Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 11, Nummer 26 › Seite 202
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1855-08-14, Seite 202
⤓ Download page image (full resolution)
German transcription AI-corrected against the scan
202
ja auf einer Reise ließ man ihn sogar, als ob die höchste Gefahr vorhanden, eine Zeit lang verbergen. So mochte es denn dem so gelehrten, aber weniger weltklugen Manne wohl scheinen, als ob von der Regierung Gunst und Fürsprache sein ganzes Wohl abhinge. Zu diesem Gefühl der Dankbarkeit kam noch ein anderes. In den letzten Jahren hatte sich Melanchthon Luther und auch dem alten churfürstlichen Hof gegenüber beengt gefühlt, seine Gedanken über die Abendmahlslehre wagte er nicht auszusprechen und frei zu entwickeln. In dem Umsturz der alten Regierung erblickte Melanchthon daher gleichsam eine Erleichterung und Befreiung seines wissenschaftlichen Standpunktes, und so schloß er sich mit unerwarteter Hingebung dem neuen Herrn an. Mit den Räthen des Landes, deren bloßer Name Luther schon widerwärtig gewesen, trat er in ein näheres Verhältniß. Er besuchte Dr. Kommstardt auf seinem Landgute, stand mit Karlowitz im Briefwechsel. Indem man diese Wendung seiner Hinneigung und Abhängigkeit beobachtet, erschrickt man schon vor der Gefahr, in welche seine persönliche Haltung gerathen muß. In einem unbewachten Augenblicke, in welchem er brieflich Karlowitz für die Gewährung der Rückkehr seines alten Freundes, des Dr. Jonas nach Halle, dankte, verlor er das größte Verhältniß seiner frühern Zeit, das ihn zu dem Manne in der Welt gemacht hatte, der er war, seine Freundschaft zu Luther ganz aus den Augen. Das Gefühl der Befriedigung unter den nun obwaltenden Verhältnissen brachte ihm überall, vorübergegangene der Verstimmung unter den frühern ins Gedächtniß zurück. Er ließ Klagen über Luthers Eigensinn und Streitsucht einfließen, er erlaubte sich Seitenblicke auf die frühern Herrn. Jetzt, bei dem Unglücke seines frühern, so treuen, nun in der Gefangenschaft schmachtenden Fürsten, jetzt, nach dem Tode seines Freundes Luther, Klagen bei einem Karlowitz vorzubringen, der dem Reformator so oft ein Widersacher gewesen, und der das Meiste zum Sturze des Fürsten beigetragen hatte! — Man sieht, wohin auch ein so edler Mensch, als Melanchthon, von augenblicklichen Beziehungen übernommen, gerathen kann! — Jetzt war gerade eine Zeit gekommen, wo er die Zweifel an seiner moralischen Stärke, die sich schon regten, hätte widerlegen, das Zutrauen zur allgemeinen Sache durch eine männliche, unnachgiebige Haltung hätte beseitigen können. Aber eine unglückliche Vorliebe für sein Wittenberg führte ihn in den Bereich einer staatsklugen, verführerischen Gewalt. — Melanchthon drückte sich in jenem Briefe auch über den ihm schon mitgetheilten Entwurf des Interims sehr entgegenkommend aus. Er billigte den Artikel über die Kirche und die Herstellung der Gebräuche: er erwähnte selbst, mit welchem Vergnügen er in seiner Kindheit die kirchlichen Ceremonien mitgemacht; er brachte Vorschläge bei, wie die Prediger zu gewinnen sein: und meinte noch, seine Mäßigung werde den Mächtigen nicht genug thun. Sie gereichte ihnen zum höchsten Erstaunen. Karlowitz theilte den Brief Jedermann mit, der ihn sehen wollte: zahlreiche Abschriften gingen in Augsburg von Hand zu Hand; die Anwesenden können nicht ausdrücken, wie zufrieden sich die Prälaten darüber äußerten, wie unglücklich sich die Evangelischen darüber gefühlt haben; die Gesandten schickten das Aktenstück ihren Höfen ein. Auch dem Kaiser ward das Schreiben vorgelesen: „den habt ihr,“ soll er ausgerufen haben, „seht zu, daß ihr ihn festhaltet.“ — Und die moritzische so nachhaltige wie gewandte Regierung verstand das.
Es wurden zunächst vorbereitende Zusammenkünfte gehalten, zu Meißen, Pegau, Torgau, Celle, Jüderbock, in denen man von Stufe zu Stufe den Theologen Zugeständnisse abdrang. So führten dieselben anfangs noch eine feste und kräftige Sprache z. B. gegen den achten Paragraph des Augsb. Interim: „es sei falsch und eine schreckliche Lüge, daß man der Vergebung der Sünden nicht gewiß sein könne, sondern zweifeln solle.“ In der deutschen Uebersetzung wird man schon milder, es heißt Statt „falsch und schreckliche Lüge“ nur noch: „und ist diese Rede nicht recht, daß man zweifeln soll.“ In der Pegauischen Ueberarbeitung fehlt endlich der Widerspruch gegen diese römische Lüge ganz. In der Lehre von der Rechtfertigung nimmt man selbst den „eingegossene Gerechtigkeit“ auf. Hat nichts gegen die Wiederherstellung der bischöflichen Jurisdiction, erklärt den größten Theil der schon abgeschaffenen Ceremonien wieder für annehmbar! — Es ist wahr, die Theologen wurden sehr eingeschüchtert, die Vorstellungen der Regierung: man könne bewirken, daß die Klostergüter, von denen sich jetzt Kirchen und Schulen erhalten, ihnen wieder entrissen würden, oder daß gar fremde Kriegsvölker über sie kommen und in Sachsen hausen würden wie in Würtenberg, beunruhigten und erschreckten die armen Gelehrten, welche an der Wahrhaftigkeit und überlegenen Weltkenntniß der Räthe keinen Augenblick zweifelten. Sie wagten nicht zu widersprechen, — sie schwiegen, — sie gaben nach! —
Um die Sache zum Abschluß zu bringen, wurde endlich bei einem Landtage zu Leipzig das Resultat aller bisherigen Berathschlagungen zusammengefaßt, den Landständen zur Bewilligung vorgelegt, und sollte dann als Landesgesetz öffentlich bekannt gemacht werden. Die Stände erhoben anfangs noch einmal Bedenken, aber die Theologen weniger eifrig als ihre Pflegbefohlenen, suchten dieselben zu heben. Sie versicherten, daß die Messe doch nie ohne Communicanten Statt finden, das Frohnleichnamsfest mit keiner Prozession verbunden, dem Oel keine abergläubische Bedeutung beigelegt werden solle. Ihr Trost war, daß doch Alles, was sie zugegeben, sich mit der Wahrheit vereinigen lasse, daß sie das Joch nur auf sich genommen, um die Kirche der Verwüstung nicht Preis zu geben. — Ein Trost, der leider der innern Wahrheit gänzlich entbehrte, denn Manches, was sie zugegeben, war geradezu dem Worte Gottes entgegen, und das aufgenommene Joch den Gewissen eine größere Verwüstung, als aller äußere Druck und Verfolgung.
So kam das sogenannte „Leipziger Interim“ zu Stande. Eine Schrift, worin alles das enthalten, was zu Meißen und Pegau wegen der Lehrartikel, und zu Celle wegen der Mitteldinge und Ceremonien beschlossen war. Die Verfasser derselben waren Phil. Melanchthon, Dr. Eber, Dr. Pommer, Dr. Major, und Dr. Pfeffinger, Superintendent zu Leipzig. Melanchthon hatte unter allen den meisten Antheil daran. Schon der Eingang dieser Schrift zeigt, daß man sich durch weltliche List und Drohung von dem einzigen rechten Standpunkte, von dem aus Beschlüsse in Beziehung aufs Reich Gottes gefaßt werden können und dürfen, hatte hinwegdrängen lassen. „Unser Bedenken“, heißt es, „steht darauf, daß man der Römischen Kaiserlichen Majestät, unserm allergnädigsten Herrn, Gehorsam leiste, (sie hätten als Theologen den Anfang mit dem Gehorsam gegen Gott machen sollen, denn Gottes Willen, und Gottes Ehre muß auch der Gehorsam gegen den Kaiser weichen,) und sich also verhalte, daß Ihre Majestät und männiglich unser aller Gemüth zur Ruhe, Frieden und Einigkeit geneigt, vermerken möge.“ (Es wäre besser gewesen, sie hätten eine Aufforderung ergehen lassen, daß man sich also verhalte, daß Ihre Majestät und männiglich vermerke, daß man mit dem römischen Papste Frieden nie, aber Kampf bis ans Ende haben wolle.) —
Dieses Leipziger Interim richtete in und außer Sachsen die größten Unordnungen und Zerrüttungen an. Die Sächsischen Prediger, welche sich weigerten, dasselbe anzunehmen, wurden abgesetzt und aus dem Lande gejagt. Der Superintendent von Annaberg, Wolfgang Pfentner, hielt sich eben damals zu Leipzig auf, da das Interim zum Vorschein kam. Da er nun hörte, daß er in Zukunft bei der Taufe den Kindern geweihetes Salz einstreichen, Wasser und Salz weihen, und Fahnen und Kerzen alle Sonntage um die Kirche tragen lassen solle, so sagte er zu einigen Verfassern des Interims: „Wo kommt ihr doch mit dem Narrenwerk her, wollt ihr wieder zu Kindern werden? Doch ihr möget thun was ihr wollt, so kann ich für meine Person nicht darein willigen.“ Dr. Ziegler gab sich hierauf Mühe, ihn zu dem Interim zu bekehren; Pfentner wiederholte seine vorige Antwort, und versicherte auch von seinen Pfarrkindern: „Wenn er sich gleich verführen ließe, würden diese es doch nicht annehmen. Sie hätten ihm ein Schreiben durch einen reitenden Boten nachgeschickt, und darin gebeten, er sollte in keinen gottlosen Artikel willigen, oder nicht wieder zu ihnen kommen. Er wolle sich also lieber zu Leipzig den Kopf abschlagen lassen, und solches mit gutem Gewissen leiden, als seine Kirche ärgern.“
Ebenso dachten auch noch andere Männer und ganze Gemeinden. Die Wittenberger Theologen, die Stifter des Leipziger Interims, sollen selbst geklagt haben: „daß der Riß durch ihr Vereinigungssystem in der Kirche so groß geworden, daß nicht nur keine Gemeinde mit der andern, sondern auch in einer Kirche kein Diakon, kein Schulmeister, kein Custos mit seinem Pfarrer, kein Nachbar mit dem andern, kein Hausgenosse mit dem andern einig gewesen.“
Außerhalb Sachsen war die Zerrüttung beinahe noch größer. Denn aus diesem Leipziger Interim entsprangen, wie aus einer bittern, giftigen Quelle jene adiaphoristischen, majoristischen, synergisti-
English translation AI translation
202
indeed on a journey he was even hidden for a time, as though the highest danger were present. So it might well seem to the man, so learned but less worldly-wise, as though his whole welfare depended on the favor and intercession of the government. To this feeling of gratitude was added another. In the last years Melanchthon had felt constrained in relation to Luther and also to the old electoral court; his thoughts on the doctrine of the Lord's Supper he did not dare to express and develop freely. In the overthrow of the old government Melanchthon therefore saw, as it were, a relief and liberation of his scholarly standpoint, and so he attached himself with unexpected devotion to the new lord. With the counsellors of the land, whose very name had already been repugnant to Luther, he entered into a closer relation. He visited Dr. Kommstardt at his country estate, and corresponded with Carlowitz. When one observes this turn of his inclination and dependence, one is already alarmed at the danger into which his personal bearing must fall. In an unguarded moment, in which he thanked Carlowitz by letter for granting the return of his old friend Dr. Jonas to Halle, he lost sight altogether of the greatest relationship of his earlier time, which had made him the man in the world that he was, his friendship with Luther. The feeling of satisfaction under the circumstances now prevailing brought back to him everywhere the passing moods of displeasure among the earlier ones. He let complaints fall about Luther's obstinacy and quarrelsomeness, he allowed himself sidelong glances at the former lords. Now, in the misfortune of his former, so faithful prince, now languishing in captivity, now, after the death of his friend Luther, to bring complaints before a Carlowitz, who had so often been an adversary of the Reformer, and who had contributed most to the prince's fall! — One sees whither even so noble a man as Melanchthon, overcome by momentary connections, can come! — Just then a time had come in which he could have refuted the doubts about his moral strength which were already stirring, and could have dispelled confidence in the common cause by a manly, unyielding bearing. But an unhappy fondness for his Wittenberg led him into the sphere of a statecraft-wise, seductive power. — In that letter Melanchthon also expressed himself very accommodatingly concerning the draft of the Interim already communicated to him. He approved the article on the Church and the restoration of the customs: he even mentioned with what pleasure in his childhood he had taken part in the churchly ceremonies; he offered proposals how the preachers might be won: and thought besides that his moderation would not satisfy the mighty. It caused them the highest astonishment. Carlowitz communicated the letter to everyone who wished to see it: numerous copies went from hand to hand in Augsburg; those present cannot express how content the prelates showed themselves over it, how unhappy the Evangelicals felt over it; the envoys sent the document to their courts. The letter was also read aloud to the Emperor: "You have him," he is said to have exclaimed, "see to it that you hold him fast." — And the Maurician government, as tenacious as it was adroit, understood that.
At first preparatory meetings were held, at Meissen, Pegau, Torgau, Celle, Jüterbog, at which concessions were wrung from the theologians step by step. Thus at first they still used a firm and vigorous language, e. g. against the eighth paragraph of the Augsburg Interim: "it is false and a terrible lie that one cannot be certain of the forgiveness of sins, but should doubt." In the German translation one already becomes milder, it says instead of "false and terrible lie" only: "and this saying is not right, that one should doubt." In the Pegau revision the contradiction against this Roman lie finally disappears altogether. In the doctrine of justification they even adopt "infused righteousness." They have nothing against the restoration of episcopal jurisdiction, declare the greater part of the ceremonies already abolished to be acceptable again! — It is true, the theologians were greatly intimidated; the representations of the government: that it could bring about that the monastery properties, from which churches and schools now maintain themselves, would be torn from them again, or that foreign soldiery might even come upon them and ravage in Saxony as in Württemberg, troubled and frightened the poor scholars, who did not for a moment doubt the truthfulness and superior knowledge of the world of the counsellors. They dared not contradict, — they kept silent, — they yielded! —
To bring the matter to a conclusion, the result of all previous deliberations was finally summed up at a diet at Leipzig, laid before the Estates for approval, and was then to be made publicly known as a law of the land. The Estates at first raised objections once more, but the theologians, less zealous than their wards, sought to remove them. They assured them that the Mass would never take place without communicants, that the festival of Corpus Christi would be joined with no procession, and that no superstitious significance would be attached to the oil. Their comfort was that everything they had conceded could be reconciled with the truth, and that they had taken the yoke upon themselves only so as not to give the Church up to devastation. — A comfort which, alas, wholly lacked inward truth, for much that they had conceded was directly contrary to the Word of God, and the yoke taken up was a greater devastation to consciences than all outward pressure and persecution.
So the so-called "Leipzig Interim" came into being. A document containing everything that had been resolved at Meissen and Pegau concerning the articles of doctrine, and at Celle concerning the matters indifferent and ceremonies. Its authors were Phil. Melanchthon, Dr. Eber, Dr. Pommer, Dr. Major, and Dr. Pfeffinger, Superintendent at Leipzig. Melanchthon had the greatest share in it of all. Already the introduction of this document shows that they had let themselves be pushed away, by worldly cunning and threats, from the one right standpoint from which resolutions touching the kingdom of God can and may be made. "Our opinion," it says, "is that obedience be rendered to the Roman Imperial Majesty, our most gracious lord, (as theologians they should have begun with obedience to God, for before God's will and God's honor obedience to the Emperor must also give way,) and that one conduct oneself so that Your Majesty and everyone may perceive our disposition inclined to quiet, peace and unity." (It would have been better had they issued a summons that one so conduct oneself that Your Majesty and everyone may perceive that with the Roman Pope one will never have peace, but war to the end.) —
This Leipzig Interim wrought the greatest disorders and ruin in and outside of Saxony. The Saxon preachers who refused to accept it were deposed and driven out of the land. The Superintendent of Annaberg, Wolfgang Pfentner, was staying at Leipzig just at that time when the Interim came to light. When he heard that in future at baptism he was to rub consecrated salt on the children, consecrate water and salt, and have banners and candles carried round the church every Sunday, he said to some authors of the Interim: "Where do you come by this foolery, do you want to become children again? But you may do what you will, I for my part cannot consent to it." Dr. Ziegler thereupon took pains to convert him to the Interim; Pfentner repeated his former answer, and assured also concerning his parishioners: "Even if he should let himself be led astray, they would not accept it. They had sent a letter after him by a mounted messenger, and had begged therein that he should consent to no ungodly article, or not come back to them. He would therefore rather let his head be struck off at Leipzig, and suffer it with a good conscience, than offend his church."
Others, men and whole congregations, thought likewise. The Wittenberg theologians, the founders of the Leipzig Interim, are said themselves to have complained: "that the rent through their system of union in the Church had become so great that not only no congregation was at one with another, but also in one church no deacon, no schoolmaster, no sexton with his pastor, no neighbor with another, no member of a household with another."
Outside of Saxony the disorder was almost greater still. For from this Leipzig Interim there sprang, as from a bitter, poisonous fountain, those Adiaphoristic, Majoristic, Synergisti-