Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 69, Nummer 17 › Seite 262

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 19. August 1913, Seite 262

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262 S Der „Tutheraness

genossen wohnen aber nicht beisammen, sondern sehr zerstreut,
in den verschiedenen Ortschaften und Kolonien und auf dem
Lande, oft weit entfernt von den Hauptstraßen.

Der älteste Platz der Insel ist Santa Fe, ein Land—
städtchen, ungefähr in der Mitte der Insel, an beiden Seiten
des Santa Fe-⸗Flusses gelegen. Hier hat unser Pastor seinen
Wohnsitz aufgeschlagen. Von hier aus ist auch die eigentliche
Berufung eines Pastors aus unserer Synode ergangen, und
hier herrscht viel Eifer für unsere Sache. Hier ist unsere erste
Gemeinde gegründet worden, unsere erste Gemeinde in den
West Indies. Neun unserer Glaubensgenossen haben in rech—
ter Herzenseinigkeit eine rechtgläubige Gemeindekonstitution
angenommen und unterschrieben. 35 Seelen zählen wir zwar
erst, aber wir haben gute Hoffnung, daß das Gemeindlein unter
Gottes Segen weiter wachsen wird, denn es wohnen hier nicht
nur andere, welche noch zu gewinnen sind, sondern es ziehen
vor allem neue Deutsche beständig hierher, und eine ganze An—
zahl ist sicher zu erwarten, da sie in der Nähe der Stadt bereits
Land besitzen, das sie bepflanzt haben und bearbeiten lassen,
bis die Bäume tragen; dann wollen sie mit ihren Familien
ganz herziehen. Tausende von Ackern guten Landes warten
hier noch der Pesirdelung. — Auch Len El Canal, viner kleinen
Ansiedlung etwa sechs Meilen südlich von hier, kommen einige
zu unsern Gottesdiensten in Santa Fe.

Vor allem haben wir in der Touristenzeit manche Be—
sucher in unsern Gottesdiensten, die aus den verschiedensten
Kirchengemeinschaften in den Vereinigten Staaten und Canada
kommen und meist großes Interesse an unserer Arbeit nehmen.

Unsere Gottesdienste halten wir alle vierzehn Tage in der
englischen Methodistenkirche, die wir aber nur am Vormittag
von 9 bis 10 Uhr haben können, da um 10 Uhr die metho⸗
distische Sonntagsschule beginnt. Da müssen wir oft recht
eilen, um pünktlich fertig zu sein, und wir haben deshalb auch
keine Gelegenheit, unsere wenigen Kinder nach dem Gottes-
dienst wenigstens etwas in Gottes Wort zu unterrichten. Die
Zeit ist auch ungelegen, besonders sür solche, die einen weiten
Weg haben.

Von Anfang an haben wir nun hier erkannt, daß wir
ein eigenes Kirchlein nötig haben, und haben vor bald einem
Jahre den Bau beschlossen. Unser Plan ist, ein Gebäude zu
errichten, das den Verhältnissen und dem Klima angemessen
ist und ein Zimmer für die Gottesdienste und für die Schule
enthält. Die beiden Räume können durch eine Schiebtür in
einen Raum vereinigt werden. Im amerikanischen Teile
der Stadt haben wir eine schön und hoch gelegene Baustelle,
1604400 Fuß, für §300.00 erworben, die jetzt aber schon
5500.00 wert ist, da das Land im Werte beständig steigt. Im
ganzen haben wir 51000.00 unterzeichnet, wozu auch Glau—
bensgenossen aus den andern Kolonien beigetragen haben, trotz—
dem sie selbst noch keine eigene Kirche haben. Auch einige
unserer Freunde hier haben freiwillig beigetragen, sogar zwei
Kubaner, und zwar in der Erwartung, daß sie Gottesdienst
und Schule in dem Gebäude auch in ihrer Sprache werden
haben können.

Wir haben aber noch §2800.00 bis §3000.00 nötig, um
bauen zu können, da das Baumaterial hier teuer ist. Bis jetzt
haben wir vergeblich auf Hilfe aus unserer lieben Synode ge—
wartet und sind vertröstet worden auf später, da die betreffende
Kasse leer war. Mancher unter uns ist schon ganz mutlos

geworden, daß wir als Gemeinde immer noch obdachlos sind
und in unserer kirchlichen Arbeit hier dadurch so sehr gehindert
werden, während die Katholiken hier ihr schönes Gebäude, und
die Episkopalen und Methodisten ihre eigenen Kirchen haben.
Möge Gott durch diesen Bericht von unserer Not vieler Herzen
willig machen, uns bald zu helfen zum Bau unserer ersten
westindischen Kirche, wo die Muttergemeinde dieses Landes sich
versammeln kann, und von wo aus das teure Evangelium nach
allen Richtungen weiter getragen werden soll, so Gott Gnade
gibt. Schnelle Hilfe ist für uns doppelte Hilfe.

An demselben Sonntag, an dem früh in Santa Fe ge⸗
predigt wird, fährt unser Missionar in der Mittagszeit mit
Pferd und Buggy die dreizehn Meilen nach Nueva Gerona,
um dort nachmittags um 3 Uhr Gottesdienst zu halten. Nueva
Gerona, im Norden der Insel, am Casasfluß, etwa drei Meilen
vom Meer entfernt, ist unsere Hauptstadt mit den Regierungs⸗
gebäuden, Zollhaus, Kaserne, einer großen katholischen Kirche
und einer Nonnenschule. Es ist der schwierigste Platz für un⸗
sere Mission. Hier herrscht echtes Kubaleben, Weltleben, wo
vor allem der Sonntag der Hauptvergnügungstag oder ein
Arbeitstag ist. Die Hahnenkämpfe finden hier gewöhnlich
Senntags statt. Was das Papsttum nach jahrhundertelanger
Arbeit, wo es alle Macht über das unterdrückte Volk ausübte,
ausgerichtet hat, ist vor allem hier zu sehen. Mit der Los⸗
reißung von spanischer Herrschaft haben sich die allermeisten
Kubaner auch von der katholischen Kirche abgewandt und leben
kirchlos dahin. Wie hier, so stehen auch in ganz Kuba die
katholischen Kirchen meist leer.

In der Union Church“, einem alten spanischen Gebäude,
das christlichgesinnte Amerikaner gekauft und in einen Kirch—
saal umgebaut haben, und das letzthin die Methodisten als
Eigentum erworben haben, halten wir zweimal monatlich nach—
mittags um 3 Uhr lutherischen Gottesdienst, an welchem sich
3 bis 18 Zuhörer beteiligen. Nur wenige Deutsche wohnen
hier, und die meisten sind obendrein unkirchlich. Nueva Ge—
rona wird wohl noch viele Jahre ein Predigtplatz“ bleiben.
Es ist aber ein wichtiger Platz, zumal die Schiffe von Kuba
hier anlegen und viele Neukommende hier zu treffen sind.

Ein anderer Predigtplatz ist Columbia, etwa sieben
Meilen nordöstlich von Santa Fe gelegen, eine amerikanische
Ansiedlung, die vorläufig wenig Aussicht auf Zuwachs hat,
wo aber auch gelegentlicher Gottesdienst nötig ist, da wir dort
vier oder fünf haben, die uns hören wollen. Auch dahin fährt
der Missionar mit seinem Fuhrwerk auf bequemer Landstraße.

Die meisten Deutschen sind in letzter Zeit aus den Ver—
einigten Staaten nach Santa Barbara im Westen der
Insel gezogen, wo eine amerikanische Landkompanie Land ver—
kaust. Hier ist unsere zweite Gemeinde gegründet worden,
die 14 Stimmberechtigte und über 40 Seelen zählt. Noch
mehr deutscher Zuzug hierher wird erwartet, aber bald wird
das meiste Land verkauft sein. In Santa Barbara baut sich
eine echt amerikanische Stadt auf. In einem Schulhaus wird
dort zweimal monatlich nachmittags Gottesdienst von uns ge—
halten, und nach dem Gottesdienst werden die Kinder (5 bis
15) gewöhnlich im Katechismus und im Deutschen unterrichtet.
Die Gemeinde hat letzthin aus ihrer Mitte drei Männer er—
wählt, die sich nach einem passenden Bauplatz umsehen sollen;
denn wir wollen hier mit dem Bau eines Schulhauses be—
ginnen und eine regelmäßige christliche Schule einrichten, zu

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