Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 69, Nummer 19 › Seite 297
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 16. September 1913, Seite 297
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Sozialismns. 7²27⁷ · Sozialismus 1
8 TuiseraneEES.
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nicht um die sozialistischen Grundsätze; darin sind sie eigent⸗
lich, der Hauptsache nach, ganz einig; es handelt sich vielmehr
um die Art und Weise des Kampfes für den Sozialismus, um
die Mittel, die gebraucht oder nicht gebraucht werden sollen, um
die „tacties“, wie sie zu sagen pflegen. Hier sind sie in verschie⸗
dene Heere geteilt, besonders in diese beiden: Syndikalisten
und Parlamentarier. Unter den Syndikalisten gibt es wieder
zweierlei, solche nämlich, welche nur der „Propaganda der
Tat“, der „Aireet action“, das Wort reden und nichts wissen
wollen von politischen Plänen, und solche, die auch tapfer voran⸗
gehen und alles brechen wollen, was sich nicht biegen will, je
eher, je lieber, wenn nur Aussicht auf Erfolg ist, die aber doch
ö auch jeden Vorteil gerne mitnehmen wollen, den sie durch den
Stimmkasten, durch die Erlangung politischer Macht, zu er—
ringen vermögen. Zu dieser letzteren Art gehören die Indus-
trial Workers of the World, an deren Spitze der bekannte Hay—
wood steht. Diese Verbindung verfolgt den Zweck, der ja auch
schon in dem Namen zum Ausdruck kommt, alle Arbeiter der
ganzen Welt in einen einzigen Verein, *one big union“, zu
sammeln, so daß die Leitung desselben wie im Handumdrehen
eines Tages einen „Weltstreik“, eine Arbeitseinstellung aller
Arbeiter in allen Ländern, anordnen und so die Bewilligung
jeder Forderung erzwingen könne. Das, meint man, sei der
schnellste und sicherste Weg, den Sozialismus zur Herrschaft
über den Erdkreis zu erheben. Die Parlamentarier dagegen
wollen, wenn auch nicht allein, so doch zunächst und hauptsäch⸗
lich auf dein Wege der Politik ihre Lehren zur Geltung bringen.
Sie erklären mit W. Liebknecht: „Die Umwandlung der Ge—
sellschaft und die Vollziehung der sozialen Revolution zu er—
warten ohne Teilnahme an dem politischen Kampfe, ist kindische
Albernheit.“
Also in der Frage, wie man den Sozialismus eilend und
sicher auf den Weltthron setze, sind die Sozialisten allerdings
uneinig, aber nicht in ihrer Wissenschaft, nicht in den Prinzi⸗
pien, für die sie eifern. Und dann, wenn sie gleich in allerlei
Nebendingen widereinander sind, so ziehen sie doch gewöhn⸗—
lich, wenn es sich um die Erringung eines Sieges für ihre
„Sache handelt, an einem Strang, als wären sie ein Herz
und eine Seele. Ihrer aller Held, zu dem sie aufsehen, dessen
Geist sie in sich haben, dessen Führung sie folgen wollen, ist
Karl Marx; obwohl dieser seit 1883 tot ist, so soll er doch in
ihnen weiter leben und wirken. Daher schließt Karl Renner
eine längere sozialistische Abhandlung im „Vorwärts“ von New
York, datiert den 15. April 1913, mit folgenden begeisterten
Worten: „Marx also lebt; er lebt in uns und in all den Dingen
um uns; er wird fortleben in den kommenden Generationen.
Vortragen wird er den Denkenden die Fackel, den Kämpfenden
4die Fahnen, und das heranrollende Jahrhundert wird Mühe
haben, seines Geistes Spannweite auszumessen.“
Woher wissen wir denn das alles so genau und bestimmt?
Von den Sozialisten selbst. Es gehen ja nicht nur ihre Red—
ner durchs Land, sondern sie haben auch ihre Druckereien, die
Bücher und Zeitschriften in Menge verbreiten, wie in andern
Ländern, in Deutschland, zum Beispiel zu Stuttgart, so auch
dahier. In New Hork ist die Socialist Literature Co., Buch—
handlung der New Norker „Volkszeitung“, 15 SpruceStraße,
wo auch das Wochenblatt „Vorwärts“ erscheint, und zwar als
„Organ der Socialist Party“. Das Hauptgeschäft jedoch ist
Charles H. Kerr & Co., 118 W. Kinzie⸗Straße, Chicago. Es
hatte 1912 eine Einnahme allein für Bücher von §47,120.91.
Das Verlagshaus besteht nicht, wie ausdrücklich erklärt wird,
„um Geld, sondern um Sozialisten zu machen“. Es wird ge—
führt von einer Aktiengesellschaft, die aus Gliedern der Sozia⸗
listenpartei besteht, die aber für ihr Geld keine Zinsen noch
Dividenden nehmen. Es wird der Partei nicht nur öffentlich
Bericht erstattet vom Geschäft, sondern es wird ihr auch erlaubt,
genaue Einsicht in ihre Bücher zu nehmen. Im vorigen Jahre
wurde ein Komitee von der Partei ernannt, das eine Unter—
suchung anstellen sollte, die auch sehr befriedigend ausfiel und
deren Ergebnis in der Juninummer des Magazins hεα Inter-
Iationa Socialist Review veröffentlicht wurde. Diese Zeit⸗
schrift geht monatlich, in die 60 Seiten stark oder auch darüber,
aus genannter Druckerei hervor. Der Leiter des Geschäfts,
Charles H. Kerr, ist auch der Hauptredakteur. Er selbst schreibt
in der Nummer vom September letzten Jahres, Seite 270:
„Niemals in der ganzen Geschichte der Welt war die Aussicht
für die enterbten Arbeiter so glänzend wie in diesem Jahre
1912. Die Ursache ist, daß es niemals so weitverbreitete, so
verständige und so entschiedene Zeichen des Aufruhrs (revolt')
gab, als jetzt deutlich zu sehen sind. Hier in den Vereinigten
Staaten steht die Sozialistenpartei an der Spitze des Aufruhrs.
Wir von der Review, die wir innerhalb der Partei und für sie
arbeiten, haben eine bestimmte Botschaft, die wir von Monat
zu Monat erschallen zu lassen versuchen.“ Also was Kerr
schreibt und drucken läßt, das tut er in der Partei u nd
für die Partei. Er ist ein Werkzeug der Partei. Wenn
er die Grundsätze des Sozialismus treibt, die alle klaren Köpfe,
wie er immer wiederholt, „all clear-headed Socialists“, anneh⸗
men, so hört man in ihm die Stimme der Partei. Wenn daher
einer, der auch ein Sozialist sein will, anders von diesen Dingen
redet, so tut er das in seinem Namen, nicht im Namen der
Partei; er versteht eben den rechten Sozialismus nicht; er ge⸗
hört zu denen, in deren Kopfe der Sozialismus noch in Nebel
und Dunst eingehüllt ist, die darum erst noch lernen sollten, ehe
sie redeten. Über diese Art wird öfters geklagt. So schreibt
ein Paul Günther im „Vorwärts“ vom 19. April: „Alles in
allem genommen, muß ich gestehen, daß der Sozialismus selbst
unter den leitenden Geistern noch sehr unklare Vorstellungen
einnimmt.“
Was nun aus solcher Bäckerei kommt, sollte das nicht
echtes Sozialistenbrot sein? Wenn man aus solchen Kund⸗—
gebungen nicht lernen kann, was rechter Sozialismus ist, wohin
sollte man sich dann wohl wenden, um es lernen zu können?
Es ist albern, zu sagen, aus dieser und jener Schrift könne
man nicht lernen, was Sozialismus sei, denn was darin stehe,
habe eben einer gesagt, der betreffende Verfasser, aber nicht
die Partei. Natürlich hat es einer gesagt — fast alles hat
Marx gesagt —, aber die Partei bekennt sich ja dazu. Sie
fordert und dringt förmlich darauf, daß alles Volk lese und
studiere, was der Mann gesagt habe und seine Schüler, damit
man es verstehe und annehme.
Und welches ist nun der Sozialismus — fragen wir
nochmals —, der von hier aus, von den sozialistischen Verlags—
häusern aus, hausiert wird? Es ist der Marxsche. Gerade
die Bücher Marxens werden empfohlen als die reinste und
vollste Quelle des echten Sozialismus. Sein Manifest von
1848, das auch von Friedrich Engels, seinem intimen Freunde
und Mitarbeiter, unterzeichnet ist, wird gepriesen als noch
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