Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 69, Nummer 19 › Seite 300
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 16. September 1913, Seite 300
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S er Tutfieranes
Bürger immer mehr zum Bewußtsein gebracht, daß die Trennung
von Kirche und Staat hierzulande nicht zu Recht besteht. Unver⸗
kennbar ist die Absicht der römischen Klerisei, ihr Volk an den Ge—
danken zu gewöhnen, daß die Kirche Forderungen dieser Art an
den Staat zu richten hat. G.
Wäre die römische Bevölkerung unseres Landes schon ge⸗
nügend darauf eingeschult, unverschämte Forderungen an die
Regierung zu stellen, und die nichtrömische Bevölkerung schon
durch den Bohkott genügend eingeschüchtert, so hätte die Priester—
schaft mit ihrem Bestreben, die Presse des Landes zu knebeln,“
wohl schon weitere Fortschritte gemacht. Doch tritt die römische
Kirche immer kühner mit ihren Absichten in dieser Richtung hervor.
Besonders durch die bitteren Angriffe der Menace sieht sich die
römische Kirche jetzt veranlaßt, auf Einschränkung der Preßfreiheit
zu drängen. Die große Versammlung katholischer Vereine in
Milwaukee faßte einen geharnischten Beschluß in der Sache. Auch
die Columbusritter verlangen Ausschluß der Menace von der Post.
Die katholische Veul World spricht sich in derselben Angelegenheit
also aus: „Gewisse Gossenblätter hierzulande führen einen scheuß⸗
lichen Feldzug gegen die römische] Kirche. Dieselben schrecken
vor keiner Anschuldigung zurück. Wären diese Verleumdungen
gegen Einzelpersonen gerichtet, so würden sie schon dadurch von
der Post ausgeschlossen.“ Tatsache ist, daß die Menacée un—
zähligemal gegen Einzelpersonen, auch gegen Priester, unter
Orts⸗ und Namensnennung, die schwersten Anklagen erhoben hat.
Das übersieht aber die Veu World. Sie fährt fort: „Wir
wären Feiglinge, wenn wir dies länger so mitansehen wollten.
Das Gesetz muß umgeändert werden! Wenn kein
Gesetz besteht, dem übel abzuhelfen, so mache man eins! Wir
sind stark und einflußreich. Wir waren die Ersten auf diesem
Kontinent. Wir haben nicht um Gefälligkeiten zu bitten.“
(Heißt also wieder: nur zu fordern haben wir!) „Wir wollen
unsere Kongreßleute wissen lassen, daß wir eines Gesetzes be—
dürfen, welches die katholische Kirche vor Verleumdung schützt.
Das ist unser Recht. Und unsere Forderung, wenn sie mit Nach⸗
druck (in force) geschieht, wird berücksichtigt werden.“ Gewiß
hat der Continent, ein presbyterianisches Blatt, recht, wenn er
über die Menace das Urteil fällt, daß sie dem Protestantismus
keine wirkliche Stütze biete. Sollte aber die Gefahr deutlich her—
vortreten, daß dem Drängen der Römischen von seiten feiger Be⸗
amten Folge geleistet wird durch Maßregeln, die den Pressen des
Landes tatsächlich Schweigen gebieten über die Greuel der Papst⸗
kirche, so muß dem Continent auch beigepflichtet werden, wenn er
sagt: „Wenn Gefahr droht, daß katholischer Einfluß hierin sei—
nen Zweck erreichen wird, so muß jeder Amerikaner, der den
Grundgedanken unserer Republik treu ist, für die Sache dieser
Zeitschrift, so anstößig sie auch sein mag, eintreten.“ Denn „wird
dieses Blatt durch einfache Order (des Generalpostmeisters) von
der Post ausgeschlossen, nur weil es den Katholizismus kritisiert,
so wäre kein Blatt mehr sicher, das auf die Tyrannei Roms, sei
es auch in den schonendsten Ausdrücken, aufmerksam macht.“
Ganz gewiß sind Freiheit der Presse und Freiheit der Religion
aufs engste miteinander verknüpft. Als Bürger haben wir die
Pflicht, darüber zu wachen, daß uns die Freiheiten, die wir jetzt
genießen, erhalten bleiben. Ein doppelt wachsames Auge gilt
es aber auf Washington richten zu einer Zeit, da die Feindin
aller Freiheit, die Papstkirche, sich mit solch offenkundigen Ab—
sichten trägt. G.
Gegen unanständige, unzüchtige weibliche Kleidung. In
Richmond, Va., und auch an einigen andern Orten hat die Polizei
Weibspersonen, die sich in oder vielmehr außerhalb der Röcke
neuester Mode auf der Straße blicken ließen, eingesteckt. In
Chicago sprach Miß Mary Bartelme, Assistentin am Jugend—
gericht, vor einer Versammlung von Pastoren es aus, daß sich
zur Besserung der Sittlichkeit der jungen Männer nicht viel tun
lasse, solange Mütter ihre Töchter in Kleidung umherlaufen lassen,
die in der Hurenwelt ihren Ursprung habe. Das unzüchtige Leben
ist zu unserer Zeit wahrlich verbreitet und schrecklich genug. Da
bedarf es nicht mehr der Förderung durch unzüchtige Bloß⸗
stellungen, die geradezu zur Lüsternheit herausfordern. „Ein
Weib im Hurenschmuck“, so beschreibt die Heilige Schrift Spr.
7, 10 die Hure. Sie braucht sie gar nicht zu nennen, was sie
ist; ihre Kleidung zeigt das zur Genüge an. Eine christliche
Jungfrau will nicht für das gehalten werden, was sie nicht ist.
Sie hat auch den Mut, eine ungehörige Mode nicht mitzumachen.
Ihre Modevorschrift ist das Wort des Apostels: „Desselbigen⸗
gleichen die Weiber, daß sie in zierlichem Kleide, mit Scham und
Zucht sich schmücken“, 1 Tim. 2, 9. Solche werden auch von
lüsternen Buben auf den Straßen wenig behelligt. E. P.
Daß die Mormonen das Gesetz, welches die Vielweiberei ver⸗
bietet, hintergehen, ist kein Geheimnis. Hat doch selbst ihr jetziger
Präsident, Joseph Smith, seinerzeit vor einem Untersuchungs-
komitee in Washington eingestanden, daß er das Gesetz übertreten
habe. Kürzlich haben die täglichen Zeitungen von einem Fall be—
richtet, der deutlich zeigt, wie sie noch immer in ihrem früheren
Wandel fortfahren. Ein Mann namens Fear, ein „Heiliger der
letzten Tage“, der in Salt Lake City wohnt, ein Mann von
65 Jahren, hatte sich schon seit längerer Zeit damit beschäftigt,
ein Luftschiff herzustellen. Um die Arbeit daran mit besserem
Erfolg betreiben zu können, zog er mit einer seiner Frauen, die
neunzehn Kinder hat, nach Chicago. Drei andere Frauen mit
zehn Kindern blieben in Salt Lake City zurück. Diese wurden
aber bald ihrer einsamen Lebensweise müde und zogen ihrem
Manne nach. Wohl oder übel mußte er sich ihrer annehmen und
brachte sie in verschiedenen Teilen der Stadt unter. Sein Luft—
schiffunternehmen lohnte sich nicht, seine Frauen fingen an Not zu
leiden und legten vor den Gerichten gegen ihren Mann Beschwerde
ein, weil er nicht für ihren Unterhalt sorge. Er erschien auch vor
dem Gericht und bekannte seine Verpflichtungen ihnen gegenüber,
aber während der Zeit hatte er seine große Familie nach Utah
zurückgeschickt, und das Gericht scheint weiter nichts getan zu
haben, als den Fall zu protokollieren. Ob die Regierung den Fall
weiter verfolgen wird, steht nun dahin. Daß die Regierung der
Vereinigten Staaten aber noch lange nicht mit der Mormonen—⸗
sekte zum Abschluß gekommen ist, liegt wohl klar am Tage. Ahn⸗
lich wie Rom trotzt auch diese Sekte der obrigkeitlichen Gewalt,
und ihr ganzes Bestreben geht darauf hin, politische Macht zu er⸗
langen, in Utah und andern westlichen Staaten die Oberhand zu
bekommen und ihre eigenen Gesetzgeber zu werden.
(L. Z. B.)
—— —
Ist die Mission zu tener?
Von Zeit zu Zeit tauchen in Tagesblättern immer wieder
Berechnungen auf, wieviel die Bekehrung eines Heiden, Juden oder
Türken koste. Man berechnet, wieviel jährlich für Mission auf⸗
gebracht wird, und dividiert die Summe durch die Zahl der in
einem Jahr getauften Heiden usw., und das Exempel ist fertig.
Offenbar dauert die Leute das liebe Geld; ja man kann förmlich
entrüstet tun über solche Vergeudung, und ob es denn nicht wahr—
lich Not genug in der Nähe gebe usw. Drei Antworten auf solche
Beschwerden veralten nicht, und die vierte wird manchem vielleicht
auch zu denken geben.
1. Als Maria ein Pfund Salbe nahm von ungefälschter, köst—
licher Narde und die Füße IEsu salbte und sie trocknete mit ihrem
Haar, da war es Judas Ischariot, der sprach: „Warum ist diese
Salbe nicht verkauft um 300 Groschen und den Armeen gegeben?“
„Das sagte er aber nicht“, bemerkt der Evangelist, „daß er nach
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