Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 69, Nummer 18 › Seite 285
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 2. September 1913, Seite 285
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Das Goldstück.
In einer kleinen Stadt hatte eine Missionsversammlung
stattgefunden. Die Anwesenden verließen den Saal, indem sie
an der Tür ihre Gaben in die bereitgehaltenen Büchsen warfen.
Zuletzt kam eine sehr arme Witwe daher. Mit strahlenden Ge—
sicht gab sie dem leitenden Missionar ein Goldstück. Dieser kannte
die Frau gut und wußte, in wie ärmlichen Verhältnissen sie lebte.
Deshalb sagte er zu ihr: „Liebe Frau, Sie sind arm. Ein Gold—
stück ist viel zu viel für Sie. Wenn Sie aber für den Heiland
ein Opfer bringen wollen, dann geben Sie mir ein Viertel oder
die Hälfte dieses Geldes.“ Als die Witwe diese Worte hörte,
wurde sie sehr traurig. „Lieber Herr Missionar“, sagte sie mit
bestimmtem Ton, „ich bin 62 Jahre alt und habe lange Zeit nur
Kupferstücke in die Missionsbüchsen werfen können; später war
ich so glücklich, wenn ich Silberstücke für die Mission geben konnte.
Ich habe Gott sehr darum gebeten, daß er mir so lange das Leben
lassen möchte, bis ich nur ein einziges Mal ein Goldstück für mei⸗
nen Heiland geben könne. Damit dieser Wunsch in Erfüllung
gehe, habe ich lange gespart. Mancherlei Annehmlichkeiten habe
ich mir versagt und die Pfennige, die ich damit gewann, zusam⸗
mengelegt. Ich bin oft ohne Licht ins Bett gegangen, damit das
Licht, das ich sparte, in den Missionshäusern weiter brenne und
das ewige Licht dadurch zu den Heiden komme. Endlich bin ich
jetzt an meinem Ziele. Mein Glück ist unbeschreiblich. Ich bin
so froh, daß ich endlich ein Goldstück für meinen Heiland geben
durfte. Nun kann der HErr mich heimrufen. Nehmen Sie das
Geld doch, Herr Missionar“, sagte sie mit Tränen, „und weisen
Sie es nicht zurück! Um JEsu willen bitte ich Sie, daß Sie mich
glücklich heimschicken.“
Während sie so sprach, hatten sich die noch im Saale An⸗
wesenden dazugefunden und betrachteten aufmerksam die schlicht—
gekleidete Frau. Da nahm der Missionar das Goldstück, sah mit
leuchtendem Gesicht auf die Unistehenden und sprach: „Wahrlich,
ich sage euch, diese arme Witwe hat mehr denn sie alle eingelegt.
Denn diese alle haben aus ihrem überfluß eingelegt zu dem Opfer
Cottes; sie aber hat von ihrer Armut alle ihre Nahrung, die sie
hatte, eingelegt. (Luk. 21, 2—4.) Und ich sage euch“, fuhr er
fort, „in meinem Leben habe ich Tausende von Menschen kennen
gelernt und von Hunderttausenden habe ich Gold- und Silberstücke
bekommen, aber einen solchen Glauben habe ich noch nie erfahren.
Diese Witwe ist reich bei all ihrer Armut und selig bei all ihrer
Dürstigkeit.“ Dann ging die Frau glücklich nach Hause.
„Ich werde“, fuhr der Missionar fort, „dies Goldstücklein
ganz besonders gebrauchen, weil ich weiß, daß das Geld eine
treue Beterin hinter sich hat. Dies Geld wird viel mehr Frucht
bringen als manche große Gabe, bei der die lieben Geber ver—
gessen, nachher weiter zu beten. Sie geben die Gaben, aber sie
stehen nie im Gebet hinter ihren Gaben. Sie bitten den HErrn
nicht, daß er seinen Segen darauf lege und sie reiche Frucht
bringen lasse.“
Drei Jahre waren darüber hingegangen. Eines Tages be⸗
kam der Missionar einen Brief aus Armenien und las: „Vor
drei Jahren haben Sie mir eine Gabe von 20 Mark gesandt und
dabei geschrieben, daß ich sie, wenn mir ein Fall ganz besonderer
Not vor Augen käme, verwenden solle. Ich habe dafür einem
Tischler die nötigsten Werkzeuge gekauft. Dem Mann hatten die
Türken seinen Laden ganz ausgeraubt und er war dadurch mit
seinen sechs Kindern in große Not geraten. Betteln wollte er
nicht und er wußte niemand, der ihm helfen könnte. Durch seinen
Freund erfuhr ich davon und dachte gleich: da mußt du die be⸗
sondere Gabe gebrauchen. Ich schickte ihm die Sachen heimlich
und hörte dann lange nichts von dem Manmne Nor kurzem hokarm
ich folgenden Brief:
„Lieber Herr Missionar!
„Vor drei Jahren bekam ich unerwartet einige Werkzeuge
in sehr schwerer Zeit, als mir kaum eine Hoffnung blieb durch—-
zukommen. Ich danke Dir, daß Du Dich meiner annahmst, als
ich in Not war. Durch die Werkzeuge bin ich wieder vorwärts—
gekommen und bin jetzt der reichste Tischler in der Stadt. Aber,
lieber Herr Missionar, ich habe noch etwas bekommen, was mehr
wert ist als all dies Geld. Ich habe meinen Heiland kennen ge—
lernt und bin jetzt nicht nur der reichste, sondern auch der glück—
lichste Mann in dieser Stadt. Ich möchte Dir nun hierdurch den
Zehnten von dem schicken, was ich durch diese Werkzeuge verdient
habe. Gott segne Dich und Deine Arbeit!“
„In dem Brief“, schrieb der Missionar weiter, „lagen 200
Mark. Der Geber ist jetzt ein treues Mitglied unserer Kirche.“
Als der Missionar diesen Brief las, erfüllte Freude sein
Herz. Er kniete sogleich nieder und dankte dem Errn, daß er
die Gebete der Witwe erhört und so reichlich gesegnet hatte. Dann
schrieb er einen Brief an die arme Frau, die noch lebte. Wir
können uns denken, wie glücklich sie über die Nachricht gewesen ist.
(Aus „Sonnen⸗Aufgang“.)
Wo sind die Mütter?
Unter dieser überschrift schreibt ein bekanntes und vielge—
lesenes Wochenblatt, Leslie's Weely: „Während ihre Töchter
den turkey trot' und den bunny hug' tanzen oder sich auf den
Straßen umhertreiben, gekleidet mehr nach der Weise der Straßen—
dirne als nach der Weise einer schamhaften Jungfrau — wo sind
da die Mütter? Wenn gedankenlose Mädchen solche Dinge tun,
was soll man da sagen von den Müttern, die so sehr ihre Mutter—
pflichten vergessen haben, daß sie so etwas erlauben oder gar dazu
ermutigen? Aber wo sind die Mütter, die da mit verständiger
Hand Einhalt tun? Geben sie nichts mehr darum, was für
Unterhaltungen ihre Töchter aufsuchen? Liegt ihnen nichts mehr
daran, wie ihre Töchter sich kleiden? Ist mädchenhafte Scham⸗
haftigkeit eine veraltete Sache? Es findet eine Umwälzung in
Lebensweisen und Sitten statt, und dabei hört man wenig oder
keinen Protest von den Leuten, die die Ersten sein sollten, etwas
zu sagen — von den Müttern. Die Gewohnheit schmutziger und
viehischer Tänze in sogenannter guter Gesellschaft, die gemeinen
und verführerischen Kleidertrachten und die allgemeine Zuchtlosig—
keit im Wandel, schon unter Knaben und Mädchen in ihrem Kindes—
alter, bilden eine fürchterliche Anklage gegen die Mütter unserer
Tage, deren Augen so verblendet sind, daß sie nicht sehen, wohin
wir kommen. Gebt uns wieder Mütter von der alten Sorte,
welche die einfachen Sitten, wie sie für das Kindes- und Jugend—
alter gebräuchlich waren, wiederherstellen.“
Segen des Evangeliums.
Auf den Fidschi-Inseln, wo das finsterste Heidentum mit
unsäglichen Greueln geherrscht hatte und Märtyrerblut geflossen
war, kamen bekehrte Häuptlinge mit der Bitte zu den Missionaren:
„Ihr kennt jene Höhe, wo an einem Felsblock Hunderte unserer
Kinder als Opfer bluteten, weil man ihre Köpfe daran zer—
schmetterte. Erlaubt ihr, daß wir ihn behauen und zu einem
Taufstein ummeißeln, damit künftig an demselben Stein, wo wir
und unsere Väter den bösen Geistern opferten, fortan unsere
Kleinen dem lebendigen Gott dargebracht werden?“ In der
Hauptkirche jener Inselaruppe steht nunmehr der Taufstein. Das
ist ein Ostersieg Nach Nerner Nalksaia 19/1.)
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