Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 70, Nummer 10 › Seite 161

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 12. Mai 1914, Seite 161

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Kanzel, ihr Herren Geistlichen und Lehrer!

SWer V„Tuthsranet

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Auch die römische Kirche trifft Vorbereitungen zur Feier des
Reformationsjubiläums im Jahre 1917. Von allen Seiten wer⸗
den nämlich schon die Mistkarren aufgefahren, aus denen man
unsern Doktor Luther zwischen jetzt und dem Jubiläumsjahr
regelmäßig mit der Jauche päpstlicher Verleumdung zu über⸗
schütten gedenkt. Haben da einige Sudler in Deutschland ein
paar dickbändige Werke geschrieben, um nachzuweisen, daß Luther
eigentlich ein Mensch war, dessen Name keiner Kirche zur Ehre
gereicht; denn er habe ein rohes Sünden⸗ und Schandenleben
geführt. Aus diesen Werken sammelt man nun das Ehren⸗
rührigste und verabreicht es hüben und drüben in kleinen Dosen
an das Volk.
Mahon einen Vortrag, in dessen Verlauf er aus Denifle „nach⸗
weist“, daß Luther ein „durchaus unmoralischer Mensch“ gewesen
sei, ein Mensch, der „bewußtermaßen unsittlich“ war. Wegen
seiner unsittlichen Lehren sei Luther eigentlich gar nicht unter die
religiösen Reformatoren zu rechnen. Die römische Klerisei hat
dafür gesorgt, daß aus diesem Vortrag in den größeren Zeitungen
längere Auszüge erschienen. Noch deutlicher tritt in katholischen
Blättern des Auslandes die Absicht hervor, den Charakter Luthers
anzuschwärzen. Ein Schweizer Blatt, die „Schildwache am
Jura“, forderte kürzlich folgendermaßen zur Lutherhetze auf:
„Heraus jetzt aus der Schweigsamkeit, hinauf auf Pult und
Wer wagt es, als
Erster dem katholischen Volk in der ganzen Welt so recht von der
Leber weg zu sagen, daß der Protestantismus eine verteufelte
Bauernfängerei, eine grobe Irreführung von Menschenseelen ist?
Wer wagt es, offen das Leben und Schweinen Luthers zu zeichnen?
Wer wagt es?“ Mit andern Worten: Zur Hilfe! Das Jahr
1917 rückt schon näher! Wer liefert uns die faulen Eier zur
würdigen Vorfeier des⸗Festes? Der Erzbischof Mistranglo scheint
einen Korbvoll zur Hand gehabt zu haben, als er seinen letzten
Hirtenbrief schrieb. Er läßt sich, wie folgt, über Luther ver⸗
nehmen: Luther „warf das Mönchsgewand in die Nesseln, schloß
eine das Heiligtum schändende Ehe und begann einen wahren
Vernichtungskampf gegen Kirche, Papst, Priester, Ordensleute; er
warf Zwietracht und Empörung in die Welt und säte überall
Verwüstung, Krieg und Blutvergießen“. Luther „bot eine Art
eigenes Evangelium feil, nach welchem Könige, Fürsten, Barone
rauben, totschlagen, Weiber nehmen konnten, so viele sie wollten“.
Luther „predigte Freiheit des Gedankens, Freiheit der Wissen⸗
schaft, freie Liebe, Krieg dem alten Plunder der Gewissensbe⸗
denken usto. Man kann sich denken, wie ihm die Jugend da
nachlief“. Dem armen Volke habe Luther bei Beseitigung des
Papstes verheißen, daß sie dann „keine Steuern, Zehnten und
Abgaben mehr zu zahlen brauchten“. „Weil es bei hoch und
niedrig, groß und klein, Patriziern und Plebejern einen Haufen
von ehrgeizigen, gierigen, sittenlosen, nur auf Befriedigung jeg⸗
licher Leidenschaften erpichten Menschen fand, so entfachte sich
das lutherische Feuer am dürren Stroh, und die zerstörende
Flamme griff mächtig um sich.“ „Wie die Lava eines Vulkans
versenkte die Häresie der Abfall! den Keim des wahren Lebens
in jenen unglücklichen Ländern. Die Freiheit des Denkens und
Handelns wurde zu unumschränkter Zügellosigkeit. Die Völker
verloren den Glauben und erlitten so durch die Jahrhunderte
hindurch die schrecklichste aller Strafen.“ — Was sollen wir dazu
sagen? Es geht nicht an, daß wir diesen campaign of slander,
den man gegen unsern edlen Reformator ins Werk setzt, diese Be⸗
geiferungen unserer Kirche mit Stillschweigen strafen. Die luthe⸗
rische Kirche unsers Landes muß es als ihre Pflicht erkennen, die
Ehre Luthers und der lutherischen Reformation zu retten. Wir
schulden es unserm amerikanischen Volk, daß es erkennt, was die
Welt der Reformation zu danken hat, daß die höchsten irdischen
Segnungen, ja der ganze Fortschritt, den die Welt in den letzten

In New York hielt Monsignor Joseph H. Mac⸗

vier Jahrhunderten gemacht hat, dem befreienden Werk Luthers
auf Rechnung geschrieben werden muß. Unmöglich kann vor
allem die treulutherische Kirche unsers Landes und anderer
Länder ruhig zusehen, während der Name Luthers auf solch
infame Weise geschwärzt wird. G. ö

Wieweit die römische Kirche in Mexiko an den gegenwärtigen
Verhandlungen mit Huerta beteiligt ist, entzieht sich ja der Be⸗
obachtung. In unserer amerikanischen Tagespresse, die ja voll⸗
ständig unter dem Pantoffel der Priester ist, verlautet nichts
darüber. Nur zu Beginn der Wirren, die jetzt ihren Höhepunkt
erreicht haben, vernahm man hie und da etwas über die Stellung
der Römischen zu den politischen Parteien unsers armen Nachbar⸗
landes. Was man aber damals las, ist besonders seit dem Ein⸗
griff unserer Regierung in das mexikanische Durcheinander von
nicht geringem Interesse. Der San Francisco Eæraminer ent⸗
hielt am 10. Oktober 1913 folgende bedeutsame Depesche aus der
Hauptstadt Mexikos: „Um sechs Uhr heute abend wurden alle
Volksvertreter außer derjenigen, die der katholischen Partei an⸗
gehören, verhaftet. Die Vertreter der katholischen Partei durften
nach Hause gehen. Die übrigen 110 wurden auf Befehl Huertas
ins Staatsgefängnis abgeliefert.“ In dem katholischen Blatt
Western Watchman, das von dem rabiaten Priester Phelan in
St. Louis herausgegeben wird, stand am 30. Oktober folgendes
zu lesen: „Huerta hat die Klerikalen“ — heißt also, die Priester⸗
partei — „auf seiner Seite. Daraus geht hervor, daß er ein
ziemlich anständiger Kerl ist. (2) Die Kirche ist jetzt in Mexiko
beinahe wieder im Regiment (The Church is almost back in
power in Mexico).“ Bedeutsam ist auch eine Notiz, die vor
einem Monat in verschiedenen Tageszeitungen zu lesen war, daß
nämlich Villa, der Gegner Huertas, bei der Vertreibung der
Spanier aus der Stadt Torreon den Ausspruch tat: „Die
Jesuiten kommen zunächst an die Reihe.“ Aus der Stellung
der mexikanischen Priesterpartei zu Huerta geht nun allerdings
nicht hervor, daß die römische Kirche einer etwaigen Annexion
Mexikos an die Vereinigten Staaten entgegenarbeiten würde. Die
Aussicht auf den gewaltigen Zuwachs katholischer Bürger, die
unser Land durch die Eingliederung des stockkatholischen Mexiko
erführe, kann sogar für die Römlinge etwas Verlockendes haben.

G.

Was ein Polizeibeamter erzählte.

Es war für mich eine der schwersten Aufgaben, die ich je zu
erfüllen gehabt habe, als ich einen jungen Postbeamten zu einer
Scheune führen mußte, in der er eine Anzahl Briefe versteckt
hatte, die von ihm unterschlagen worden waren. Wir mußten
dabei an dem Zimmer der Eltern vorbei, die von dem schweren
Vergehen des Sohnes noch nichts wußten. Als wir die Briefe
unter dem Heu hervorgezogen hatten, war es meine Aufgabe.
mit dem Sohne vor die Eltern hinzutreten, um ihnen die Nach⸗
richt von seiner Verschuldung und seiner Verhaftung zu über⸗
bringen.

Als ich eben anklopfen wollte, hörte ich, wie der Vater
drinnen gerade betete. Ich blieb stehen, denn ich wollte das
Gebet nicht stören. Der junge Mensch stand neben mir, und
ich merkte, wie er zusammenzuckte und einen Seufzer unter⸗
drückte. Wir hörten nun, wie der Vater inbrünstig auch für
den Sohn, das einzige Kind, betete; wie er flehte, der HErr
möchte ihn doch nicht verloren gehen lassen, sondern ihn in den
Versuchungen der bösen Welt bewahren. Der Sohn zitterte, und
ein Strom von Tränen ergoß sich aus seinen Augen. Auch ich
war aufs tiefste erschüttert. Ich wollte es schon aufgeben, gerade
jetzt dem alten Vater die entsetzliche Nachricht zu bringen, aber

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