Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 70, Nummer 12 › Seite 190

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 9. Juni 1914, Seite 190

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Sozialismns. 7²27⁷ · Sozialismus

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100 8E. TutheraneS.

Obrigkeit, solange diese nichts wider das Gewissen fordert, un⸗
tertan seien und sie in ihrer Regierung treulich unterstützen.
Der SErr JeEsus selber sagt, und zwar zunächst sich beziehend
auf den heidnischen Kaiser zu Rom, Matth. 22, 21: „Gebet
dem Kaiser, was des Kaisers ist!“ Paulus schreibt an die
Römer am 13.: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die
Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von
Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet. Wer
sich nun wider die Obrigkeit setzet, der widerstrebet Gottes
Ordnung; die aber widerstreben, werden über sich ein Urteil
empfahen. Denn sie trägt das Schwert nicht umsonst; sie
ist Gottes Dienerin, eine Rächerin zur Strafe über den, der
Böses tut. So seid nun aus Not untertan, nicht allein um
der Strafe willen, sondern auch um des Gewissens willen.“
Petrus sagt in seiner ersten Epistel im 2. Kapitel: „Seid unter⸗
tan aller menschlichen Ordnung um des HErrn willen, es sei
dem Könige, als dem Obersten, oder den Hauptleuten, als den
Gesandten von ihm zur Rache über die Übeltäter und zu Lobe
den Frommen.“ In seinem andern Briefe, im 2. Kapitel,
zählt er die unter die allergottlosesten Menschen, welche „die
Herrschaft verachten, nicht erzittern, die Majestäten zu lästern“.
Hiernach ist jede Empörung gegen die bestehende Obrigkeit,
selbst wenn diese mit Unrecht ins Amt gekommen ist, selbst
wenn sie viel Unrecht begeht, solange man ihr noch mit gutem
Gewissen, ohne selbst sündigen zu müssen, folgen kann, Auf⸗
lehnung gegen Gottes Ordnung, ein sehr strafwürdiger Frevel.

Wie stellt sich nun aber der Sozialismus gegen diese gött⸗
liche Ordnung? Er setzt sich wider dieselbe, er widerstrebt ihr,
er will sie hinwegräumen.

Der Sozialismus stellt entschieden in Ab⸗
rede, daß die Obrigkeit von Gott gestiftet sei.
Er erkennt ja überhaupt das Dasein Gottes nicht an; keiner
seiner „wissenschaftlichen“ Grundsätze beruht darauf; wie könnte
er denn zugeben, daß die Staats⸗ oder Obrigkeitsordnung gött⸗
lichen Ursprungs sei? Die sozialistische Lehre behauptet viel⸗
mehr, auch diese Ordnung sei weiter nichts als eine Frucht der
wirtschaftlichen Entwicklung. Wie sich alles andere entwickelt
habe nach den jeweiligen Umständen und materiellen Verhält⸗
nissen, unter denen die Menschen lebten und sich ihre Nahrung
verschafften, so habe sich auch alle staatliche oder obrigkeitliche
Or dnung entwickelt; damit habe eine übernatürliche Kraft oder
Gottheit rein gar nichts zu schaffen.

Der Sozialismus lehrt, das ganze Staatswesen sei auf⸗
gekommen im Interesse des Privateigentums; um dieses zu
schützen, habe man die Obrigkeit eingeführt; sie sei die rechte
Hand der Besitzenden, das Hauptmittel der Kapitalisten zur
Ausbeutung des Arbeitervolks.

Der Sozialismus predigt offen Revolution
gegen den Staat. Die kapitalistische Obrigkeit soll gestürzt
werden, das ganze Staatswesen, wie es jetzt ist, soll fallen;
auf seinen Trümmern soll die neue „sozialisierte Gesellschaft“
erbaut werden. Wenn möglich, soll das im Frieden geschehen;
wenn sich aber die Besitzenden nicht fügen wollen, dann soll
die Arbeiterklasse, sobald sie dazu stark genug ist, diese „Re⸗
bellen“ mit Gewalt zur Vernunft, zur Unterwerfung bringen;
wenn es schließlich nicht geht — diese Rede ist oft gebraucht
worden — mit „ballots“, mit Stimmen, dann soll es geschehen
mit bullets“, mit Kugeln.

Der Sozialismus gibt zu, daß eine gewisse Ordnung und

Regierung sein müsse, aber er will eine ganz neue und
andere einführen, keine Obrigkeit, die Gewalt hat und das
Schwert führt, sondern eine Regelung der Arbeit und der Ver⸗
teilung des Erwerbs, eine Regierung der Werkstatt, eine Ge⸗
schäftsleitung. Die Beamten unter der Herrschaft des
Sozialismus sollen gar nichts zu sagen und zu bestimmen, son⸗
dern nur auszuführen haben, was ihnen von der Gesellschaft
aufgetragen ist. Also Kaiser, Könige, Fürsten, Präsidenten
sollen mit allen ihren Anhängseln auf immer begraben, Ober⸗
richter, Richter, gesetzgebende Körperschaften, wie sie jetzt be⸗
stehen, sollen allesamt abgeschafft werden. Man sagt, für alle
solche Amter und Gewalten werde es in der glückseligen Zeit
des Sozialismus gar nichts mehr zu tun geben; dann seien
ja nur noch Sachen zu regieren, nicht Personen; das
Volk regiere ja dann, und zwar voll, ganz unumschränkt.

Es sei hier daran erinnert, was bereits in dem Artikel
„Was ist der Sozialismus?“ in Nummer 23 dieses Blattes im
vorigen Jahre gesagt worden ist.

A. Bebel spricht sich in seinem Buche „Die Frau und der
Sozialismus“ über unsern Gegenstand ausführlich aus. Dies
Buch genießt das höchste Ansehen im Lager der Sozialisten;

in dem Organ der Partei, dem Part/ Builder, wurde es emp⸗

fohlen als ein passendes Weihnachtsgeschenk zur Förderung des
Sozialismus. Unter der überschrift „Entstehung der Staats⸗
ordnung“ heißt es unter anderm: „Mit dem Privateigentum
und dem damit verbundenen Erbrecht entstanden weiter Klassen⸗
unterschiede und Klassengegensätze. Es fand im Laufe der Zeit
ein Zusammenschluß der Besitzenden gegen die Nichtsbesitzen⸗
den statt. . . . So war eine Macht nötig, die alle diese Ver⸗
hältnisse übersah, leitete, ordnete, ausglich, schützend und stra⸗
fend eingriff. Es entstand der Staat, der das notwendige
Produkt der in der neuen Gesellschaftsordnung hervortretenden
gegensätzlichen Interessen war.“ (Seite 50. 51.) Unter der
Überschrift „Die soziale Revolution“, Abschnitt 2, will er, wie
er sagt, zeigen, wie unter dem Sozialismus die staatliche, obrig⸗
keitliche Ordnung aufgehoben werden müsse: „Ist so der Staat
die notwendige Organisation einer auf Klassenherrschaft be⸗
ruhenden Gesellschaftsordnung, so verliert er, sobald die Klassen⸗
gegensätze durch Aufhebung des Privateigentums gefallen sind,
seine Existenznotwendigkeit und Existenzmöglichkeit. Der Staat
hört mit der Beseitigung des Herrschaftsverhältnisses allmählich
ebenso auf, wie die Religion aufhört, wenn der Glaube an über⸗
natürliche Wesen oder an vernunftbegabte, übersinnliche Kräfte
nicht mehr vorhanden ist.“ (Seite 371. 372.) Im Kapitel
über „Grundgesetze der sozialistischen Gesellschaft“ ist zu lesen:
„An der Spitze sämtlicher Lokalverwaltungen steht die Zentral⸗
verwaltung — wohlgemerkt, keine Regierung mit herrschender
Gewalt, sondern ein ausführendes Verwaltungskollegium.
Diese auf breitester demokratischer Grundlage
beruhende Verwaltung ist also von der heuti⸗
gen von Grund aus verschieden.“ (Seite 376.)
Die Hervorhebung durch gesperrten Druck rührt von Bebel
selbst her.

Ganz ähnliche Ausführungen könnten von einer langen
Reihe der „Musterschriftsteller“ unter den Sozialisten gebracht
werden. Bei keinem habe ich eine andere Darstellung gefunden.
Wie könnte auch eine andere gegeben werden von Leuten, die
für die sozialistische „Wissenschaft“ brennen und sie dabei auch
wirklich kennen?

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