Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 11, Nummer 26 › Seite 201

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1855-08-14, Seite 201

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Der Lutheraner.

„Gottes Wort und Luthers Lehr’ vergehet nun und nimmermehr.“ Offenb. Joh. Cap. 14, v. 6. 7.

Herausgegeben von der Deutschen Ev. Luther. Synode von Missouri, Ohio und andern Staaten.
Redigirt von C. F. W. Walther.

Jahrg. 11.  St. Louis, Mo., den 14. August 1855.  No. 26.

Bedingungen: Der Lutheraner erscheint alle zwei Wochen einmal für den jährlichen Subscriptionspreis von Einem Dollar für die auswärtigen Unterschreiber, welche denselben vorausbezahlen und das Postgeld zu tragen haben. — In St. Louis wird jede einzelne Nummer für 5 Cents verkauft. Nur die Briefe, welche Mittheilungen für das Blatt enthalten, sind an den Redakteur, alle andern aber, welche Geschäftliches, Bestellungen, Abbestellungen, Gelder ꝛc. enthalten, unter der Addresse: Mr. F. W. Barthel, care of C. F. W. Walther, St. Louis, Mo., anher zu senden.

(Eingesandt von Past. Brauer.)

Die Noth der lutherischen Kirche seit dem Tode Luthers, und ihre Errettung daraus durch den am 25. Sept. 1555 geschlossenen Religionsfrieden zu Augsburg.

Ein geschichtlicher Beitrag zur diesjährigen Feier des Friedensjubelfestes am nächstkommenden 25. September.

Fortsetzung.

Einführung des Interims in Sachsen.

Sachsen und zumal Wittenberg mit seiner Universität war bis dahin die eigentliche Burg des lutherischen Geistes gewesen; von da aus war das Reich des römischen Antichrist zuerst angegriffen, dann geschlagen und gebrochen. Dahin wandten sich jetzt mit großer Erwartung die Blicke aller treuen Bekenner. Wie oft waren auch die listigsten Anschläge des bösen Feindes an Luthers Glauben und Bekenntniß zu Schanden geworden. Wie oft hatte Luthers Wort von Wittenberg aus den Kämpfern Licht und Gewißheit, Muth und Entschiedenheit gegeben. Und welche Stellung nahm dieses Wittenberg dem so gefährlich andringenden Feinde gegenüber nun ein? Es mußte das ein nicht allein für Sachsen, sondern für die ganze evangelische Welt bedeutungsvolles Ereigniß sein.

Luther war todt, der alte Churfürst Johann Friedrich gefangen. In den Händen des neuen Churfürsten Moritz und des alten Freundes Luthers, des Melanchthon, der nach Luther das Meiste zur Reformation beigetragen, lag zunächst die Wahrung und Sicherstellung der theuer erkauften Reinheit und Freiheit der Kirche Gottes. — Moritz kam das kaiserliche Unionsdecret, das Interim, sehr ungelegen, und es setzte ihn in Verlegenheit, denn er hatte, als er sein Land in Besitz nahm, den Ständen die feierliche Versicherung gegeben, die Religionsverfassung nicht zu ändern, eine Zusage, die auch der Kaiser, um der Gefahren des damaligen Krieges willen bestätigt hatte. Nun die Gefahr vorüber, achtete der Kaiser seine gegebene Zusicherung für nichts und drang zugleich mit dem König Ferdinand zu Augsburg mehreremal ernstlich ja heftig in ihn, das Interim anzunehmen und in seinem Lande einzuführen. Moritz fühlte sich dem Kaiser durch die Uebertragung der Churwürde verpflichtet, war auch zugleich wegen geheimer Pläne gegen den Kaiser ängstlich, durch entschiedenen Widerspruch dessen Verdacht zu erwecken, und die Ansicht seiner Räthe, besonders des zweideutigen Karlowitz, seines Lieblings, ging auch dahin, sich dem Kaiser gefällig zu erzeigen. So gab Moritz eine politisch kluge, aber für ihn selbst seelengefährliche, weil Christum verleugnende Antwort: Er für seine Person habe Nichts gegen das Interim, aber ohne Einwilligung seiner Landstände und Theologen könne er Nichts in Religionssachen beschließen, wolle aber höchsten und möglichsten Fleiß thun, um sie zur Annahme desselben zu bewegen. Die Stände, wegen Annahme des Interims in Meißen versammelt, waren indeß sehr schwierig und gaben eine entschieden abschlägige Antwort. Der Kaiser gab nun Moritz den Rath, dasselbe Verfahren in Sachsen inne zu halten, das er mit Glück bei den Reichsständen des obern Landes in Anwendung gebracht, nämlich tyrannischen Zwang zur Kaiserunion. Vor allem sollte er auch den Melanchthon, der anfangs ein Gutachten gegen das Interim herausgegeben, nicht länger dulden, sondern ihn seines Amtes entsetzen und aus dem Lande jagen. In diesen verwickelten Verhältnissen kam Moritz nun auf den unglücklichen, höchst gefährlichen Gedanken, noch eine feinere Vermischung der Wahrheit und Lüge, einen neuen Mittelweg, eine neue Union und zwar zwischen der lutherischen Kirche und dem Augsburger Interim zu Stande zu bringen. Durch die nicht völlige Einführung des Interims sollten die Landstände, durch die möglichste Annäherung an dasselbe der Kaiser zufrieden gestellt werden. Und zu diesem schweren, faulen Werke sollten die sächsischen Theologen hülfreiche Hand leisten.

Nun kam Alles darauf an, ob Melanchthon und seine Amtsgenossen zu einer so verfeinerten Union, zur Gleichgültigkeit gegen den Sauerteig, zum Lauwerden, zum Hinken gebracht werden konnten.

Melanchthon (siehe Ranke V, 75—89.) war, nachdem die durch den Krieg zerstreute Universität wieder aufgerichtet war, nach Wittenberg zurückberufen und hatte den Ruf um so lieber angenommen, da dort seine liebsten Freunde und einverstandenen Collegen lebten, und es sein Ehrgeiz war, aus dem großen Schiffbruch, wie er sagte, die Trümmer zu retten und der Universität Ruf wiederherzustellen. Die neue Regierung unter Moritz suchte sich ihm in allen Beziehungen gefällig zu zeigen, man zog ihn bei den Geschäften zu Rathe, nahm auf seine Empfehlungen Rücksicht, vertheidigte ihn gelegentlich bei dem Kaiser,

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Der Lutheraner.

"God's Word and Luther's doctrine shall pass away now and nevermore." Rev. John, Chap. 14, v. 6. 7.

Published by the German Ev. Luth. Synod of Missouri, Ohio and other States.
Edited by C. F. W. Walther.

Volume 11.  St. Louis, Mo., August 14, 1855.  No. 26.

Terms: Der Lutheraner appears once every two weeks at the yearly subscription price of One Dollar for subscribers living out of town, who pay in advance and bear the postage. — In St. Louis each single number is sold for 5 Cents. Only the letters which contain communications for the paper are to be sent hither to the editor; all others, however, which contain business matters, orders, cancellations, money, etc., are to be sent under the address: Mr. F. W. Barthel, care of C. F. W. Walther, St. Louis, Mo.

(Contributed by Pastor Brauer.)

The Distress of the Lutheran Church since the Death of Luther, and Her Deliverance from It through the Religious Peace Concluded at Augsburg on the 25th of Sept. 1555.

A historical contribution to this year's celebration of the Jubilee of the Peace on the coming 25th of September.

Continuation.

Introduction of the Interim in Saxony.

Saxony, and Wittenberg especially with its university, had until then been the true fortress of the Lutheran spirit; from there the kingdom of the Roman Antichrist had first been attacked, then beaten and broken. Thither the eyes of all faithful confessors now turned with great expectation. How often, too, had the most cunning designs of the wicked enemy come to shame against Luther's faith and confession. How often had Luther's word from Wittenberg given the combatants light and certainty, courage and resolution. And what position would this Wittenberg now take toward the enemy pressing in so dangerously? It had to be an event of significance not for Saxony alone, but for the whole evangelical world.

Luther was dead, the old Elector John Frederick a prisoner. In the hands of the new Elector Maurice and of Luther's old friend Melanchthon, who next to Luther had contributed most to the Reformation, lay first of all the preservation and safeguarding of the dearly bought purity and freedom of the Church of God. — The imperial decree of union, the Interim, came very inconveniently to Maurice, and it placed him in embarrassment; for when he took possession of his land he had given the Estates the solemn assurance not to change the constitution of religion, a promise which the Emperor also, for the sake of the dangers of the war at that time, had confirmed. Now that the danger was past, the Emperor regarded his given assurance as nothing, and together with King Ferdinand at Augsburg pressed him several times earnestly, indeed violently, to accept the Interim and introduce it in his land. Maurice felt himself obligated to the Emperor by the transfer of the electoral dignity, was also at the same time, because of secret plans against the Emperor, anxious to arouse his suspicion by decided opposition, and the opinion of his counsellors, especially of the double-dealing Carlowitz, his favorite, likewise tended toward showing himself accommodating to the Emperor. So Maurice gave an answer politically shrewd, but perilous to his own soul because it denied Christ: As for his own person he had nothing against the Interim, but without the consent of his Estates and theologians he could decide nothing in matters of religion, though he would do his utmost and best to move them to accept it. The Estates, assembled at Meissen concerning the acceptance of the Interim, were however very difficult and gave a decidedly negative answer. The Emperor then gave Maurice the advice to hold to the same procedure in Saxony which he had applied with success to the Estates of the Empire in the upper country, namely tyrannical compulsion to the imperial union. Above all he should also no longer tolerate Melanchthon, who at first had issued an opinion against the Interim, but remove him from his office and drive him out of the land. In these tangled circumstances Maurice now hit upon the unhappy, most dangerous thought of bringing about a still finer mixture of truth and falsehood, a new middle way, a new union, and indeed between the Lutheran Church and the Augsburg Interim. By the incomplete introduction of the Interim the Estates were to be satisfied, by the closest possible approach to it the Emperor. And to this grievous, foul work the Saxon theologians were to lend a helping hand.

Now everything depended on whether Melanchthon and his colleagues could be brought to so refined a union, to indifference toward the leaven, to lukewarmness, to halting between two opinions.

Melanchthon (see Ranke V, 75—89) had been recalled to Wittenberg after the university, scattered by the war, was set up again, and had accepted the call all the more gladly because his dearest friends and like-minded colleagues lived there, and it was his ambition, as he said, to save the wreckage from the great shipwreck and to restore the university's reputation. The new government under Maurice sought to show itself agreeable to him in every respect, he was consulted in affairs, regard was taken of his recommendations, he was occasionally defended before the Emperor,