Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 69, Nummer 18 › Seite 280

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 2. September 1913, Seite 280

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SEDer 2„Tutheranes

so ganz grob gegen Gott und sein Wort sündigen, haben damit
auch den Frieden mit ihren Brüdern in allen christlichen Ge—
meinden auf Erden verloren, und eine Gemeinde, die solche
Leute aufnehmen würde, würde damit sogleich die Bruderschaft
mit der Gemeinde verleugnen, von der diese Leute kommen.
Und wie die neue Gemeinde diese Leute, die der ihnen lästigen
brüderlichen Ermahnung und Zucht entlaufen wollen, um des
Gewissens willen nicht aufnehmen darf, so darf auch die bis—
herige Gemeinde um des Gewissens willen ihnen keine fried—
liche Entlassung geben; denn das hieße ja einer christlichen Ge—
meinde Leute empfehlen, die in Kirchenzucht genommen werden
sollten, so gerne man auch etwa unter Umständen dem Fleische
nach sie bos wäre und aller Händel überhoben sein möchte. Die
christliche Wahrhaftigkeit wie auch die rechte Liebe zu dem Sün⸗
digenden fordern es, daß das im Wege Liegende erst in gott⸗
gefälliger Weise beseitigt werde.

Weiter sagen wir: Nicht Anstoß an Mitteldingen kann als
Entlassungsgrund anerkannt werden. Die, welche um eines
solchen Grundes willen ihre Entlassung von einer Gemeinde
fordern, sind Schismatiker, Separatisten. Die Anerkennung
eines solchen Grundes würde Verleugnung der christlichen Frei—
heit sein. Lies Gal. 2, 4. 5!

Endlich sagen wir: Ein schlechter, ganz und gar nicht stich⸗
haltiger, wenn auch noch so schön klingender Grund ist es,
wenn man seine Gemeinde verlassen will, weil in derselben sich
so viele übelstände finden. Auf Grund der Schrift müssen
wir festhalten: Das Wuchern des Unkrauts in einer Gemeinde,
in der die Gnadenmittel noch unverfälscht im Schwange gehen,
berechtigt uns nicht, uns von ihr zu trennen. Vergleiche Matth.
13, 24 ff.

Solange in einer Gemeinde das Wort Gottes in der öffent—
lichen Predigt lauter und rein erschallt, ist sie wirklich eine
rechtgläubige christliche Gemeinde. Verlassen müssen wir eine
Gemeinde erst, wenn falsche Lehre in ihr Berechtigung gefunden
hat. In der Gemeinde zu Korinth war die reine Predigt;
aber was das Leben betrifft, so waren viele Übelstände einge—
rissen. Der Apostel Paulus fordert jedoch die rechtschaffenen
Christen in der verderbten Gemeinde zu Korinth nun nicht auf,
diese zu verlassen, sondern dazu, desto fester aneinander zu
halten und nicht Spaltungen unter sich sein zu lassen. Siehe
1 Kor. 1, 30; 15, 12. 34; 2 Lor. 12, 20. 21.

Das beweist auch heute noch die Erfahrung genug, daß,
wenn sich Schwächen und Gebrechen und böse Stücke im Leben
in einer rechtglänbigen Gemeinde zeigen, gar manche in ihrem
Unverstande sprechen: „Ich gehe aus der Gemeinde, ich nehme
meine Entlassung“; und sie meinen etwa gar, damit einen
besonderen Beweis ihres guten Christentums, ihres Ernstes
in der Heiligung zu liesern. Aber das ist gar nicht christlich,
sondern sehr töricht und unverständig geredet. Es ist ganz
gegen die Schrift. Aus Gottes Wort recht berichtete Christen
wissen: je größer das Verderben im Leben in einer rechtgläu—
bigen Gemeinde ist, desto mehr Ursache haben sie zu bleiben und
zu kämpfen.

Vergessen wir nicht, was Luther sagt: „Auch ist offenbar,
daß gar ein großer Unterschied ist unter Lehre und Leben,
gleichwie zwischen Himmel und Erde ein großer Unterschied ist.
Das Leben mag wohl unrein, sündlich und gobrochlich soin;
aber die Lehre muß rein, heilig, lauter und beständig sein.“
(Vgl. die ganze Ausführung Band XVI, 1675 f.)

Walther führt oft in seinen Predigten und Schriften aus,
daß man um der Ärgernisse willen, die in der Gemeinde vor—
kommen, diese nicht verlassen solle. Denen, die eine Gemeinde
suchen, wo im Leben alles immer recht gottselig, heilig, friedlich
und lieblich hergehe, hat er dies zu sagen: „Eine ganz reine
Kirche ist eine Traumkirche, die es nie gegeben hat und die es
nie geben wird. Wer eine ganz reine sucht, wird sie nie finden,
und wer sich nur zu einer ganz reinen Kirche halten will, wird
ewig von der Kirche ausgeschlossen bleiben. . .. Wer sich von
einer Gemeinde, in der Gottes Wort gepredigt wird und die
heiligen Sakramente recht verwaltet werden, trennt, weil sich
darin nach seiner Meinung Sünden, Mißbräuche und Ärger—
nisse finden, ein solcher Mensch ist ein Separatist, ein Trenner
und Spalter; er begeht eine große Sünde; er verachtet Gottes
Wort und Sakrament, er verwirft die Kinder Gottes und will
sein Heil nicht allein auf Gottes Wort, sondern auf Menschen—
gerechtigkeit und -heiligkeit bauen.“

Im Leben auch der besten Christen kommen Unlauter—
keiten und viele Flecken vor. Wer es nur mit vollkommenen
Christen in der Gemeinde zu tun haben will, der greife in
seinen eigenen Busen und erschrecke über seine vielen Ge⸗
brechen! Auch in einer wahren Christengemeinde befinden sich
immer noch Heuchler, ja zuweilen auch offenbare Sünder. In
diesen traurigen Zustand der Kirche Gottes auf Erden sollen
wir uns zu finden wissen. In dieser Erkenntnis sagen wir
mit unserm großen Kirchenlehrer Walther: „Wohl haben wir
Ursache, zu Gott inbrünstig um Reinigung seiner Kirche zu
seufzen und mit allem Ernste uns dem eindringenden Strom
des Verderbens entgegenzusetzen, aber dennoch sollen wir fest
glauben, daß da, wo das reine Wort erschallt und doch einige
heilig als die Kinder Gottes danach leben, doch eine heilige
christliche Kirche sei, die wir nicht verlassen, sondern mit welcher
wir kämpfen müssen in Not und Gefahr, Schande und Ver⸗
folgung bis zum Tode.“ W. L.

— —

Aus unsern fremdsprachigen Missionen.

Ein alter „Lutheraner“-Leser bittet den „Lutheraner“ in
einem an denselben gerichteten Brief (siehe Jahrgang 69, Nr. 2),
die Leser aufzufordern, die Synode betreffende Artikel und
Berichte einzusenden. Zu solchen Berichten gehört auch der
folgende.

In Detroit, Mich., hat der HErr seit etwa 1852 sein luthe⸗
risches Zion aufgerichtet. In den verflossenen sechzig Jahren
ist aber das kleine Samenkörnlein zu einem mächtigen und
kräftigen Baum gervorden, so daß jetzt über 21,000 Seelen
von 25 Pastoren unserer Synode das Brot des Lebens gereicht
wird. Überwiegend sind natürlich die deutschen Gemeinden;
aber auch in der englischen Sprache wird das reine, lautere
Evangelium in vier Kirchen verkündigt. Sogar die lutheri—
schen Taubstunmien Detroits sind nicht übersehen worden; auch
ihnen läßt der HErr in der Zeichensprache durch Missionar
Schröder sein Heil verkündigen.

Der Heiland aber ruft uns zu: „Gehet hin in alle Welt
und prediget das Evangelium aller Kreatur.“ An diesos
Wort sich haltend, sind darum auch die Pastoren Detroits mit
dem Evangelium zu den fremdsprachigen Einwohnern ihrer
Stadt gegangen; zuerst zu den Polen. Diese Polengemeinde

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