Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 70, Nummer 17 › Seite 268
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 18. August 1914, Seite 268
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utheraner
Kinder die Sonntagsschule als Gottesdienst an und gehen vor
Beginn der Kirche wieder heim. Hier liegt manchmal die
Ursache, warum Kinder und junge Leute so wenig zur Kirche
kommen; sie haben nie Geschmack am Gottesdienst bekommen.
Ferner bietet der gleichzeitige Unterricht verschiedener Klassen
in einem Zimmer große Schwierigkeiten dar. Auch das
Lehrerpersonal ist zuweilen untüchtig. Man ist vielfach auf
junge Mädchen angewiesen, die selbst keine genügende Kennt⸗
nis der christlichen Lehre haben.
Auch von anderer Seite angesehen, muß uns die Sonn⸗—
tagsschule nur als ein Notbehelf gelten. Man überlege sich
nur einmal recht: von 168 Stunden in der Woche verwendet
man eine Stunde auf den christlichen Unterricht! Der Staat
nimmt für die weltliche Erziehung 30 Stunden die Woche in
Anspruch, und die Kirche will sich an einer Stunde begnügen
lassen. Eine Mahlzeit in der Woche! Eine Mutter tröpfelt
ihrem Kinde kondensierte Milch ein und verschüttet dabei noch
viel — wird das Kind gedeihen? Hast du schon einmal ver⸗—
sucht, deinem Kinde auf diese Weise das Lesen oder Rechnen
beizubringen? Nimmt das Kind die Lesefibel jede Woche nur
eine Stunde in die Hand, wie lange würde es dauern, bis
es lesen könnte? Streust du jeden Sonntag etliche Samen⸗
körner auf das Land und läßt in der Woche das Unkraut auf⸗
schießen, so brauchst du keinen großen Erntewagen. Binde
einen krumm gewachsenen Baum jede Woche eine Stunde
an einen Pfahl an, was wird es helfen? Kein Wunder, wenn
Kinder das oberflächlich Gelernte bald wieder vergessen und
später der Kirche verloren gehen.
Wie aber steht es nun mit dem Konfirmanden⸗
unterricht? Sollte es nicht genug sein, wenn die Kinder
einen Winter oder, wenn es sein muß, auch zwei in den Kon⸗
firmandenunterricht geschickt werden? Dadurch würde zu⸗
nächst der ganze Zweck des Konfirmandenunterrichts vereitelt.
Der Konfirmandenunterricht ist nicht dazu da, um erst den
Grund und das Fundament zu legen oder den Kindern das
Abe des christlichen Glaubens beizubringen, sondern er soll
Wiederholung und Befestigung von bereits Gelerntem sein
(finishing touch). Während man in der Schule mehr auf
das Einprägen des Katechismusstoffes verwenden muß, wird
man im Konfirmandenunterricht mehr die Gelegenheit wahr⸗
nehmen zum Warnen, Mahnen, Trösten, mehr an der Kinder
Herz, Gemüt und Gewissen zu gelangen suchen, obwohl das
auch in der Schule schon geschehen soll. Soll nun aber der
Konfirmandenunterricht die Gemeindeschule ersetzen, dann wird
er wieder zur Schule, da muß man hier erst mit dem Abe an⸗—
fangen.
Dazu kommen aber allerlei andere Schwierigkeiten.
Kommt so ein dreizehnjähriger Knabe im Konfirmandenzim—
mer an, dann kann er, weil er keine Gemeindeschule besucht
hat, wohl noch kaum einen Buchstaben Deutsch lesen. Geht
nicht ein ganzes Jahr darauf, bis er so weit kommt, daß er
nur einigermaßen lesen kann? Dann ist aber die Hälfte der
Unterrichtszeit schon dahin. Kommen ferner Kinder, die sonst
nur die Staatsschule besucht haben, in den Konfirmandenunter⸗
richt, so ist ihnen das Verständnis für die Heilslehre schwer bei—
zubringen. Die Unwahrheit, daß Religion Nebensache sei, ist
ihnen schon so in Fleisch und Blut übergegangen, daß sie
wenig Interesse daran finden können. Und wie soll nun ein
Kind in einem Winter, in etlichen Monaten, die Hauptstücke der
christlichen Lehre ordentlich lernen und zu Herzen fassen? Nur
wo die Verhältnisse äußerst günstig liegen, ist es möglich, ein⸗
zelne Kinder dahin zu bringen, daß sie das gewünschte Ziel
erreichen. Wie der Körper Zeit gebraucht zum Wachsen, so
auch der Geist. Das Christentum läßt sich nicht in ein paar
Stunden mit Eimern eingießen, sondern muß allmählich in
das Herz eingepflanzt werden. Vielleicht lernt ein begabtes
Kind in zehn Monaten den Katechismus auswendig, aber wie
mangelhaft bleibt das Verständnis des Gelernten! Es sitzt
nicht tief genug. „Sie haben nicht Wurzel.“ Wie gewonnen,
so zerronnen. Es geht ihnen wie einer übertünchten Wand:
wenn fertig, sieht sie schön weiß aus; aber es bleibt nicht
lange so. Wir wundern uns nicht, wenn viele von den also
Konfirmierten später abfallen. Konfirmandenunterricht be⸗
wirkt nur dann, was er soll, wenn ein gründlicher Katechismus⸗
unterricht vorausgegangen ist. Wir machen auch diese Erfah—
rung: Soll ein Kind, was andere Kinder im Laufe von vier
bis fünf Jahren allmählich gelernt und immer wiederholt
haben, in einem Winter auf einmal lernen, so ist die Auf⸗
gabe so groß, die Anforderung so hoch, daß viele Kinder mit
Überdruß an der Religion erfüllt werden und ihren Katechis⸗
mus nach der Konfirmation beiseitewerfen als ein schweres
Joch, worunter sie sich geplagt haben. Alle Lust und Liebe
dazu ist ihnen vergangen.
Schließlich müssen wir noch hinweisen auf die beschränkte
Zeit des Konfirmandenunterrichts. Was für Zeit bleibt dem
Pastor übrig? Soll der Staat den Unterricht in weltlichen
Fächern übernehmen, so beansprucht er dafür neun Monate
oder 180 Schultage. Unsere Kinder müßten nach dem Gesetz
zum wenigsten 120 Tage die Staatsschule besuchen. Die übri⸗
gen 60 Tage könnten sie zwar nach dem Gesetz, wie es zum
Beispiel in Nebraska besteht, versäumen, mögen es aber nicht
tun, weil sie sonst ihr Examen in der Freischule für den nächsten
Grad kaum bestehen würden. Die Kinder gehen also von
Anfang September bis Ende Mai in die Freischule. Wo
bleibt da der Konfirmandenunterricht? Der Vater denkt viel⸗
leicht, da müsse er wohl sein Kind, wenn es dreizehn Jahre alt
wird, einen Winter aus der Freischule nehmen und zum Pastor
in den Konfirmandenunterricht schicken. Aber das geht nicht!
In weitaus den meisten Gemeinden liegen die Verhältnisse so,
daß der Pastor nicht von 9 Uhr vormittags bis 4 Uhr nach⸗
müttags Konfirmandenunterricht erteilen kann. Mehr als eine
Stunde Katechismus und etwas Biblische Geschichte könnte
man an einem Tage nicht erteilen, wenn man den Kindern die
Religion nicht verleiden und sie überfüttern will. Das Kind
muß aber 120 Tage die Schule besucht haben. Da bleibt nichts
anderes übrig, als daß der Pastor seinen Konfirmandenunter⸗
richt auf eine Zeit verlegt, wo die Staatsschule Ferien hat. —
Halb fünf bis halb sechs Uhr nachmittags? Das ginge viel⸗
leicht in den Städten. Aber die Kinder sind nach der Schule
ganz abgespannt. Der Staat hat alle ihre Kräfte für den
Unterricht in seinen Schulen in Anspruch genommen. Auf
dem Lande geht es erst recht nicht. Die Schulen liegen manch⸗
mal meilenweit auseinander. Wenn die Kinder aus der Frei⸗
schule im Winter heimkommen, bricht schon die Dunkelheit
herein. Wir können die Kinder abends nicht zusammenbe⸗
kommen. Der Staat nimmt die schönste und beste Zeit weg
für die weltlichen Fächer, und die Kirche soll nehmen, was
übrigbleibt. Und es bleibt fast nichts mehr übrig.
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