Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 70, Nummer 10 › Seite 157
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 12. Mai 1914, Seite 157
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was in der Welt ist. So jemand die Welt liebhat, in dem
ist nicht die Liebe des Vaters. Denn alles, was in der Welt
ist, nämlich des Fleisches Lust, der Augen Lust und hoffär⸗
tiges Leben, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt“,
1 Joh. 2, 15. 16. „Fleuch die Lüste der Jugend!“ 2 Tim.
2, 22. „Seid nüchtern und wachet; denn euer Widersacher,
der Teufel, gehet umher wie ein brüllender Löwe und suchet,
welchen er verschlinge. Dem widerstehet feste im Glauben!“
1 Petr. 5, 8. 9. G.
—— —
Wie die deutsche Landeskirche die Austrittsbewegung
zu hemmen sucht.
Die Bewegung „Los von der Kirche“ greift in Deutschland
immer weiter um sich und hat die Gemüter dermaßen erregt,
daß sie das Tagesgespräch bildet in kirchlichen Kreisen, das
Hauptthema in kirchlichen Zeitschriften. Große Versammlun⸗
gen werden abgehalten, in denen für den Kirchenaustritt ge⸗
redet wird; zahlreiche Flugblätter, in denen die Kirche ver⸗
höhnt wird, werden im ganzen Lande verbreitet; riesige Plakate
an den Litfaßsäulen der Großstädte fordern zum Massenaustritt
auf und machen darauf aufmerksam, wo die Formulare für
Kirchenaustritt erhältlich seien, nämlich in „Buch⸗ und Papier⸗
handlungen, Gastwirtschaften und bei Barbieren und Friseuren“.
Die Folge dieser Agitation haben wir vor Augen: Tausende
von Personen haben sich in den letzten Monaten von der Kirche
losgesagt. Und wenn die Kirche immer mehr an Gliedern
verliert, wenn hervorragende Führer der Kirche die Befürch⸗
tung aussprechen, daß der Tag nicht mehr ferne sei, an welchem
der Bau der Staatskirche, der bereits merklich ins Schwanken
geraten ist, einstürzen werde, so nimmt uns das nicht wunder,
bekundet doch die Landeskirche gerade auch durch die Art und
Weise, wie sie sich verteidigt, ihre Ohnmacht.
Die Austrittsbewegung kam dadurch in Gang, daß die
Sozialdemokraten und Monisten (Gottesleugner) gemeinschaft⸗
lich zum „Massenstreik gegen die Kirche“ aufforderten. In
einem Flugblatt nennen sie das, was die Kirche bietet, „Bettel⸗
suppen fürs arme Volk“ und fordern die Leute auf, in großen
Scharen auszutreten. Darauf haben nun die Landeskirchlichen
mit einem Gegenblatt geantwortet, das die Überschrift trägt:
„Wie stellen Sie sich zur Austrittsbewegung?“ In diesem
Blatte, das massenweise Verbreitung gefunden hat, wird zu⸗
nächst hingewiesen auf den Verlust an „wertvollen Gütern“,
den der Austritt zur Folge habe. Und was sind das für
Güter? Es heißt wörtlich: „Haben Sie bedacht, was Sie mit
dem Austritt aus der Kirche verlieren? daß Sie nichts dabei
gewinnen können? Sie verlieren das Recht der Taufpaten⸗
schaft, das Recht der kirchlichen Trauung, den Anspruch auf
Taufe und Einsegnung Ihrer Kinder, das aktive und passive
Wahlrecht und endlich das Recht, auf einem kirchlichen Fried⸗
hof Ihre Ruhestätte zu finden.“ Es wird dann ein Versuch
gemacht, zu erklären, wie „wertvoll“ diese Güter seien, und
schließlich wird an den Dienst erinnert, den die Kirche dem
Volke geleistet habe: sie habe „Armenpflege getrieben, soziale
Fürsorge an alten, kranken und invaliden Arbeitern“, sie habe
sich „der Blinden und Lahmen ... erbarmt, ehe der Staat
ihrer gedachte“. Das sind also die Gründe, die die Leute be⸗
wegen sollen, bei der Kirche zu bleiben.
Ist das nicht eine sonderbare Sprache, mein lieber Leser?
Wir würden doch ganz anders reden. Wenn in unsern Ge⸗
meinden jemand gleichgültig wird und auf den Gedanken
kommt auszutreten, so sagen wir ihm: Tu du das nicht! Weißt
du nicht, daß deine Seligkeit davon abhängt, wie du zum Worte
Gottes stehst? Lesen wir doch in der Schrift: „Selig sind,
die das Wort Gottes hören und bewahren.“ „So kommt der
Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort
Gottes.“ Gottes Wort ist das einzige Mittel, wodurch der
Heilige Geist in dem Menschen den seligmachenden Glauben
wirkt und erhält. Gebrauchst du dies Mittel nicht mehr, hörst
du Gottes Wort nicht mehr, so fällst du endlich aus dem Glau⸗
ben und gehst verloren.
Aber freilich, wir haben auch aus der Schrift erkannt,
worin die Aufgabe der Kirche besteht. Die Landeskirchlichen
dagegen haben scheinbar vergessen, was für einen Auftrag der
HErr JEsus seinen Jüngern gegeben hat. Sein Befehl ist:
„Prediget das Evangelium aller Kreatur!“ Das ist die Auf⸗
gabe der Kirche, den Menschen das Evangelium zu verkündigen,
das Wort Gottes. Und wo das geschieht, wo Wort und Sakra⸗
ment im Schwange gehen, da kommt der Heilige Geist mit
himmlischen Gaben: Glaube, Gnade, Vergebung der Sünden,
Seligkeit. Das sind die Schätze, um die es sich handelt im
Reiche Gottes. Das sind die wesentlichen Dinge. Und wer
diese Güter hat, der wird auch die alten, schönen kirchlichen
Gebräuche von der Taufpatenschaft und der kirchlichen Trauung
zu würdigen wissen; wer aber jene Güter nicht besitzt, dem
nützen auch das Taufpatenschaftsrecht, das christliche Begräbnis,
das Wahlrecht und dergleichen nichts — was liegt einem
solchen auch daran?
Es wäre nicht zu verwundern, wenn es den Sozial⸗
demokraten gelänge, einen „Massenstreik“ zuwege zu bringen,
der sich nicht auf Tausende, sondern auf Hunderttausende er⸗
streckte. Denn einer Kirche, in der Gottes Wort nicht mehr
regiert, ist das Fundament genommen, und der Bau fällt aus⸗
einander; eine Kirche, in der Gottes Wort nicht mehr regiert,
hat die einzige Waffe von sich geschleudert, mit der allein sie
ihre Gegner siegreich bekämpfen kann. Hier helfen keine künst⸗
lichen Mittel. Durch solche kann die Kirche einen Massenaus⸗
tritt vielleicht eine Zeitlang aufhalten, hindern kann sie ihn
dadurch nicht. Hat die Landeskirche vor, menschliche Maß⸗
regeln anzuwenden, um die Leute bei der Kirche zu behalten?
Aus Berlin kommt nämlich die Nachricht, daß man der Aus⸗
trittsbewegung durch ein Höherschrauben der Austrittsgebühren
begegnen will. Welche Torheit! Nicht durch Strafgelder und
dergleichen polizeiliche Maßregeln hält man die Leute bei der
Kirche, sondern allein dadurch, daß man ihnen darreicht, was
sie nötig haben, die Predigt des göttlichen Wortes.
Wir verwerfen die Stellung der Sozialdemokraten zur
christlichen Religion. Sie sind Feinde des Kreuzes Christi,
und ihr Kampf ist aus dem Haß gegen das Christentum ge⸗
boren. Aber nicht alle Beschuldigungen der Sozialdemokraten
können die Landeskirchlichen als unbegründet zurückweisen.
Wo die kräftige Speise des Wortes Gottes nicht mehr ver⸗
abreicht wird, da bleiben allerdings nur noch „Bettelsuppen“
übrig, welche die Seele des Menschen nicht am Leben erhalten
können. Will die Landeskirche nicht unterliegen im Kampf
gegen ihre Feinde, so muß sie einen ganz andern Ton an⸗
schlagen; ihre Losung muß sein: Zurück zu Gottes Wort! Zu⸗
rück zu Luthers Lehre! P. Reuter.
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