—12.

Nachdem uns die Texte des Weihnachtsfestes die Offenbarung des neugeborenen Heilandes unter dem Volke Israel erzählt haben, so erzählt uns der heutige soeben verlesene Festtext die erste Offenbarung des neugeborenen Heilandes unter den Heiden. Haben wir also vor zwölf Tagen gewissermaßen das Weihnachten der Juden gefeiert, so feiern wir heute das Weihnachten der Heiden, das uns vor allem angeht, da wir von heidnischen Vorvätern abstammen. Billig gedenken wir daher heute jenes Werkes, durch welches immer mehr Heiden zur Erkenntniß ihres Heilandes gebracht werden sollen, des heiligen Missionswerkes. So laßt mich euch denn jetzt vorstellen:

Die Heidenmission, eine Christenschuld;

ich zeige euch hierbei:

I. in wiefern die Heidenmission eine Schuld aller Christen, und

II. in wiefern dieses Werk eine Schuld insonderheit jetzt für uns hier sei.

I.

Es war, meine Lieben, eine wunderbare Weise, auf welche einst die Erstlinge aus dem Heidenthum zu Christo geführt wurden. In einem weit von Judäa nach Morgen liegenden Lande, wahrscheinlich in Persien, war nemlich mehreren Weisen jenes Landes ein wunderbarer Stern erschienen und Gott hatte es denselben geoffenbart, daß dieser Stern die Geburt des von dem jüdischen Volke seit langen Jahrhunderten erwarteten Gnadenkönigs bedeute. Alsobald machen sich daher die Weisen auf den Weg nach der Hauptstadt des jüdischen Landes, Jerusalem, und, hier angekommen, sprechen sie: „Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenlande, und sind gekommen ihn anzubeten." Die Kunde von der Ankunft dieser fernher kommenden seltsamen Gäste und von ihrer noch seltsameren Frage erfüllt bald ganz Jerusalem und dringt endlich bis in die Gemächer des Königs Herodes. Alles vernimmt die Nachricht mit Erschrecken. Doch was geschieht? Der König läßt sogleich alle Hohepriester und Schriftgelehrten unter dem Volke versammeln, fragt sie, wo nach der Schrift der Messias geboren werden solle, und nachdem diese ihm aus dem Propheten Micha gezeigt haben, daß er in Bethlehem geboren werden müsse, weis't der König die Weisen nach diesem Städtlein. Der erhaltenen Weisung folgend, finden denn dieselben auch endlich, den sie gesucht haben, fallen vor dem Kindlein nieder, beten es an, thun ihre Schätze auf und kehren hierauf, den ewigen Schatz seligmachender Erkenntniß in ihrem Herzen tragend, wieder heim.

So wunderbar nun in dieser Geschichte der Umstand ist, daß die Weisen durch einen Wunderstern nach Judäa geführt wurden, so erscheint das doch noch wundersamer, daß Gott den Stern nicht dazu erwählte, die Weisen ohne Umwege geradezu nach Bethlehem zu führen, daß vielmehr erst der jüdische König mit seinen Hohenpriestern und Schriftgelehrten denselben aus Gottes Wort zeigen mußte, daß Bethlehem der Ort sei, wo Christus gefunden werden könne. Wir können uns nicht denken, daß der allweise Gott dies nicht aus weisen Absichten, nicht aus allwichtigen Ursachen gethan haben sollte. Was war es aber wohl, warum Gott so verfuhr? Wer dürfte es wagen, alle die heiligen Absichten Gottes hierbei ergründen zu wollen? Aber ein Hauptgrund — dies lehrt uns die Aehnlichkeit des Glaubens — war ohne Zweifel dieser: Gott wollte damit für alle kommende Zeiten anzeigen, daß er die Heiden nicht durch unmittelbare Offenbarungen, nicht durch Wunder, nicht durch Sterne, nicht durch Engel oder sonst durch außerordentliche himmlische Erscheinungen, sondern durch Menschen, und zwar durch seine schon bestehende Kirche, zu seinem lieben Sohne führen wolle, daß also die Heidenmission eine Kirchen-, eine Christenschuld sei.

Es meinen in unsern Tagen leider! nur zu viele, selbst solche, denen man nicht alles Christenthum absprechen kann, daß die Heidenmission zwar ein löbliches Werk sei, ein Werk aber, das man ebenso thun, wie lassen und an dem man sich ebensowohl betheiligen, wie unbetheiligt bleiben könne; und da es jetzt der Noth und der Bedürfnisse mitten in der Christenheit selbst so viele gebe, mehr, als gethan werden könne, so, meinen viele, sei die Mission eine Last, die man den Christen in diesen Nothzeiten nicht auch noch auflegen, ein Werk, das man, um andere nöthige Dinge nicht zu hindern, lieber jetzt unterlassen sollte. Aber, meine Lieben, solche Christen sind im Irrthum. Die christliche Kirche ist und bleibt zu jeder Zeit eine Schuldnerin der ganzen noch außer Christo lebenden Welt. Sie soll nach Gottes Willen die fruchtbare Mutter sein, aus deren Schooß ihm immer mehr Kinder, wie der Thau aus der Morgenröthe, auch aus den Heiden geboren werden. Auf ihr liegt es, daß den Heiden der himmlische Stern des Wortes angezündet und dieselben nach Bethlehem gewiesen werden. Dies

English translation AI translation

⤓ Download .txt · copy text

82

God indeed chose the Jewish people before all other nations to be a people of His own possession, established a covenant of grace with them, and bestowed upon them before all others the Word of His revelation; but by this God by no means meant to turn His grace toward the Jews alone, and to withdraw and withhold it from the heathen nations. As the sun has its light not for itself alone, but for the whole world, so the light of divine revelation, kindled by God for the people of Israel, was to shine not for Israel alone, but for all peoples. For this reason God also assigned to the Jewish people their dwelling-places precisely in Canaan, the center of the world as it was then populated; for this reason He let them, before and after, move from land to land and from people to people, and at last be scattered into all the world; for this reason also, finally, such great wonders and signs were done among them, the report of which resounded into the farthest regions: namely, that the Jewish people might be a city of God set on a high hill, visible and accessible to all the world, a light set as upon the lampstand of the world, shining into all lands, and a spiritual lighthouse for all nations, and that the heathen world, sunk in blindness and idolatry, might have opportunity continually to come again to the knowledge of the true God.

It is indeed true, to be sure, that in spite of all these provisions of God to give His saving Word to all the heathen also, nevertheless countless millions of men, through the fault of their forefathers, have been robbed of the Word of God and have sunk back into the night of heathen ignorance and superstition. The question therefore arises: why has God not provided that, at all times, the Word should be brought anew to the descendants of those who had squandered His Word and cast it from them? — At least One reason is made known to us by the course so often observed by God, of not letting His Word be preached to those of whom He knows beforehand that they will not accept it in faith, but will reject it. As, for example, when, as is told in the Acts of the Apostles in the 22nd chapter, the newly converted Paul, burning with desire to confess there in Jerusalem the Crucified One, whom he had formerly persecuted in His members at Jerusalem, wished to remain in Jerusalem, the LORD said to him: "Make haste, and get thee quickly out of Jerusalem; for they will not receive thy testimony concerning me." There is therefore no doubt: had God known that those living in the darkness of heathenism would accept His Word, He would have had it preached to them, even if it had to be done by angels from heaven.

Yet, my beloved, although we cannot on that account accuse God that so many millions have already died, and still keep dying, who never heard anything of their Saviour; although we do not seek the reason for this, as a certain party in Christendom does, blasphemously in an absolute decree of God to pass by these millions; although we must rather recognize here a righteous judgment upon men of whom God foreknew that they would not have accepted His Word even if it had been preached to them; although therefore the heathen are lost on account of their sin: nevertheless all the forsaken heathen, languishing without God's Word in comfortlessness and hopelessness through the fault of Christians, are so many accusers of the Christians before God, and God will one day require from the hands of Christians the blood of all these souls neglected by them. The conversion of the heathen is and remains a duty which every one has his share in who calls himself a Christian; in short, the heathen mission is and remains a debt of Christians. Of this let me now speak to you somewhat further.

Text: Matth. 2, 1—12.

After the texts of the Christmas festival have told us of the revelation of the newborn Saviour among the people of Israel, so the festival text of today, just read, tells us of the first revelation of the newborn Saviour among the heathen. If, therefore, twelve days ago we celebrated in a manner the Christmas of the Jews, so today we celebrate the Christmas of the heathen, which concerns us above all, since we descend from heathen forefathers. It is fitting, therefore, that today we remember that work through which more and more heathen are to be brought to the knowledge of their Saviour, the holy work of missions. So let me now present to you:

The Heathen Mission, a Debt of Christians;

I show you herein:

I. in how far the heathen mission is a debt of all Christians, and

II. in how far this work is a debt especially now for us here.

I.

It was, my beloved, a wonderful way in which the first-fruits from heathendom were once led to Christ. In a land lying far east of Judea, probably in Persia, a wonderful star had appeared to several wise men of that land, and God had revealed to them that this star signified the birth of the King of grace, long awaited by the Jewish people for centuries. Immediately, therefore, the wise men set out on the way to the capital of the Jewish land, Jerusalem, and, arrived here, they say: "Where is he that is born King of the Jews? for we have seen his star in the east, and are come to worship him." The tidings of the arrival of these strange guests from afar, and of their still stranger question, soon fill all Jerusalem and at last penetrate to the chambers of King Herod. Every one receives the news with alarm. But what happens? The king straightway has all the chief priests and scribes among the people gathered together, asks them where, according to the Scripture, the Messiah should be born, and after they have shown him from the prophet Micah that He must be born in Bethlehem, the king directs the wise men to this little town. Following the direction received, they find at last Him whom they had sought, fall down before the little Child, worship Him, open their treasures, and thereupon return home, bearing in their hearts the eternal treasure of saving knowledge.

Now, as wonderful as is the circumstance in this history that the wise men were led to Judea by a wonder-star, yet it appears still more wonderful that God did not choose the star to lead the wise men without detour straight to Bethlehem, but that rather the Jewish king with his chief priests and scribes first had to show them from God's Word that Bethlehem was the place where Christ could be found. We cannot think that the all-wise God did this not from wise purposes, not from most weighty reasons. But what was it, then, why God so proceeded? Who would dare to wish to fathom all the holy purposes of God herein? But a chief reason — this the analogy of faith teaches us — was without doubt this: God wished thereby to show for all times to come that He would lead the heathen to His dear Son not by immediate revelations, not by wonders, not by stars, not by angels or otherwise by extraordinary heavenly appearances, but by men, and indeed by His already existing Church, so that the heathen mission is therefore a debt of the Church, a debt of Christians.

In our days, alas! only too many, even such as one cannot deny all Christianity, think that the heathen mission is indeed a laudable work, but a work which one may just as well do as leave undone, and in which one may just as well take part as remain uninvolved; and since there is now, in the midst of Christendom itself, so much need and want, more than can be met, therefore, many think, the mission is a burden which one should not lay upon Christians in these times of distress besides, a work which, in order not to hinder other needful things, it were better to omit now. But, my beloved, such Christians are in error. The Christian Church is and remains at all times a debtor to the whole world still living without Christ. She is, according to God's will, to be the fruitful mother, from whose womb ever more children, like the dew from the womb of the morning, are to be born to Him also from among the heathen. It rests upon her that the heavenly star of the Word be kindled for the heathen and that they be directed to Bethlehem. This