Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 11, Nummer 10 › Seite 75

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1855-01-02, Seite 75

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Kirche zu lehren, sondern auch darüber zu wachen, daß die ihm untergeordneten Prediger dies thun, es öffentlich ausspricht, daß er in diesem Punkte der Lehre mit Luther und dem kirchlichen Bekenntniß nicht stimmen könne. Der Recensent sagt: „Das Bedenken über die Abweichung von den lutherischen Symbolen, welche der Verfasser sich nicht verbirgt, sucht er durch die Erwägung niederzuhalten, daß, wenn auch nach dem Urtheile aller ächten Lutheraner die Principien des lutherischen Bekenntnisses ihrem wesentlichen Inhalte nach durchaus in dem Worte Gottes gegründet seien *), darin noch keineswegs liege, daß die Durchführung des richtigen Princips gleich überall ganz rein vollzogen und bei den positiven und negativen (d. h. bei den etwas feststellenden und etwas verneinenden) Entgegensetzungen gegen die römischen Irrthümer nirgend einmal nicht weit genug oder etwas zu weit gegangen sei. Gerade nach der strengsten der symbolischen Schriften, der Concordienformel,†) mit ihrer scharfen Unterscheidung zwischen der „alleinigen heiligen Schrift“ und den „übrigen Symbolen und andern Schriften“ müsse die Regel gelten: „Hold bin ich der Augsburgischen Confession, hold der Apologie, hold der Concordienformel, aber holder noch der heiligen Schrift.“ Wir müssen hierbei voll Betrübniß erklären: O große Schmach, die Dir, theures lutherisches Zion, hiermit von denen angethan wird, die da Wächter auf deinen Zinnen sein sollen und wollen! Daß Du ein schriftgemäßes Bekenntniß habest, haben sie bereits selbst vor dem Angesichte Deiner Feinde aufgegeben. Das sind nicht Wächter, sondern — wir müssen es aussprechen, mag es auch manchem hart erscheinen — Capitulanten, die die Burg unserer Kirche ihren Feinden treulos überliefern. Wenn ein Reformirter, ein Unirter ꝛc. so redet, wen darf das befremden? Was sollen wir aber sagen, wenn ein lutherischer Superintendent so redet, der sich nicht nur selbst berufen glaubt, bei dem Werke der Neubelebung unserer Kirche in dieser letzten betrübten Zeit, an der Spitze zu stehen, sondern auf den auch nicht wenige jüngere Diener unserer Kirche als auf einen Bannerträger in dem begonnenen großen Kampfe für das Palladium unserer Kirche voll Vertrauen und Hoffnung schauen?

*) Wunderbar, daß jetzt in Deutschland die sogenannten „strengen Lutheraner“ von den Symbolen gerade so reden, wie die Leute der hiesigen abgefallenen Generalsynode! Ja, haben nicht so immer selbst die Rationalisten gesprochen,, um damit ihren Meineid in Absicht auf die zu den Symbolen geleistete Unterschrift zu bemänteln? Wo sind also die sogenannten „kirchlichen Lutheraner“ angekommen? Vor den Thoren Rom’s; wie wir oben weiter sehen werden.

†) Auch davon müssen wir uns lossagen, daß die Concordienformel die „strengste der symbolischen Schriften“ genannt wird. Dies ist diesem wie den andern Theilen unseres Concordienbuches zu nahe geredet. Es wäre in der That eine traurige Sache, wenn die anderen Symbole nicht streng genug, sondern lax, oder wenn die Concordienformel ungehörig streng wäre und also über die Schrift hinausgienge! Denn wie kann in Absicht auf die göttliche Wahrheit einer strenger sein als der andere und doch beide gegen die Wahrheit gleich treu sein?

Doch wir wollen uns nun unsern Recensenten sagen lassen, welche Lehre von der Kirche denn Herr Superintendent Münchmeyer als die seinige vorlegt. Derselbe schreibt:

„Der Verfasser (Herr M.) billigt das (von den Römischen beliebte) Aufgeben der doppelten, sichtbaren und unsichtbaren Kirche, er würde sich allenfalls die bekannte Definition (des päpstlichen Cardinals) Bellarmin gefallen lassen, wornach die Kirche ein sicht- und greifbarer Haufen von Menschen ist, wie der Haufe des römischen Volks oder das französische Reich oder die venetianische Republik. Nur protestirt er auf das Lebhafteste gegen die Verwechselung jener sichtbaren Kirche mit der römischen.*) Unter den neueren Theologen erklärt sich Münchmeyer, im Gegensatz von Höfling, Harleß, Brömel und Anderen, welche an dem Unterschiede der sichtbaren und unsichtbaren Kirche festhalten und die letztere vorzugsweise betonen, einverstanden zwar nicht mit Löhe, aber wohl mit Kurtz, mit Karsten und vor Allem mit Delitzsch in seinen vier Büchern von der Kirche. Der Verfasser behauptet auf das Entschiedenste, die heil. Schrift wisse nichts von einer doppelten, sichtbaren und unsichtbaren Kirche, sondern nur von der Einen, welche ist der Leib des HErrn, das Haus Gottes. Und er betrachtet als die wesentlichste Frage, ob alle Getauften, auch die Gottlosen und Heuchler, Glieder seien der Einen Kirche, welcher ist der Leib des Herrn. Der Verfasser glaubt diese Frage bejahen zu müssen. Wenn Alle, welche getauft sind, Christum angezogen haben, Gal. 3, 27, und damit der Satz begründet wird: ihr seid Alle Kinder Gottes durch den Glauben an Christum JEsum, Vers 26, wenn der Menschen Unglaube Gottes Glauben nicht aufhebt Röm. 3, 3: so müssen (n. M.) die Ungläubigen innerhalb der getauften Gemeine, z. B. die, welche sich von der Feier des heil. Abendmahls fern halten, selbst die, für welche man nach 1 Joh. 5, 16. nicht beten soll, ferner die Excommunicirten, als noch unter der Liebeszucht der Kirche stehend, endlich sogar auch die wider den heil. Geist Sündigenden, welche zwar absolut todt sind, aber doch noch bis zum Gerichte an dem Leibe des HErrn hangen — sie alle müssen als Glieder am Leibe Christi, als zu der Einen wahren Kirche gehörig, angesehen werden, wenn auch diese ihre Gliedschaft den Unbußfertigen nicht zum Segen, sondern zu doppelter Verdammniß gereicht. Jene Stellen des N. T., wo Kinder des Teufels genannt werden die, welche Sünde thun, oder vor Widerchristen gewarnt wird, die von der Gemeinde ausgegangen, aber nicht von der Gemeinde gewesen sind, 1 Joh. 2, 18. 19., sucht M. durch die Bemerkung unschädlich zu machen, daß Jemand vom Teufel und doch zugleich Glied am Leibe Christi sein könne.“**)

*) Das ist eben das Erschreckliche in der Lehre dieser abweichenden Lutheraner, daß dieselben meinen, sie seien gute Lutheraner, wenn sie nur die römische Kirche nicht für die wahre Kirche gelten lassen, wenn sie gleich die falsche Vorstellung der Römischen von dem, was die Kirche ist, theilen. Was thun sie anders, als daß sie die Papstkirche aus ihrem Ort verdrängen und die lutherische an denselben Ort setzen wollen?

**) Es ist dies dieselbe Lehre, um deren Verwerfung willen der heilige Märtyrer Huß von den Papisten verbrannt wurde, denn die Papisten wußten recht wohl, daß mit dieser Lehre das ganze Papstthum, die ganze römische Hierarchie (Priester- und vielmehr Pfaffenherrschaft) stehe und falle. Und jetzt — tischt uns diese Lehre ein lutherischer Superintendent als lutherische Lehre wieder auf!

Dieser Auszug aus der Münchmeyer’schen Schrift, den wir aus der Recension derselben genommen haben, wird genügen, den Lesern eine Vorstellung von der Lehre im Artikel von der Kirche zu geben, die jetzt unter vielen s. g. „strengen“ Lutheranern in Deutschland aufkommen will. Wer entsetzt sich nicht vor einem solchen Monstrum? Welche Massen von Irrthümern, insonderheit von der Kraft und Wirkung der heil. Sakramente, müssen zusammen kommen, ehe es zu einer solchen unerhörten Lehre von der Kirche kommen kann? — Möge Gott unserer vaterländischen Kirche tüchtige und muthige Zeugen der Wahrheit geben, die dem immer mächtiger eindringenden Strom der ungeheuersten Irrthümer einen Damm entgegensetzen. Uns aber erhalte Gott bei dem reinen lauteren Bekenntniß unserer theuren Kirche im einfältigen Glauben um Seines lieben Sohnes, JEsu Christi, unseres HErrn und Heilandes willen. Amen.

Das neue Jahr ein Jubeljahr.

Indem wir mit dieser Nummer die erste im neuen Jahre 1855 den Lesern übergeben, können wir nicht unerwähnt lassen, daß das neuangetretene Jahr ein wichtiges Ereigniß in der Geschichte unserer evangelisch-lutherischen Kirche in Erinnerung bringt. Am 25. September 1555, also gerade vor 300 Jahren, war es nehmlich, als zu Augsburg auf dem vom römischen Könige Ferdinand eröffneten Reichstag jener wichtige Friedensschluß zu Stande kam, welcher, unter dem Namen des Augsburger Religionsfriedens, unsere Kirche im ganzen römischen Reiche in allen ihren Rechten und Besitzungen, insonderheit in ihrer Freiheit von der Gerichtsbarkeit des Papstes und der Bischöfe, öffentlich und feierlich bestätigte und anerkannte und die Lutheraner in allen kirchlichen Rechten den Römisch-Katholischen gleichstellte; der auch als ein Reichsgrundgesetz „in alle Wege ein beständiger, beharrlicher, unbedingter, für und für ewig währender Friede aufgerichtet und beschlossen sein und bleiben“ sollte.

Es ist für diesmal nicht unser Zweck, die unberechenbare Wichtigkeit dieses Vertrags für uns, die Augsburgischen Confessionsverwandten, nachzuweisen. Es genüge, jetzt bei dem Eintritte in das Jahr nur, daran erinnert zu haben. Wir zweifeln nicht, daß in den Gemeinden unserer Synode am treffenden Tage, oder sonst bei schicklicher Gelegenheit in diesem Jahre, auch von heiliger Stätte dieses Werkes Gottes, das den entschiedensten Einfluß auf die ganze Entwickelung unserer Kirche gehabt, werde gedacht werden. Unsere Kirche hat sowohl im Jahre 1655 als 1755 zum Gedächtniß jenes Ereignisses solenne Jubelfeste angestellt, und wie jede ernstliche Feier großer göttlicher Werke und Wohlthaten, so hat auch diese unserer Kirche jedesmal zu allgemeiner Erweckung und sonst reichen Segen gebracht. In Betreff der Wichtigkeit des Augsburger Religionsfriedens erinnern wir nur noch daran, daß, als Papst Paul IV., unseligen Andenkens, von Abschluß desselben Nachricht erhielt, selbiger darüber in äußersten Zorn gerieth, und unter antichristischen Drohungen die unverzügliche Aufhebung dieses

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Church to teach, but also to watch over it that the preachers subordinate to him do the same, declares publicly that he cannot agree in this point of doctrine with Luther and with the confession of the Church. The Reviewer says: "The misgiving over the departure from the Lutheran Symbols, which the author does not conceal from himself, he seeks to suppress by the consideration that, even if, in the judgment of all genuine Lutherans, the principles of the Lutheran Confession are, in their essential content, thoroughly grounded in the Word of God *), it by no means follows from this that the carrying out of the right principle has been quite purely accomplished everywhere, and that in the positive and negative (that is, affirming something and denying something) oppositions to the Romish errors, nowhere once has it gone not far enough or somewhat too far. Precisely according to the strictest of the symbolical writings, the Formula of Concord,†) with its sharp distinction between the "sole Holy Scripture" and the "other Symbols and writings," the rule must hold: "Dear to me is the Augsburg Confession, dear the Apology, dear the Formula of Concord, but dearer still the Holy Scripture." We must declare herewith in deep sorrow: O great disgrace, which is done to thee, precious Lutheran Zion, hereby by those who are to be and wish to be watchmen upon thy walls! That thou hast a confession conformable to Scripture, they have already themselves given up before the face of thy enemies. These are not watchmen, but — we must say it, though it may seem hard to some — capitulators, who treacherously deliver the fortress of our Church to her enemies. When a Reformed man, a Unionist, etc., speaks so, whom can that surprise? But what are we to say when a Lutheran superintendent speaks so, who not only believes himself called to stand at the head in the work of the revival of our Church in this last sorrowful time, but upon whom also not a few younger servants of our Church look as upon a standard-bearer in the great struggle begun for the palladium of our Church, full of confidence and hope?

*) Strange, that now in Germany the so-called "strict Lutherans" speak of the Symbols just as the people of the apostate General Synod here! Yea, have not the Rationalists always spoken so, to cloak thereby their perjury in respect of the subscription rendered to the Symbols? Where, then, have the so-called "churchly Lutherans" arrived? Before the gates of Rome; as we shall see further above.

†) We must also renounce this, that the Formula of Concord is called the "strictest of the symbolical writings." This is said too nearly of this as of the other parts of our Book of Concord. It would indeed be a sad thing if the other Symbols were not strict enough, but lax, or if the Formula of Concord were improperly strict and so went beyond Scripture! For how can one be stricter than the other in respect of the divine truth, and yet both be equally true to the truth?

But let us now let our Reviewer tell us what doctrine of the Church Mr. Superintendent Münchmeyer sets forth as his own. He writes:

"The author (Mr. M.) approves the giving up (favored by the Romanists) of the twofold, visible and invisible Church; he would at most let the well-known definition of (the papal Cardinal) Bellarmine please him, according to which the Church is a visible and tangible company of men, like the company of the Roman people or the French realm or the Venetian Republic. Only he protests most vigorously against the confusion of that visible Church with the Roman.*) Among the more recent theologians Münchmeyer declares himself, in opposition to Höfling, Harless, Brömel and others, who hold fast to the distinction of the visible and invisible Church and emphasize the latter by preference, in agreement indeed not with Löhe, but well with Kurtz, with Karsten and above all with Delitzsch in his four books on the Church. The author maintains most decidedly that Holy Scripture knows nothing of a twofold, visible and invisible Church, but only of the One, which is the Body of the LORD, the house of God. And he regards as the most essential question whether all the baptized, even the godless and hypocrites, are members of the One Church, which is the Body of the Lord. The author believes he must answer this question in the affirmative. If All who are baptized have put on Christ, Gal. 3, 27, and thereby the proposition is established: ye are all the children of God by faith in Christ JESUS, verse 26, if the unbelief of men does not make the faith of God without effect, Rom. 3, 3: then (according to M.) the unbelievers within the baptized congregation, e. g. those who keep away from the celebration of the holy Supper, even those for whom one is not to pray according to 1 John 5, 16, further the excommunicated, as still standing under the discipline of the Church, finally even those who sin against the Holy Ghost, who are indeed absolutely dead, but yet until the judgment hang on the Body of the LORD — all these must be regarded as members of the Body of Christ, as belonging to the One true Church, even if this their membership comes to the impenitent not for blessing but for double condemnation. Those passages of the N. T., where children of the devil are named those who commit sin, or where warning is given of antichrists, who went out from the congregation but were not of the congregation, 1 John 2, 18. 19., M. seeks to render harmless by the remark that someone may be of the devil and yet at the same time a member of the Body of Christ."**)

*) That is just the terrible thing in the doctrine of these dissenting Lutherans, that they suppose they are good Lutherans if they only do not let the Roman Church be regarded as the true Church, though they share the false notion of the Romanists of what the Church is. What do they do else than displace the papal church from its place and wish to put the Lutheran in the same place?

**) This is the same doctrine for whose rejection the holy martyr Huss was burned by the papists, for the papists knew well that with this doctrine the whole papacy, the whole Roman hierarchy (rule of priests and rather of parsons) stands and falls. And now — a Lutheran superintendent serves up this doctrine to us again as Lutheran doctrine!

This extract from Münchmeyer's writing, which we have taken from the review of it, will suffice to give the readers an idea of the doctrine in the article on the Church which is now arising among many so-called "strict" Lutherans in Germany. Who does not shrink back from such a monster? What masses of errors, especially concerning the power and efficacy of the holy Sacraments, must come together before it can come to such an unheard-of doctrine of the Church? — May God give to our fatherland's Church able and courageous witnesses of the truth, who may set a dam against the ever more mightily pressing stream of the most monstrous errors. But us may God preserve in the pure, clear confession of our dear Church, in simple faith, for the sake of His dear Son, JESUS Christ, our LORD and Saviour. Amen.

The New Year a Year of Jubilee.

As we hand over to the readers with this number the first in the new year 1855, we cannot leave unmentioned that the newly begun year recalls to remembrance an important event in the history of our Evangelical Lutheran Church. On the 25th of September 1555, therefore just 300 years ago, it was, namely, when at Augsburg, at the Diet opened by the Roman King Ferdinand, that important treaty of peace was concluded which, under the name of the Augsburg Religious Peace, publicly and solemnly confirmed and recognized our Church in the whole Roman Empire in all her rights and possessions, particularly in her freedom from the jurisdiction of the Pope and the bishops, and placed the Lutherans in all ecclesiastical rights on an equality with the Roman Catholics; which was also, as a fundamental law of the Empire, to be "in every way a lasting, abiding, unconditional peace, enduring for ever and ever, established and concluded, and to remain."

It is not our purpose for this time to demonstrate the incalculable importance of this treaty for us, the adherents of the Augsburg Confession. It may suffice only to have reminded of it now at the entrance into the year. We do not doubt that in the congregations of our Synod on the appropriate day, or otherwise on a fitting occasion in this year, this work of God also, which has had the most decided influence upon the whole development of our Church, will be remembered from the holy place. Our Church held solemn Jubilee festivals in the year 1655 as well as in 1755 in memory of that event, and as every earnest celebration of great divine works and benefits, so also this one has each time brought to our Church a general awakening and otherwise rich blessing. In regard to the importance of the Augsburg Religious Peace we only recall further this, that when Pope Paul IV., of unblessed memory, received news of its conclusion, he fell thereupon into the utmost wrath, and under antichristian threats the immediate abrogation of this