Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 70, Nummer 17 › Seite 270

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 18. August 1914, Seite 270

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8r Vutßerane

es kommen also auf jeden derselben durchschnittlich drei Predigt⸗
plätze. Das erfordert große Opfer an Kraft, Zeit und Geld,
aber eine Zusammenlegung von Gemeinden und Bedienung
mehrerer derselben durch einen Pastor ist, zumal da auch die
einzelnen Gemeinden oft sehr weit voneinander entfernt liegen,
nicht angängig. Trotzdem hat die Synode auch diesmal wie⸗
der, wenn auch mit schwerem Herzen, beschlossen, ein Pfarramt
eingehen zu lassen. Sie gelangte nämlich zu der Überzeugung,
daß es unverantwortlich sei, für die 227 Seelen in Dänemark
noch ferner zwei Pfarrämter zu unterhalten, da dazu eine
Unterstützung von fast 7000 Mark aus der Synodalkasse er⸗
forderlich gewesen wäre. Sie gab daher den dänischen Brü⸗
dern den Rat, sich zu einer Parochie zu vereinigen und das
eine der beiden dort bestehenden Pfarrämter aufzuheben. In⸗
folgedessen muß freilich auch die vor einigen Jahren erst ins
Leben gerufene Gemeindeschule in Kopenhagen eingehen, denn
der in Dänemark verbleibende Pastor hat dann im ganzen
sieben Predigtplätze zu bedienen und kann also unmöglich die
Schule weiterführen.

Die tatkräftige Liebe, die unsere Freikirche bisher schon
in reichem Maße erfahren hat, wird ihr gewiß auch fernerhin
erhalten bleiben. Ist es doch bei dem zunehmenden Verderben
der deutschen Staatskirchen und dem wachsenden Interesse, das
man infolgedessen in manchen ernster gerichteten Kreisen für
die Freikirche oder doch zunächst für die Frage der Trennung
von Staat und Kirche findet, von großer Wichtigkeit, daß
gerade jetzt die Stimme der Freikirche in Deutschland nicht
verstumme, sondern, wo möglich, immer lauter und deutlicher
erschalle, den einfältigen Seelen, die infolge der grenzenlosen
Verwirrung auf kirchlichem Gebiet oft nicht wissen wo aus
noch ein, zum Segen, den andern zu einem Zeugnis, auf daß
sie keine Entschuldigung haben.

Man hat sich wohl auch darüber verwundert, daß, wäh⸗
rend einerseits immer über die kleinen und ärmlichen Verhält⸗
nisse, die in der Freikirche herrschen, geklagt werde, anderer⸗
seits doch bei eintretenden Vakanzen junge Männer in die
Freikirche berufen werden und den Beruf auch annehmen, die
aus den Kreisen der Freikirche stammen. Aber dies ist gar
nicht so verwunderlich. Die Gemeinden der Freikirche sagen
sich, daß sie bei den schwierigen und eigenartigen kirchlichen
Verhältnissen, die in Deutschland herrschen, am richtigsten han⸗
deln, wenn sie solche Leute berufen, die in diesen Verhältnissen
groß geworden sind und sich darum auch leichter wieder hin⸗
einfinden als andere, denen sie gänzlich fremd sind. Und die
jungen Theologen, die aus der Freikirche stammen, kehren
zumeist gerne in ihre Heimatkirche zurück, um ihr zu dienen,
weil sie sie lieben trotz ihrer geringen Gestalt, und weil sie
wissen: Die Freikirche, so klein und verachtet sie ist, hat den⸗
noch eine Aufgabe in Deutschland, an deren Erfüllung mit⸗
arbeiten zu dürfen, zwar oft schwer, aber trotzdem eine Freude
ist. Und wenn ihnen hie und da der Mut entfallen will, dann
dienen solche Synodaltage wie die in Wittingen verlebten dazu,
ihn wieder aufs neue anzufachen; neugestärkt kehren dann
alle, die solche Tage der Erquickung miterleben durften, auf
ihren Posten zurück, dessen gewiß, daß auch ihre Arbeit nicht
vergeblich ist in dem HErrn. M. Willkomm.

Indien. Durch die Kriegswirren in Europa sind schwere
Tage für einige unserer Missionare hereingebrochen. In
Deutschland sind Missionar Kellerbauer und Familie, Missio⸗

nar Nau und Familie und Frau Missionar Freche mit ihren
Kindern. Aller Briefwechsel zwischen ihnen und der Kommis⸗
sion ist abgebrochen. Die letzte Nachricht, die ich von Missionar
Kellerbauer habe, ist das im letzten „Lutheraner“ abgedruckte
Dankschreiben, das in Plymouth aufgegeben wurde. Missionar
Nau wollte am 4. August nach Amerika reisen, um in unsern
Gemeinden über die Heidenmission Vorträge zu halten. Er
wird jetzt nicht kommen können. Ich habe keine Zeile Nachricht
von ihm. Die vielen Gemeinden, die sich für seine Vorträge
gemeldet haben, wollen hiervon gütigst Notiz nehmen.
Jul. A. Friedrich.

Sur kirchlichen Chronik.

Deutschlands Sünde und unsere eigene. Bei dem Ausbruch
des europäischen Krieges, in dem Deutschland um sein Leben
kämpfen muß, hört man bei uns wohl die Rede, daß der Krieg
eine Strafe für Deutschlands zunehmende Gottlosigkeit sei. Man
weist auch darauf hin, daß Deutschland durch fleischlichen Natio⸗
nalstolz und prahlerische Reden in bezug auf seine Machtstellung
eine Demütigung verdient haben möchte. — Nun ist es wahr:
Die Gottlosigkeit in Deutschland ist groß. Es gibt an den
deutschen Universitäten unter den theologischen Professoren kaum
noch einen, der die Heilige Schrift für Gottes Wort hält. Und
von den Universitäten aus verbreitet sich der Unglaube unter
Pastoren und unter dem deutschen Volk. In der hamburgischen
Landeskirche zum Beispiel hat sich das Bekenntnis zum christlichen
Glauben auf die Vororte zurückziehen müssen. In der Stadt
Hamburg selbst herrscht, soweit das öffentliche Predigtamt in
Betracht kommt, der Unglaube. Dieselbe kirchliche Verwirrung,
wenn auch nicht überall in demselben Maße, hat sich fast über
ganz Deutschland verbreitet. Die sich noch zum christlichen Glau⸗
ben bekennen, sind an den meisten Orten in der Minorität. Auch
hört und liest man in Deutschland noch immer das törichte Wort:
„An deutschem Wesen muß die Welt genesen.“ Das sind große,
schwere Sünden, die Gottes Zorn herausfordern. Das deutsche
Volk soll daher auch den ausgebrochenen Krieg als eine Strafe
Gottes ansehen, Buße tun und sich zu Gott und seinem Wort be⸗
kehren. — Aber wir Amerikaner wollen über Deutschlands Gott⸗
losigkeit nicht unsere eigene vergessen. Was fleischlichen National⸗
stolz und prahlerische Großtuerei anlangt, so übertreffen wir
Amerikaner darin leichtlich alle andern Völker. Die weltliche
Presse spiegelt die Gesinnung der Majorität unsers Volkes wider.
Und hiernach halten wir Amerikaner uns für das vorzüglichste
unter allen Völkern, für das Volk, das mit seiner Gesinnung und
mit seinen Einrichtungen eigentlich die ganze Welt regieren sollte.
Auch die „We can whip them all'-Gesinnung ist nicht bloß auf
unsere Armee⸗ und Marineoffiziere beschränkt. Aber auch in
kirchlicher Beziehung ist die Gottlosigkeit in unserm Lande groß.
Das antichristische Papsttum mit allen seinen Greueln macht sich
in unserm Lande breit, und die Beamten des Landes, von den
höchsten an bis zu den niedrigsten, mit fast der gesamten weltlichen
Presse, erweisen dem Papst und seinen Dienern Reverenz. Der
Geschichtsunterricht in niederen und höheren Staatsschulen wird
im Interesse des Papsttums zugeschnitten. Von den Kanzeln der
protestantischen Sekten wird zumeist nicht der Glaube an Chri⸗
stum, den Gekreuzigten, gepredigt, sondern Moral und Politik
gelehrt. Innerhalb der Kirche, die sich lutherisch nennt, wird
vielfach die Lehre der Kirche der Reformation öffentlich bekämpft
und römische Werklehre unter lutherischem Namen vorgetragen.
Und wir sogenannten Missourier sind — wir wollen es nur be⸗

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