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Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 20. Januar 1914, Seite 25

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SEer Nutperanets

„Lesen Sie mir aus dem Buche vor!“

Ein Feldprediger fand nach der Schlacht bei Vionville einen
Soldaten schwer verwundet auf dem Schlachtfeld liegen und
merkte, daß sein Ende nahe war. „Wollen Sie, daß ich Ihnen
etwas aus der Bibel vorlese?“ fragte er den Sterbenden. Aber
alles, was der Verwundete antworten konnte, war nur: „Ich bin
so durstig! Ich möchte lieber einen Schluck Wasser haben.“ Der
Feldprediger holte schnell einen Schluck Wasser; und als der
Soldat weiter um eine Unterlage für seinen Kopf bat, zog der
Feldprediger seinen überzieher aus, rollte ihn zusammen und legte
ihn als Kopfkissen unter. „Wenn ich nur etwas hätte, um mich
zuzudecken“, klagte der Soldat; „ich friere so.“ Im Augenblick
hatte der Feldprediger seinen Rock ausgezogen und ihn über den
armen Menschen gebreitet. Da sah der Sterbende den Feld⸗
prediger an und sagte mit brechender Stimme: „Wenn in Ihrem
Buche etwas ist, was einen Menschen veranlaßt, für einen andern
Menschen das zu tun, was Sie für mich getan haben, dann lassen
Sie es mich hören. Lesen Sie mir aus dem Buche vor!“

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Todesanzeigen.

Am 16. November 1913 ist unser lieber P. em. Jo h. Fr.
Nützel eingegangen zur Ruhe des Volkes Gottes. Die Be⸗
erdigung fand statt am 19. November unter großer Beteiligung

der hiesigen (West Ely. Mo.) wie auch der Nachbargemeinden.
Im Hause amtierte P. Walz; in der Kirche predigte P. Keller⸗
mann deutsch und P. Witte englisch; am Grabe amtierte P. Frey.
— Der Entschlafene wurde geboren am 8. Juli 1827 in Kulm⸗
bach. Bayern. Seine theologischen Studien begann er unter
P. Löhe in Deutschland. Im Jahre 1848 kam er nach Amerika,
um seine Studien in Fort Wayne zu vollenden. Weil aber die
Predigernot so groß war, trat er noch in demselben Jahr ins
Amt. Von Dr. Sihler ordiniert, nahm er einen Beruf an die
Gemeinde in Van Wert, O., an. Von Van Wert aus folgte er
einem Ruf der Gemeinde bei Columbus, O. Im Jahre 1856
berief ihn die Gemeinde bei Marysville, O. Im Jahre 1871
nahm er den Beruf der Immanuelsgemeinde zu West Ely, Mo.,
an, der er nahezu dreißig Jahre diente, bis er im Jahre 1900
wegen vorgerückten Alters sein Amt niederlegte. Er war fast
52 Jahre im Amte tätig. Alle, die ihn gekannt haben, werden
ihm das Zeugnis geben, daß er ein eifriger und gewissenhafter
Prediger gewesen ist, der die ihm verliehenen Gaben und Kräfte
ganz in den Dienst des HErrn gestellt hat. Sein Gedächtnis
bleibe im Segen! H. K.

Am 28. November 1913 entschlief P. Johannes Wil⸗
helm Weinbach zu Little York bei Pine Island. N. Y.,
nachdem er sein Amt noch bis zum Danksagungstage, am 27. No⸗
vember, dem Tage vor seinem Tode, verrichtet hatte. Er fiel
nämlich in der darauffolgenden Nacht aus dem natürlichen
Schlaf in den Todesschlaf, ohne Todeskampf; denn man fand

ihn morgens scheinbar friedlich schlafend im Bette, in Wirklich⸗

keit aber war er in die Ewigkeit hinübergeschlummert. Der Ent⸗
schlafene wurde am 2. März 1841 in Cleveland, O., geboren,

erreichte also ein Alter von 72 Jahren, 8 Monaten und 26 Tagen,

von denen er fünfzig Jahre im heiligen Predigtamt treu ge⸗
dient hat. Er war daneben langjähriger Präses des Canada⸗
Distrikts, Visitator und Redakteur des „Lutherischen Volksblatts“.
In den letzten fünf Jahren seines Lebens stand er als Seelsorger
an der Gemeinde zu Little York. — Die Leichenfeierlichkeit fand
zunächst in Little Hork statt, bei welcher der Unterzeichnete über
Hos. 6, 1 predigte. Dann sprachen noch die Pastoren W. Köp⸗

chen, als Präses der New York⸗Distriktskonferenz, und Walter
König, als Vertreter der New Jersey⸗Pastoralkonferenz; den
kurzen Gottesdienst im Trauerhause leitete P. C. J. Renz. Dar⸗
auf wurde die Leiche nach Buffalo, N. Y., übergeführt und dort
auf dem lutherischen Konkordia⸗Friedhof bestattet. Bei dieser
Gelegenheit amtierten die Pastoren A. Senne, J. Sieck und
M. Walker. — Sein Gedächtnis bleibe unter uns im Segen!
H. C. W. St.

Auch im „Lutheraner“ soll noch, wenn auch etwas verspätet,
eines Mannes gedacht werden, der seinem Gott und der Kirche
42 Jahre an den Kindern treu gedient hat. Am 12. Juni 1913
starb im Lutherischen Hospital zu St. Louis Lehrer Karl
Friedrich Günther. Der Entschlafene war am 29. April
1850 in St. Louis geboren und wurde daselbst vom seligen
P. Fr. Wyneken getauft. Von Wartburg, Ill., aus, wo seine
Eltern sich niederließen, besuchte er das Lehrerseminar in Addison,
wo er im Jahre 1870 sein Abgangsexamen mit Ehren bestand.
Bald darauf folgte er einem Rufe nach Albany. N. Y. Hier
führte der liebe Gott ihm seine spätere Lebensgefährtin, Katha⸗
rina, geb. Dörr, zu. Im Jahre 1875 nahm er einen Beruf an
die St. Georgeschule der Dreieinigkeitsgemeinde zu St. Louis an,
wo er bis zum Jahre 1896 tätig war. In diesem Jahre folgte
er einem Ruf an die Schule der Zionsgemeinde zu Staunton, Ill.,
wo er bis etwa ein Jahr vor seinem Ende im Segen wirkte.
Während einer längeren, oft recht schmerzhaften Krankheit nah⸗
men seine Kräfte zusehends ab, und er entschlief, auf sein Ende
wohl vorbereitet und gefaßt, im Alter von 63 Jahren, 1 Monat
und 13 Tagen. Er hinterläßt außer der trauernden Witwe seine
84jährige Mutter, sieben Kinder, sechs Enkel und eine Schwester.
Am 15. Juni wurde sein müder Leib zur letzten Ruhe gebettet.
— So lichten sich die Reihen unserer alten, treuen Gemeinde⸗
schullehrer immer mehr und mehr. Gott gebe uns rechten Er⸗
satz an solchen Lehrern, die aus Liebe zu ihrem Heiland gerne
und gewissenhaft an den Kindern arbeiten! Ja, auch das Ge⸗
dächtnis unsers lieben Lehrers Günther bleibe unter uns im
Segen! K.

Am 4. Januar entschlief Lehrer emer. Ernst L. Selle
im Hause seines Schwiegersohnes, P. A. C. Mennicke, bei
Geneseo, Ill. Dorthin hatte er sich vor einigen Monaten seines
leidenden Zustandes halben begeben, und es schien, als ob sich
sein Zustand unter der treuen Pflege seiner Tochter bedeutend ge⸗
bessert habe. Am Abend vor seinem Ende saß er noch im trau⸗
lichen Kreise seiner Kinder und sang liebliche Weihnachtslieder
mit ihnen. Am Morgen fanden seine Angehörigen, daß nur noch
die sterbliche Hülle im Bette lag. Die Seele war während der
Nacht scheinbar ohne viel Kampf aus ihrer irdischen Behausung
entflohen und in die ewige Heimat gezogen. Sein Ende war so
gekommen, wie er es erwartet hatte. — Nachdem am 6. Januar
in der Kirche P. Mennickes ein Gedächtnisgottesdienst abgehalten
worden war, in welchem P. Chr. Bergen von Geneseo amtierte,
wurde die Leiche nach Rock Island gebracht, und am 7. Januar
fand dort in der Immanuelskirche unter großer Beteiligung ein
Gedächtnisgottesdienst zu Ehren unsers langjährigen, treuver⸗
dienten Lehrers statt, wobei der Unterzeichnete amtierte. Auf
unserm Gottesacker neben seinem Vater, dem seligen Prof. C. A.
Selle, seiner Gattin und andern lieben Vorangeeilten fand der
Heimgegangene seine letzte irdische Ruhestätte. — Der Heimge⸗
gangene war in Chicago am 13. April 1848 geboren, wo sein
Vater damals Pastor der ersten lutherischen Gemeinde war. Im
Herbst 1861 trat er in das Lehrerseminar zu Fort Wayne ein,
wo auch sein Vater damals als Professor eintrat. Im Jahre
1866 machte er in Addison, wohin inzwischen das Lehrerseminar
verlegt worden war, Examen und fand seine erste Stelle in

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