Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 69, Nummer 12 › Seite 184

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 10. Juni 1913, Seite 184

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S Der 2„utherantt

—

von seiner Wohnung viel weiter entfernt wäre, die er aber
viel besser und bequemer erreichen könnte, so sollte er an die
letztere Gemeinde entlassen werden.

In den lutherischen Staatskirchen Europas sind die ein—
zelnen Parochien geographisch abgegrenzt — für geographische
Parochialgrenzen lassen sich allerdings manche Vorteile anfüh—
ren —, und dabei sah man schon in der alten lutherischen Kirche
auf die Entfernung von den Kirchen und darauf, ob die Be—
treffenden bequem zum Gotteshaus gelangen könnten.

Weggezogene Glieder Material für Missionsgemeinden.

In den so vielfach entstehenden und aufblühenden Vor—
städten und neuen Stadtteilen unserer jetzigen Großstädte sollte
die rechtgläubige Kirche so bald als möglich Missionen ins Leben
rufen, und für diese neuen Missionsgemeinden sollten die dort—
hin ziehenden Glieder älterer Gemeinden ein günstiges Ma⸗
terial sein, und gerade gute Gemeindeglieder, die für die neue
Missionsgemeinde eifrigst tätig sein werden, sollte man ermun⸗
tern, sich dort anzuschließen, und gerade sie, die man sonst ja
gerne behielte, darum mit Freuden entlassen. Die Glieder der
verschiedenen missourischen Gemeinden, die in einer solchen Ge⸗
gend wohnen, sollten ihre Augen offen halten und an einem
günstigen Zeitpunkt dort eine Mission gründen und dann die
Gemeinden, zu denen sie gehören, und die Glieder der Missions—
gesellschaft, falls eine solche in ihrer Stadt organisiert ist, darauf
aufmerksam machen. Hier muß unsere Losung sein: Fort⸗
schritt! Aufwachen! An die Arbeit! Die Kirche und Synode,
die zuerst mit ihrer Missionsarbeit da ist, hat einen großen
Vorsprung und Vorteil für die Zukunft. Wenn die Gemeinde,
an welche die Entlassung gegeben werden soll, eine Missions⸗—
gemeinde ift, dann sollte der einstimmige Entlassungsbeschluß
durch ein besonders kräftiges und fröhliches Ja geschehen. Eine
Gemeinde, die so die Mission aufbauen hilft, wird der SErr
der Kirche nicht im Stich lassen, sondern dafür segnen.

Wenn einer freilich weit von seiner Kirche waͤhnt und eine
andere rechtglänbige Kirche auch viel näher hat — und wäre
dies auch eine Missionskirche, wo also sein Anschluß sehr er—
wünscht und auch so das Naturgemäße wäre —, er aber aus
ihm genügenden Gründen bei seiner alten Gemeinde bleiben
will und auch regelmäßig da die Gottesdienste besucht — denn
die Regel muß durchaus festbleiben, daß jeder in der Gemeinde,
zu der er gehört, die Gottesdienste besuchen, und daß niemand
die traurige Rolle eines Umherläufers in den verschiedenen
Kirchen spielen soll! —, und sein Kirchentum nicht bloß darin
besteht, daß er seinen Beitrag bezahlt und etwa zu Ostern kom—
muniziert und alle Vierteljahr zur Kirche geht, dann wird
niemand das Bleiben bei der Muttergemeinde tadeln, zumal
wenn die alte Gemeinde der Hilfe aller Glieder zur Aufrecht—
erhaltung ihres Haushaltes bedürftig ist.

Hier ist es nötig, daß wir diese Bemerkung machen: In
manchen Fällen ist die alte Muttergemeinde der Hilfe, resp. der
Beiträge der Glieder, mehr bedürftig als die etwa näher lie—
gende sogenannte Missionsgemeinde. Es heißt immer: „Helft
den Missionsgemeinden!“ Das ist recht. Dieser Ruf sollte noch
viel lauter erklingen. Aber man bedenke den großen Haushalt
dieser und jener immer kleiner werdenden Muttergemeinde und
den Haushalt dieser und jener wachsenden Missionsgemeinde,
die etwa auch noch von der Synode Unterstützung bekommt.
Manche „Missionsgeméinden“ sollten eben längst selbständig sein

und nicht mehr Unterstützung zum Gehalt ihres Pastors aus
der Missionskasse annehmen. Leute, die in ihrem Stadtteil
eine Mission sehen möchten, damit sie es billiger haben können,
damit sie das Fahrgeld auf der Straßenbahn sparen können,
und darauf rechnen, daß die Synode oder die Missionsgesell—⸗
schaft ihnen den „Missionar“ umsonst oder doch möglichst billig
stellt, die sind sehr schlechtes Material für eine Missionsge—
meinde. Deren Schreien nach Mission ist wertlos. Die Leute,
welche eine Mission anfangen wollen, sollten auch bereit sein,
große Opfer für sie zu bringen. Mit opferwilligen Leuten
läßt sich etwas anfangen. Die oft kleiner werdende Mutter⸗
gemeinde hat etwa noch ihre Schule — und wir wissen, das
verursacht viele Kosten für eine Gemeinde —, und viele Mis—
sionsgemeinden richten gar keine Gemeindeschule ein.

Wir wollen dies sagen, daß man nicht in allen Fällen so
argumentieren darf: die Liebe zur Missionsgemeinde erfordere
es, daß man Glieder entlasse, um sie finanziell zu stärken. Da
kann unter Umständen dies Argument zugunsten der alten
Muttergemeinde ausfallen.

Aber es handelt sich um das Seelenwohl des einzelnen,
daß er wirklich mit Gottes Wort versorgt sei, daß er die öffent—
liche Predigt reichlich haben könne, und danach muß bei der
Frage, ob friedliche Entlassung gegeben werden sollte oder
nicht, die Entscheidung getroffen werden. Die Sorge um das
Seelenwohl des einzelnen, die Sorge für die Förderung des
Reiches Gottes im allgemeinen muß den Ausschlag geben.

Die Lösung der Schwierigkeiten, die etwa für eine Ge⸗
meinde entstehen können, die Umstände halber viele Glieder
entlassen muß, da man sogar fürchtet, sie würde Unterstützung
von der Synode oder der Missionskasse annehmen müssen —
aber das wäre doch nicht so schlimm, und das würde die Synode
gerne tun, wenn sie wahrnimmt, wie diese Gemeinde so treu
und gewissenhaft nicht auf das Eigene sieht, sondern die Seelen
wirklich geistlich versorgt wissen und der Mission, dem Laufe
des Evangeliums, nicht im Wege stehen will —, überlasse man
im getrosten Vertrauen dem HErrn der Kirche, der alles führt
und wohlmacht. W. L.

—2*

Versammlung des Rord-Illinois-Distrikts.

„SErr, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast
sie alle weislich geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter“
— dieses Lob Gottes aus dem Buche der Natur war der
Grundton der Verhandlungen des Nord⸗-Illinois-Distrikts, der
vom 14. bis zum 20. Mai in der überaus gastfreien Gemeinde
P. Bösters zu Chicago tagte. ö

Wohl haben schon manche Distrikte über die Erhaltung
und Regierung Gottes verhandelt, aber dies Thema ist so zeit—
gemäß, ersprießlich, praktisch und tröstlich, auch so reich und
umfassend, daß man es nie auslernen kann. Liegt auch dies
Thema nicht im Zentrum der Theologie wie die Rechtferti—
gungslehre, so liegt es doch ganz gewiß auf der Peripherie, und
nur wer die Schriftlehre von der Erhaltung und Regierung
Gottes kennt und glaubt, hat sehende Augen für das wunder⸗
bare Walten des in Christo versöhnten Gottes in der Kirchen⸗,
Welt⸗ und Naturgeschichte. Wer hingegen, wie Luther sagt,
mit Kuhaugen durch die Welt geht, steht vor lauter unlösbaren
Rätseln. — Schon das Gewissen, die Vernunft, die Natur

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