Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 70, Nummer 2 › Seite 23
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 20. Januar 1914, Seite 23
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ů 4 des Gewissens“ zur Aufgabe mache.
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dasselbe zu ermöglichen. Eine solche Stiftung wäre ein rechter
Lutherdank. Wir bitten daher schon jetzt alle, denen die Sache
des reinen Evangeliums am Herzen liegt, zur Sammlung eines
Jubiläumsfonds in diesem Sinne mithelfen zu wollen. Auch in
den Reihen der gläubigen Gemeinde fehlt es ja nicht an solchen,
denen eine größere Gabe nicht unmöglich ist; aber auch die kleinste
Gabe, die der Dankbarkeit entstammt, ist uns herzlich willkommen.
Lutherdank“ heiße diese Stiftung, weil sie den Dank zum Aus⸗
druck bringen soll, den wir Gott für alles schulden, was er uns
durch Luther geschenkt hat. Gott lehre uns recht danken!“ Das
sind herrliche Worte! Aber zugleich liegt bei denen, die sie ge⸗
schrieben und unterschrieben haben, eine große Selbsttäufchung vor.
Auch die besten unter ihnen wagen nicht zu bekennen, daß die
Heilige Schrift Gottes Wort ist. Sie erklären, daß diese Lehre
veraltet und für immer gefallen sei, und bezeichnen uns Mis⸗
sourier, die wir noch an der alten Lehre festhalten, als „rück⸗
ständig“. Und weil sie die Schrift nicht für Gottes unfehlbares
Wort halten, so wollen sie die Schrift auch nicht die einzige Quelle
und Richtschnur der christlichen Lehre sein lassen, sondern geben
verschiedene, von den Universitäten zu pflegende „wissenschaft⸗
liche“ Methoden an, wie die christliche Lehre aus dem „gläubigen“
Innern der Theologen zu entwickeln sei. Dieser Abfall von der
Schrift als dem unfehlbaren Gotteswort ist die eigentliche Ursache
der Unsicherheit und Verwirrung, die in der Kirche Deutschlands
herrscht und auch in dem „Aufruf“ zum „Lutherdank“ beklagt
wird. Es werden daher alle Stiftungen zur Besetzung von
„akademischen Lehrstühlen“ der Kirche nichts helfen, wenn die
Männer auf den akademischen Lehrstühlen nicht zu Luther zurück⸗
kehren und die Schrift so ansehen und behandeln, wie Christus
sie angesehen und behandelt haben will, wenn er spricht: „Die
Schrift kann nicht gebrochen werden“, Joh. 10, 35. F. P.
Die Entmenschung der Menschheit durch das Papsttum. Bei
der Grundsteinlegung zum neuen Kenrick⸗Seminar in St. Louis
sagte einer der Redner, daß die Papstkirche sich „die Entwicklung
Gerade das Gegen⸗
teil ist der Fall. Das ganze Papsttum ist darauf eingerichtet,
das menschliche Gewissen zu ertöten und die Menschen gewissen⸗
los zu machen. Das Gewissen in seiner Betätigung ist die innere
Stimme im Menschen, wonach jeder Mensch für sein Tun und
Lassen sich direkt Gott verantwortlich weiß. Es sind, wie die
Schrift sagt, die Gedanken, die sich untereinander verklagen oder
entschuldigen, Röm. 2, 15. Nach des Papstes Lehre aber soll der
Mensch die Entscheidung darüber, was recht oder unrecht sei, dem
Papst und den kirchlichen Oberen überlassen. Von den Gliedern
des Jesuitenordens wird gefordert, daß sie den Oberen gehorchen,
ae si Cadavera essent, als ob sie tote Leichname wären und gar
kein eigenes Urteil und gar keine eigene Verantwortung vor
Gott hätten. Aber derselbe „Kadavergehorsam“ wird auch jedem
Katholiken zur Pflicht gemacht, weil von jedem Katholiken ge⸗
fordert wird, daß er den Papst für unfehlbar halte und auf dem
Altar des Gehorsams gegen den Papst das eigene Urteil und das
eigene Gewissen zum Opfer bringe. Leo XIII. schärfte am
. 1. November 1885 auch den katholischen Zeitungsschreibern „all⸗
gemeinen Gehorsam gegenüber dem Apostolischen Stuhl“ ein.
Es ist weiter nichts als Betrug, wenn neuere katholische
Schreiber von einer Hochschätzung der Schrift innerhalb der
Papstkirche reden. Der Katholik darf sein Gewissen nicht von
der Schrift selbst berichten und bestimmen lassen, sondern ihm
wird eingeschärft, daß die Schrift nur nach der Auslegung
„der heiligen Mutter Kirche“, das ist, des Papstes, zu ver⸗
stehen sei. Papistische Schreiber haben eingewendet, daß doch
auch Gott unbedingten Gehorsam gegen sein Wort von allen
Menschen und insonderheit von den Christen fordere. Das ist
wahr. Aber der Papst ist nicht Gott. Sodann vergewaltigt und
zwingt, wie Luther mit Recht erinnert, selbst Gott die Gewissen
nicht, weder bei der Predigt des Gesetzes noch bei der Predigt des
Evangeliums. Das Gesetz hat Gott dem Menschen ins Herz ge⸗
schrieben, und durch die Predigt des Gesetzes weckt Gott das nur
recht auf, was schon im Gewissen des Menschen geschrieben steht.
Vom Evangelium freilich steht nichts im Gewissen des Menschen
geschrieben, und wenn es dem Menschen gepredigt wird, so hält
der natürliche Mensch es für eine Torheit. Aber Gott zwingt
den Menschen nicht zur Annahme des Evangeliums, sondern es
kommt so zur Annahme des Evangeliums, daß Gott durch Wir⸗
kung des Heiligen Geistes den Willen des Menschen ändert und
ihm den Glauben an das Evangelium durch das Evangelium
selbst ins Herz schreibt. Gott herrscht demnach so im Herzen
und Gewissen, daß er das Herz ändert und das Gewissen durch
sein allmächtiges Wort recht berichtet. Der Papst aber be⸗
ansprucht mit seinen Dekreten eine Herrschaft über Herz und Ge⸗
wissen, ohne doch die Macht zu haben, das Herz zu ändern und
das Gewissen recht zu berichten. So tötet der Papst das Ge⸗
wissen des Menschen. Er nimmt, soviel an ihm ist, dem Men⸗
schen das, was den Menschen zum Menschen macht und vom
Tier unterscheidet. Gott hat den Menschen so gemacht, daß sich
der Mensch für sein Tun und Lassen direkt Gott verantwort⸗
lich weiß. Der Papst aber schiebt sich, seine päpstliche
Autorität, zwischen Gott und Menschen. Das ist die Ent⸗
menschung der Menschheit durch das Papsttum.
In letzter Zeit haben nicht nur politische, sondern auch kirchliche
Zeitungen auf die armen Mexikaner gescholten, daß sich bei diesem
Volk so gar kein Gewissen für Recht und Ordnung finde. Dieser
Zustand ist vornehmlich eine Wirkung des Papsttums, das nicht,
wie Father Tallon bei der Grundsteinlegung rühmte, das Ge⸗
wissen „entwickelt“, sondern tötet, den Menschen als Kreatur
des Papstes behandelt und so zu einer Karikatur eines Menschen
macht. Die entsetzliche Wirkung der Papstkirche auf die Völker
müssen wir nicht nach den Ländern beurteilen, wo das Papsttum
neben andern Kirchengemeinschaften nur zur Herberge ist, wie
bei uns in den Vereinigten Staaten, sondern nach den Ländern,
wo es die Verhältnisse beherrscht. F. P.
Das Ableben des Kardinals Rampolla wird aus Rom ge⸗
meldet. Rampolla war schon unter dem Pontifikat Leos XIII.
eins der einflußreichsten Glieder des Kardinalskollegiums. Als
Leo XIII. starb, erwartete man allgemein die Wahl Rampollas
zu seinem Nachfolger, auch erhielt er bei der ersten Abstimmung
die höchste Stimmenzahl. Doch hatten damals die sogenannten
katholischen Großmächte — Frankreich, Spanien und ÖOsterreich —
noch das Recht, gegen die Wahl eines ihnen mißliebigen Kan⸗
didaten Einspruch zu erheben. Ssterreich protestierte gegen die
Wahl Rampollas, und Johannes Sarto (jetzt Pius X.) wurde
gewählt. Der neuerwählte Papst erließ bald nach seinem Amts⸗
antritt eine Bulle, die den genannten Regierungen das Veto⸗
recht bei Papstwahlen entzog und den großen Bann ausspricht
über jeden Kardinal, der die Ansprüche dieser Mächte bei künf⸗
tigen Wahlen geltend machen würde. Rampolla wird in der
katholischen Ner World als ein „musterhafter“ katholischer
Kirchenfürst bezeichnet, der sich ungeheure Mühe gegeben habe,
die Ansprüche des Papsttums auf weltliche Herrschaft zur
Geltung zu bringen. Merkwürdig! Sonst stellen hiesige katho⸗
lische Blätter die Sache so hin, als ob die Befürchtung, der Papst
wolle in bürgerlichen Dingen etwas zu befehlen haben, ganz aus
der Luft gegriffen sei; dem Papst falle es nicht ein, sich in Sachen
des weltlichen Regiments mischen zu wollen; und jetzt gilt der
New World Rampolla als musterhafter Katholik, weil er eben
dieses Ziel mit Anwendung seiner ganzen Geisteskraft angestrebt
habe. Keinem andern Ziel gelten aber die Bemühungen der
Römischen hierzulande. G.
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