Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 69, Nummer 3 › Seite 44

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 4. Februar 1913, Seite 44

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Unzucht · Kirchengemeinſchaften 2

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S Ver „Tutheraned

So habe man ja gar keine Kontrolle über den Pastor und seine
Predigt. — Tatsache ist, daß Christus dafür gesorgt hat, daß die
Christen alle nötige Kontrolle haben über alle Lehre, die ihnen
vorgetragen wird. Die Christen haben Gottes Wort in der Hand
in ihrer Bibel. Sie haben Christi Befehl, die Lehre zu beurteilen,
da er sagt: „Sehet euch vor vor den falschen Propheten!“ Sie
wissen, das ist ihr Recht als Christen und geistliche Priester, daß
sie alles prüfen und richten, wie Luther sagt: „über der Lehre
zu erkennen und zu richten, gehört vor alle und jede Christen,
und zwar so, daß der verflucht ist, der solch Recht um ein Härlein
kränket.“ Daß man dem Pastor bei der Predigt ins Wort fällt,
ist gar nicht nötig. Sagt der Pastor Gottes Wort, und das ge—
fällt dem Fleische nicht, dann sohl der Zuhörer ihm nicht wider—
sprechen, sondern sich unter Gottes Wort beugen. Oder wenn er
das nicht will, dann soll er wissen:
Dies ist sein Heiligtum und Haus;
Wer Sünde liebt, gehört hinaus.

Oder der Pastor predigt Gottes Wort, und es ist ein Falschgläu⸗
biger da, der möchte widersprechen. Der soll auch den Gottes⸗
dienst nicht stören; denn er ist in einem fremden Hause. Wenn
es ihm aber ein Ernst ist, so wird der Pastor sich nur freuen,
wenn er hernach ihm seine Bedenken äußert; da kann er sich ver⸗
teidigen und den Widersprecher belehren. Oder es ist endlich der
Fall möglich, daß der Pastor etwas predigt, was ein ernster Christ
für falsch hält. Da wird der hernach den Pastor schon aufsuchen
oder es auch in der nächsten Gemeindeversammlung zur Sprache
bringen. Das wird er in aller Ruhe und Freundlichkeit tun.
Wie Luther sich ausdrückt: „Ein frommer Christ trotzt und scharret
nicht also. Es kann ja sein, daß er sich irrt oder es nicht recht
verstanden hat. Lehrt aber der Pastor wirklich falsch und will
davon nicht lassen, dann hat die Gemeinde Recht und Pflicht, sich
den falschen Propheten vom Halse zu schaffen. So kann man
doch ganz gewiß nicht sagen: Die Christen haben keine Kontrolle
über des Pastors Predigt („there is no check upon it“).

Ein wunderliches Zeichen starken Glaubens. Die modernen
religionsgeschichtlichen Professoren der Theologie scheinen neuer—
dings in der Abnahme der Abendmahlsgäste ein Zeichen wachsen—
der Reife des Christenvolkes zu sehen. Auf der letzten sächsischen
kirchlichen Konferenz äußerte sich zu einem Vortrage über den
Rückgang der Abendmahlsziffer der als Hauptreferent einge—
ladene Prof. D. Gunkel dahin, daß der geistig höher stehende
Mensch der Versichtbarung des Gedankens des Symbols, des
Sakramentes, nicht mehr so bedürfe wie der Mensch auf einer
unteren Stufe; der Religionsgeschichtler sehe in diesem Rück—
gange eine erklärliche Entwicklung. Der „Reichsbote“ bemerkt
zu dieser Mitteilung aus Sachsen mit vollem Rechte: „Der
Theologieprofessor Gunkel hält die Abnahme der Kommunikanten⸗
ziffer für eine ganz normale, ja freudig zu begrüßende Ent—
wicklung; denn wer wollte sich nicht freuen, wenn Menschen zu
einem höheren geistigen Standpunkte gelangen? Die Abend-
mahlsverächter werden es dem Theologieprofessor Dank wissen,
daß er ihr etwa noch in ihnen schreiendes Gewissen beruhigt hat.
Sie beweisen ja durch ihr Fernbleiben vom heiligen Abendmahl,
daß sie die „‚geistig höher stehenden Menschen“ sind. Und so etwas
wagt ein Theologieprofessor einer kirchlichen Konferenz zu bieten!“
— So weit das deutsche Blatt. Leute, die jahrelange übung
haben darin, daß sie rufen: „Friede, Friede!“ wo doch kein Friede
ist, haben es schließlich dahin gebracht, daß sie auch die traurigste
Erscheinung als ein erfreuliches Zeichen begrüßen können. Daß
das heilige Abendmahl immer mehr versäumt und verachtet wird,
das beklagt man nicht als ein Zeichen des Abfalls und Un-
glaubens, sondern als ein Zeichen eines starken Glaubens, der
dieser Stärkung nicht bedürfe. Luther redet in der Einleitung
zum Katechismus auch davon und sagt in heiligem Spott: „Wer

aber das Sakrament nicht groß achtet, das ist ein Zeichen, daß
er keine Sünde, kein Fleisch, keinen Teufel, keine Welt, keinen Tod,
keine Fahr, keine Hölle hat, das ist, er glaubt der keines, ob
er wohl bis über die Ohren darin steckt, und ist zwiefältig des
Teufels. Wiederum, so bedarf er auch keiner Gnade, Leben,
Paradies, Himmelreich. Christus, Gottes, noch einiges Gutes;
denn wo er glaubete, daß er so viel Böses hätte und so viel Gutes
bedürfte, so würde er das Sakrament nicht so lassen, darinnen
solchem übel geholfen und so viel Gutes gegeben wird.“ Ver—
achtung des Wortes und Sakraments ist kein Zeichen geistlichen
Lebens, sondern des geistlichen Todes. E. P.

Eine Probe schwärmerischer Sündenmacherei gab kürzlich ein
Prediger, der sich folgendermaßen aussprach: „Tabak ist schlim—
mer als Alkohol, und ich hasse den Alkohol mehr, als der Teufel
das Weihwasser haßt. Der Pastor, der auf dem Wege zur Kirche
eine Zigarre raucht und dann seiner Gemeinde sagt, daß sie ein
reines Leben führen soll, muß ein merkwürdig konstruiertes Ge—
wissen haben. Wir sehen oft frühere Universitätsstudenten in der
Galilee-Mission, und die meisten von ihnen sind nicht wert, daß
wir uns mit ihnen abgeben. Prediger, die Bier im Eisschrank
haben und beten: „Dein Reich komme!' sollten wissen, daß das
erste, was Gott tun würde, wenn er wirklich käme, darin be—
stände, daß er die Bierflaschen zerschlagen würde. Ich sehne mich
immer nach einem Baseballschläger, wenn ich mit solchen Leuten
zusammenkomme.“ — So macht man Sünde, wo gar keine Sünde
ist, und läßt unterdessen wirklichen Sünden freien Lauf und setzt
seine Gerechtigkeit in selbstgemachte gute Werke. E. P.

Die Gründerin der CERISTIXN SCIHNCE, Mary Baker Eddy,
hat aus dem Verkauf ihrer Bücher einen Profit von über
§53,000,000 herausgeschlagen. Wenn man in der Kirche drauf
aus ist, Geld für sich aus den Leuten herauszuschlagen, dann
muß man ihnen nicht die göttliche Wahrheit verkündigen, um sie
selig zu machen, sondern sie mit päpstlichen Legenden (Luther
nannte sie Lügenden), mit vorgeblich in der Erde gefundenen
Goldplatten, mit erlogenen neuen Offenbarungen oder mit solcher
dem Worte Gottes und aller gesunden Vernunft gleichermaßen
hohnsprechenden Weisheit, wie die Christian Seience ist, närren
und um ihre Seligkeit betrügen. Ein Blatt, das den Profit der
Eddyschen Bücher meldet, erinnert daran, daß Barnum oft gesagt
habe: „Das amerikanische Volk will genarrt werden.“

Das Wachstum der Sünde.

Der Erfinder des Schachspieles soll sich von dem Perserkönig,
dem er es gewidmet, zum Dank fürs erste Feld des Schachbrettes
ein Weizenkorn, fürs zweite das doppelte, fürs dritte das doppelte
vom zweiten usw. bis zum letzten Feld erbeten haben. Lächelnd
über des Mannes einfältige Bescheidenheit und bereitwilligst ver⸗
spricht ihm der König, seine Bitte zu gewähren; aber siehe, als
man zusammenzählt, wieviel Körner das wohl ausmache, zeigt es
sich, daß im ganzen Perserland nicht so viel Weizen gewachsen war.
Ein anderes Beispiel: Ein Kaufmann verhandelt ein Pferd für
ein Hirsenkorn auf den ersten Nagel am Huf und für das doppelte
des Vorhergehenden für jeden folgenden, und der so billig gekauft
zu haben meinte, fand bei näherer Rechnung, daß er nicht an—
nähernd den Preis bezahlen konnte. „So macht es“, sagt ein
vielgelesener Schriftsteller,, der Teufel noch heute; er bindet unter
dem Vorwand eines geringen Kaufpreises dem Menschen eine Last
auf, die keiner bezahlen kann.“

Es ist in der Tat so: Der Teufel verführt zu geringen
Sünden, und aus geringen wächst die größere und aus der
größeren die noch größeren, und wenn am Schluß des Lebens der
dicke, schwarze Strich unter der Lebensrechnung gezogen und zu⸗

—

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