Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 70, Nummer 21 › Seite 330

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 13. Oktober 1914, Seite 330

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8r VutheraneE

auch die Synodalkonferenz ihre entschiedene Stellung gegen
uns aufgeben muß.

Und bedenken wir schließlich, daß in unsern Tagen das
Weltwesen wie ein breiter Strom in unsere Gemeinden einzu—
brechen und alles mit sich fortzureißen droht, müssen wir dann
nicht sagen: Die Gefahr für die rechtgläubige Kirche ist keine
geringe? ö
Was sollen wir im Hinblick auf alle diese Tatsachen tun?
Sollen wir etwa den Weg verlassen, den unsere Synode bisher
innegehalten hat? Oder sollen wir neben dem Evangelium
uns noch nach andern Mitteln umsehen, uns gegen unsere
Feinde zu halten? Sollen wir, um insonderheit unserm Erz—
feind, dem Papst, zu widerstehen, uns auf das politische Gebiet
begeben? Wohl soll jeder lutherische Christ als Staatsbürger
das ihm verliehene Stimmrecht zum Besten seines Landes ge⸗
brauchen; aber die Kirche als Kirche soll sich nie mit Politik
abgeben. Dadurch würde sie dem Antichristen keine ihm irgend—
wie gefährlichen Wunden beibringen. Ja, der Teufel würde
sich gewiß freuen, wenn wir durch Tätigkeit auf politischem
Gebiet Zeit vergeudeten, die wir für unsere eigentliche Arbeit
so nötig haben.

Oder sollen wir, um des Sieges gewiß zu sein, etwas von
unserm Bekenntnis preisgeben und uns mit denen zusammen—
schließen, die nicht mit uns in allen Stücken denselben Glauben
bekennen, die aber aus irgendeinem Grunde auch gegen das
Papsttum, das Logenwesen und dergleichen sind? Lernen wir
hier doch etwas aus der Geschichte des Volkes Gottes im Alten
Testament. Israel hat nie Vorteil, sondern nur Nachteil da—
von gehabt, sooft es sich mit Agypten oder einem andern Nach—
barn verbunden hat, um seiner Feinde Herr zu werden. Und
so wird auch heute die Kirche dadurch keine Siege über ihre
Feinde erringen, daß sie sich mit denen vereinigt, die nicht mit
ihr in allen Stücken auf demselben Grunde stehen.

Fragen wir die Heilige Schrift, was wir hier tun sollen,
um allen unsern Feinden recht zu begegnen und gegen sie das
Feld zu behalten, ja trotz ihres Wütens und Tobens unser
Werk herrlich hinauszuführen, so ist die Antwort aller heiligen
Schreiber, also die Antwort Gottes selbst: Bleibt bei dem
Evangelium, und dem Evangelium allein!

Das Herrlichste, was es in dieser Welt gibt, ist das Evan⸗
gelium von Christo, dessen sich ein Paulus, wie er an die
Römer schreibt, nicht schämte. Er nennt es hier „eine Kraft
Gottes“. Und wir müssen zugeben, daß es von Gott ist, wenn
wir auf seinen Ursprung und seinen Inhalt sehen; denn diese
verborgene Weisheit Gottes tragen uns die heiligen Schreiber
vor nicht mit Worten, welche menschliche Weisheit lehren kann,
sondern mit Worten, die der Heilige Geist lehrt, und sie offen⸗

baren uns ein Werk der Liebe unsers Gottes, das seinesgleichen

in der ganzen Welt nicht hat. Dieses Evangelium ist die frohe
Botschaft von der Gnade Gottes in Christo IEsu. Hier sagt
es uns Gott mit einem Eide zu, daß er uns Sünder, die wir
mit unsern Sünden seinen Zorn und Ungnade, zeitlichen Tod
und ewige Verdammnis verdient haben, nicht verdammen, son⸗
dern selig machen wolle, und daß er deshalb uns seinen einge—
bornen Sohn zum Heiland und Erlöser gegeben habe. Hier
vernehmen wir, daß der Sohn Gottes aus Liebe zu uns mensch⸗
liche Natur angenommen hat und unser Stellvertreter gewor—
den ist, für uns das Gesetz erfüllt, die Strafe, die den Über—
tretern der Gebote Gottes im Gesetz gedroht ist, getragen und

uns die Gerechtigkeit erworben hat, mit der wir vor Gott be—
stehen können. Hier wird uns zugerufen: Kommt, o Sünder,
es ist für euch alles bereit! Glaubt an den Sohn, so ist euch
die Sünde vergeben, und der Himmel ist euch gewiß! Das
ist das Evangelium. Das ist in der Tat eine frohe Botschaft
für uns Sünder.

Hätte uns nun der liebe Gott nur die Erlaubnis gegeben,
unsern Mitsündern dieses Wort von dem Sünderheiland zu
sagen, sollten wir dann nicht mit tausend Freuden die Gelegen—
heit ergreifen, ihnen zuzurufen: Freut euch! Durch Christum
ist euch alle Schuld und Strafe abgenommen, der Himmel steht
euch offen, die Seligkeit ist euch gewiß? Aber Gott hat uns
die Verkündigung des Evangeliums nicht bloß erlaubt, er hat
uns auch gezeigt, daß er dies ernstlich von uns verlangt. Das
sehen wir schon an dem Beispiel aller Männer Gottes im
Alten und Neuen Testament. Paulus bekennt: „Ich hielt
mich nicht dafür, daß ich etwas wüßte unter euch ohn' allein
IEsum Christum, den Gekreuzigten.“ Und von diesem JEsus
zeugen alle Propheten und auch alle Evangelisten und Apostel,
daß durch seinen Namen alle, die an ihn glauben, Vergebung
der Sünden haben sollen. Deren Vorbild aber sollen wir
folgen. Ja, Gott hat uns geradezu die Predigt des Evan⸗
geliums als unser einziges Geschäft befohlen. Ruft doch der
Heiland seinen Gläubigen bis an das Ende der Tage zu:
„Gehet hin in alle Welt und prediget das Evangelium aller
Kreatur!“ Wir sind, wie er uns durch seinen Knecht Petrus
sagen läßt, „das auserwählte Geschlecht, das königliche Prie—
stertum, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, daß wir
verkündigen sollen die Tugenden des, der uns berufen hat von
der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht“.

Welchen Eifer haben darum unsere Väter in der Ver⸗
kündigung des Evangeliums bewiesen! Ihnen stand das Wort
des Propheten: „Verflucht sei, der des HErrn Werk lässig
tut!“ stets lebendig vor der Seele. Wie fleißig haben sie
darum in der Schrift gesucht und geforscht und wie gewissen⸗
haft ihre Synodalversammlungen und Konferenzen ausgekauft,
um sich gründlich mit dem Evangelium von Christo bekannt
zu machen! Welche Mühe haben sie es sich kosten lassen, sich
auf ihre Predigten vorzubereiten und sie ihrem Gedächtnis
einzuprägen! Welche Fülle des Evangeliums ist darum auch
in diesen Predigten zu finden gewesen! Wie klar haben sie
ihren Zuhörern gezeigt, daß sie allzumal Sünder waren und
des Ruhmes mangelten, den sie an Gott haben sollten! Wie
lieblich haben sie ihnen den Sünderheiland vor die Augen
gemalt, der gekommen ist, zu suchen und selig zu machen, was
verloren ist! Wie ernstlich haben sie sie vor allem gewarnt,
was sie von dem Heiland trennen würde! Und wie beweglich
und eindringlich haben sie sie gebeten und ermahnt, den wieder
zu lieben und dem wieder zu dienen, der sie zuerst geliebt
hat und für sie dem himmlischen Vater gehorsam gewesen ist
bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz! Wie unermüdlich
sind sie den einzelnen Seelen mit dem Evangelium nachge—
gangen! Und wie eifrig waren sie im Gebet für sich, für
ihre Gemeinde und für die ganze Kirche! Ach, wie sollten
wir doch in diesen gefährlichen Zeiten in allen diesen Stücken
den Vätern folgen! Wie sollten wir die Worte Luthers be⸗
herzigen: „Wache, studiere, halte an mit Lesen! Fürwahr,
du kannst nicht zu viel in der Schrift lesen; und was du liesest,
kannst du nicht zu wohl verstehen; und was du wohl ver—

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