Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 7, Nummer 17 › Seite 134
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1851-04-15, Seite 134
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der lutherischen Kirche zu bleiben, während er doch unwissend oder boshaft genug ist, diejenigen, die der alten herrlichen lutherischen Gottesdienstordnung das Wort reden, als Puseyiten und halbe Römlinge hinzustellen. Das heißt in der That aller Wahrhaftigkeit aller Geschichte, aller auch nur gemeinen Ehrlichkeit ins Angesicht Hohn gesprochen, und muß demnach eine gräuliche Finsterniß und Unwissenheit in einer Synode herrschen, die sich eine lutherische nennt, und in der ein Prediger ihres Verbandes, dazu ein ehemaliger Herausgeber einer kirchlichen, lutherisch genannten Zeitschrift dergleichen Dinge ungescheut und ungerügt wagen, und einem sich lutherisch dünkenden Publicum damit Sand in die Augen streuen darf. —
Was nun den neuen Herausgeber H. Anstädt betrifft, so läßt sich derselbe in seinem Vorwort buchstäblich also vernehmen:
„Was die Grundsätze anbelangt, nach welchen das Blatt künftighin redigiert werden soll, so soll auf der einen Seite kein starres, ausschließendes, sogenanntes Altlutherthum, auf der andern aber auch keine Schwärmerei und kein unkirchliches Wesen in den Schutz genommen werden; aber echtes gründliches Lutherthum, lebendiges thätiges Christenthum soll und muß behauptet werden."
Da nun H. Anstädt nur ein Friedensbote sein will und den Streit ablehnt, auch gleich gar ernstlich zur Eintracht vermahnet, wir selbst auch nichts lieber wünschen als einen festen guten Frieden auf Grund der einen und unwandelbaren Wahrheit, so wollen wir, obgleich wir eigentlich mit seinem Seitenhieb auf das starre, ausschließende, von ihm sogenannte Altlutherthum herausgefordert sind, dennoch für's erste nicht streiten, sondern uns nur einige Fragen zu gegenseitigem Verständniß erlauben, damit ja wo möglich alle Mißhelligkeiten vermieden werden möchten. So fragen wir denn: Gedenkt Herr Anstädt sein echtes, gründliches Lutherthum und lebendiges, thätiges Christenthum, von dem er sagt, daß es solle und müsse behauptet werden, in der That so starr, steif und unbeugsam zu behaupten und festzuhalten, als es einem Christen geziemt, der sich nicht wägen und wiegen lassen soll von allerlei Wind der Lehre durch Schalkheit der Menschen und Täuscherei, sondern soll bereit sein zur Verantwortung jedermann, der Grund fordert der Hoffnung, die in ihm ist? Oder versteht er darunter nach dem jetzigen Sprachmißbrauch nur so ein heute Behaupten, das morgen einem Reformirten, Unirten, Methodisten ꝛc. oder dem Teufel zu lieb wieder alles fahren läßt, daß doch ja der Friede erhalten werde, der kein Friede ist? Schließt er mit dem echten, gründlichen Lutherthum aufrichtiglich alles unechte und ungründliche, mit dem Lutherthum, aber jene andern —thume, das Reformirtenthum, das Papstthum, das Methodistenthum, das Unionsthum aus, oder hätte ers damit so ernstlich nicht gemeint? Glaubt er, daß das gute, alte Lutherthum, wie es in den lutherischen Symbolen bekannt ist, ein echtes und gründliches oder aber ein falsches, leichtfertiges und oberflächliches sei und daß das echte und rechte jetzt erst herfürgebracht worden? Endlich, meint er mit seinem lebendigen, thätigen Christenthum wirklich dasjenige, das aus dem rechten Glauben kommt, oder ein jegliches, das nur etwas thut, sei's gleich aus eigner Kraft oder nach eignem Einfall und Gutdünken wie die Heiden, Juden und Türken? — Wir hätten eigentlich noch so manches zu fragen, was uns um der Wahrheit willen schwer auf dem Herzen liegt, doch wir bescheiden uns, erst hierauf eine eingehende, friedliche Antwort abzuwarten, um uns dann nach Nothbefund über das echte, gründliche alte Lutherthum und das davon unzertrennliche lebendige thätige Christenthum weiter vernehmen zu lassen, denn das und das allein meinen wir ja, dafür kämpfen wir, das behaupten wir und werdens mit Gottes Hilfe behaupten, sollt uns auch alle Welt noch so steif und starr, noch so ausschließlich darüber die starren, ausschließenden Altlutheraner schelten. Sagt doch unser lieber HERR und Meister Jesus Christus: Selig seid ihr, so euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übels wider euch, so sie daran lügen. —
August Crämer.
Die Würde des Menschen nach der Vorstellung des Atheisten.
Es mögen wohl manche unserer lieben Leser sich darüber verwundert, ja, theilweise es wohl für nichts, als eine scherzhafte Übertreibung, angesehen haben, daß im „Lutheraner" behauptet worden ist, der Atheist mache den Menschen ohne Spaß zu einem Thiere und seine Religion sei eigentlich nichts anderes, als ein Religionssystem, wie es etwa die vierbeinigen edleren Bewohner dieses Erdenrundes aufstellen würden, wenn sie Bücher schreiben und Wochenblätter für religiöse Aufklärung herausgeben könnten. Hierzu kommt, daß unsere gegenwärtigen Atheisten häufig noch von einer gewissen verschämten Bescheidenheit befangen sind, die sie abhält, es selbst so ganz unverblümt herauszusagen, wie bewunderungswürdig einfach die Religion sei, die sie nach langer Durchwanderung des „unermeßlichen Gebiets der Natur und ernsten Wissenschaft" endlich als die einzig wahre gefunden haben. Es hat jedoch schon Philosophen gegeben, welche es sich nicht haben versagen können, es ihren Lesern zu entdecken. Unter diese gehört z. B. der geistreiche Rousseau (lies: Russo), geboren 1712 zu Genf, gestorben 1778 in Ermenonville unweit Paris. Derselbe schreibt in seiner Schrift: Discours sur l'origine d. i. Abhandlung von dem Ursprung: „Indem ich den Menschen so betrachte, wie er aus der Hand der Natur hervorgehen mußte, so sehe ich in ihm ein Thier, schwächer, minder gewandt, als manche andere Thiere, doch alles zusammengenommen, vortheilhafter organisirt als alle übrigen." Diese Thiere, Menschen genannt, lebten nun, nach Rousseau, unsprünglich ohne Obdach, in Wäldern sich herumtreibend, ohne Sprache, ohne alle Sehnsucht nach ihres Gleichen, vielleicht ohne sich irgend persönlich zu kennen, ohne Ehe. „Die Mutter, schreibt er, stillte zuerst die Kinder, weil es ihr selbst gut that; länger ernährte sie die Kinder nur, weil sie ihr durch Gewohnheit lieb geworden; diese verließen aber die Mutter, so bald sie nur irgend Kraft hatten, sich selbst ihre Nahrung zu suchen. Da es damals fast kein anderes Mittel gab, sich wieder zu finden, als daß man sich nicht aus den Augen verlor, so dauerte es nicht lange, und Mutter und Kinder kannten einander nicht mehr." Vom Vater war natürlich nicht die Rede, er kannte seine Kinder nie, Erziehung fiel ganz weg, (demgemäß denn auch Rousseau seine fünf außerehelichen Kinder ins Findelhaus schickte, das erste mit, die vier letzteren ohne alle Wiedererkennungszeichen; als aber späterhin die Marschallin von Luxemburg jenes älteste Kind Rousseau's aus dem Findelhause holen lassen wollte, befand sich's, daß das Wiedererkennungszeichen auch für dieses Kind verloren gegangen war und dasselbe daher nicht wieder herausgefunden werden konnte.) *) Rousseau sagt ferner, die ersten Menschen lebten auch stumm, da die Sprache erst im Laufe von Jahrtausenden erfunden ward. Doch behauptet er: Diese Menschen, wie sie „aus der Hand der Natur hervorgegangen", hätten „ruhige und unschuldige Tage verlebt", ihr Herz sei in Frieden, ihr Leib gesund gewesen; leider nur seien sie durch ihre „Perfectibilität" (Vervollkommungsfähigkeit) jenes Paradieslebens beraubt worden. Als guter Socialist bemerkte er: „Eigenthum und Verträge haben die Menschen unglücklich gemacht." Merkwürdig ist, was Voltaire, jener berüchtigte Spötter, an Rousseau schrieb, als letzterer Obiges der Welt vorgelegt hatte. Er schrieb an ihn nehmlich (1755) Folgendes: „Nie hat jemand so viel Geist aufgewendet, um uns zu Bestien zu machen; liest man Ihr Buch, so wandelt einem die Lust an, auf allen Vieren zu laufen. †) Jedoch, da ich schon über sechzig Jahre diese Gewohnheit abgelegt, so fühle ich leider, daß es mir unmöglich ist, sie wieder anzunehmen, und ich überlasse anderen diesen Naturgang, welche dessen würdiger sind, als Sie und ich. Auch kann ich mich nicht einschiffen, um die Wilden in Canada zu besuchen, erstlich, weil die Krankheiten, zu denen ich verdammt bin, mir einen
*) Rousseau schreibt: „Alles wohl erwogen, so wählte ich für meine Kinder das Beste oder das, was ich für das Beste hielt. Ich hätte gewünscht, daß ich so wie sie erzogen worden wäre, ja ich wünschte es noch." — Hier sieht der Leser, von wem die jetzigen Socialisten den ihnen so lieben Gedanken haben, daß Findelhäuser errichtet werden möchten, in die sie alle ihre Kinder schicken und so der Sorge und Plage für deren Ernährung und Erziehung entledigt werden könnten.
†) Wahrscheinlich haben die, welche laut eines Berichtes in der 16. No. des „Lutheraner" die seltsame Prozession auf allen Vieren angestellt haben, Rousseau's Buch kurz zuvor gelesen, daher es ihnen auch wie Voltaire ergangen ist, ohne jedoch in seine Inconsequenz zu fallen.
English translation AI translation
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of the Lutheran Church, while he is yet ignorant or malicious enough to represent as Puseyites and half-Romanists those who speak a word for the old, glorious Lutheran order of divine service. That is, in truth, to scoff in the face of all truthfulness, all history, all honesty even of the commonest sort, and there must accordingly be a dreadful darkness and ignorance reigning in a synod which calls itself Lutheran, and in which a preacher of its body, moreover a former editor of an ecclesiastical periodical called Lutheran, may venture such things unabashed and unrebuked, and may throw sand into the eyes of a public that fancies itself Lutheran. —
As to the new editor, Mr. Anstädt, he expresses himself in his Preface literally as follows:
"As regards the principles according to which the paper shall henceforth be edited, on the one side no rigid, exclusive, so-called Old Lutheranism, but on the other side also no fanaticism and no unchurchly nature shall be taken under protection; but genuine, thorough Lutheranism, living, active Christianity shall and must be maintained."
Since now Mr. Anstädt will be only a messenger of peace and declines strife, and moreover exhorts quite earnestly to concord, and we ourselves also wish nothing more than a firm, good peace on the ground of the one and unchangeable truth, we will, although we are really challenged by his side-blow at the rigid, exclusive Old Lutheranism, as he calls it, nevertheless not contend for the present, but only permit ourselves some questions for mutual understanding, in order that, if possible, all discord may be avoided. So we ask then: Does Mr. Anstädt intend, in truth, to maintain and hold fast his genuine, thorough Lutheranism and living, active Christianity, of which he says that it shall and must be maintained, as rigidly, stiffly, and unyieldingly as becomes a Christian, who is not to be tossed to and fro and carried about with every wind of doctrine, by the sleight of men and cunning craftiness, but is to be ready always to give an answer to every man that asketh a reason of the hope that is in him? Or does he understand thereby, after the present abuse of language, only such a maintaining today as tomorrow, for the sake of a Reformed man, a Unionist, a Methodist, etc., or of the devil, lets everything go again, that the peace may by all means be preserved, which is no peace? Does he with the genuine, thorough Lutheranism sincerely exclude everything spurious and unthorough, with Lutheranism, but those other -isms, Reformedism, Popery, Methodism, Unionism, or did he not mean it so seriously? Does he believe that the good old Lutheranism, as it is confessed in the Lutheran Symbols, is a genuine and thorough one, or on the contrary a false, frivolous, and superficial one, and that the genuine and right one has only now been brought forth? Finally, does he mean by his living, active Christianity really that which comes from the right faith, or any kind whatever that only does something, be it from one's own strength or after one's own notion and fancy, like the heathen, Jews, and Turks? — We should really have many more things to ask, which lie heavy on our heart for the truth's sake, yet we content ourselves first to await hereupon a thorough, peaceable answer, in order then, as need shall appear, to let ourselves be heard further concerning the genuine, thorough old Lutheranism and the living, active Christianity inseparable from it; for that and that alone we mean, for that we contend, that we maintain and, by God's help, shall maintain, though all the world should chide us never so stiff and rigid, never so exclusive, on that account, as the rigid, exclusive Old Lutherans. For our dear LORD and Master Jesus Christ saith: Blessed are ye, when men shall revile you and persecute you, and shall say all manner of evil against you falsely for my sake. —
August Crämer.
The Dignity of Man According to the Conception of the Atheist.
Many of our dear readers may well have wondered, yea, in part perhaps regarded it as nothing but a jocose exaggeration, that it has been asserted in the "Lutheraner" that the atheist, in plain earnest, makes man into a beast, and that his religion is really nothing other than a system of religion such as the four-footed nobler inhabitants of this terrestrial globe might set up, if they could write books and publish weekly papers for religious enlightenment. To this it must be added that our present atheists are often still possessed of a certain bashful modesty, which restrains them from saying it out so quite unvarnished, how admirably simple the religion is which they, after a long journey through the "immeasurable domain of nature and earnest science," have at last found to be the only true one. There have, however, been philosophers already who could not refrain from disclosing it to their readers. Among these belongs, for example, the ingenious Rousseau (read: Russo), born 1712 at Geneva, died 1778 at Ermenonville near Paris. The same writes in his work: Discours sur l'origine, that is, Treatise on the Origin: "When I consider man as he must have come forth from the hand of nature, I see in him an animal, weaker, less agile than many other animals, yet all taken together, more advantageously organized than all the rest." These animals, called men, lived now, according to Rousseau, originally without shelter, roving about in forests, without speech, without any longing after their like, perhaps without knowing one another personally at all, without marriage. "The mother," he writes, "nursed her children at first because it did her good herself; longer she fed the children only because they had become dear to her by habit; but these left the mother as soon as they had any strength at all to seek their food for themselves. Since there was then almost no other means of finding one another again than that one did not lose sight of one another, it was not long before mother and children no longer knew one another." Of the father there was naturally no question; he never knew his children; education fell away entirely, (in accordance with which also Rousseau sent his five illegitimate children to the foundling hospital, the first with, the last four without any tokens of recognition; but when afterwards the Marshal's wife of Luxemburg wished to have that eldest child of Rousseau's fetched out of the foundling hospital, it was found that the token of recognition for this child also had been lost, and the same therefore could not be found again.) *) Rousseau says further, that the first men lived also dumb, since speech was invented only in the course of thousands of years. Yet he maintains: These men, as they "came forth from the hand of nature," had "passed quiet and innocent days," their heart was in peace, their body sound; only, alas, they had been robbed of that paradisal life by their "perfectibility" (capacity of perfection). As a good Socialist he remarked: "Property and contracts have made men unhappy." Remarkable is what Voltaire, that notorious scoffer, wrote to Rousseau, when the latter had laid the above before the world. He wrote to him, namely (1755), as follows: "Never has anyone expended so much wit to make us beasts; when one reads your book, one is seized with the desire to go on all fours. †) However, since I have given up this habit more than sixty years ago, I feel, alas, that it is impossible for me to take it up again, and I leave this natural gait to others who are worthier of it than you and I. Neither can I embark to visit the savages in Canada, first, because the maladies to which I am condemned render me a
*) Rousseau writes: "All things well considered, I chose for my children the best, or that which I held to be the best. I could have wished that I had been brought up as they were, yea, I wish it still." — Here the reader sees from whom the present Socialists have the thought, so dear to them, that foundling hospitals ought to be erected, into which they might send all their children and so be relieved of the care and trouble for their nourishment and education.
†) Probably those who, according to a report in the 16th No. of the "Lutheraner," carried out the strange procession on all fours, had read Rousseau's book shortly before, whence it has fared with them also as with Voltaire, without, however, falling into his inconsistency.