Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 70, Nummer 21 › Seite 335

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 13. Oktober 1914, Seite 335

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S Der utheraned

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getrommelt, daß französische Einquartierung zu erwarten sei.
Nach dem Gottesdienst sahen wir denn auch die ersten französi—
schen Soldaten auf unserer Straße, doch kamen keine ins Haus.
Sie zogen auch bald wieder weiter, und als wir nach dem Nach⸗
mittagsgottesdienst bei dem herrlichen Sommerwetter noch ein
wenig vor der Haustür saßen, hörten wir schon die ersten Schüsse
knallen, ohne noch zu ahnen, wie nahe uns das Kriegswetter
komnien sollte. Als wir aber sahen, wie die Leute auf den
Straßen zu laufen begannen, als man uns zurief, die Franzosen
lägen schußbereit an der nächsten Straßenecke, da zogen auch wir
uns ins Haus zurück und suchten, da gleich darauf heftiges Ge⸗
schützfeuer einsetzte, im Keller Zuflucht. Mehrere Male hörten
wir das eigentümliche Geräusch, das die Granaten verursachten,
die über unser Haus hinweg⸗ oder seitlich an uns vorbeiflogen
und dann mit lautem Krachen, das die Kellerfenster zittern machte,
teils vor, teils hinter, teils neben unserm Grundstück platzten.
Als die Dämmerung hereinbrach, ließ das Geschützfeuer etwas
nach, und wir begaben uns nach oben, legten die kleineren Kinder
angekleidet zu Bett und zogen uns in ein geschützt liegendes Zim⸗—
mer des ersten Stoches zurück. Erst jetzt bemerkten wir, daß ein
an der oberen Ecke der Charlottenstraße gelegenes, einem Gliede
unserer Gemeinde gehörendes Haus in Brand geschossen war;
glücklicherweise war niemand dabei verletzt worden, und die Nacht
war so windstill, daß das Feuer auf seinen Herd beschränkt blieb.
Das Kleingewehrfeuer dauerte, bald näher, bald ferner, die ganze
Nacht bis 3 Uhr morgens an, so daß an Schlaf nicht zu denken
war. Doch erquickten wir uns mitten in der Angst und Unruhe
unsers Herzens mit Gottes Wort und Gebet und etlichen kräftigen
Trostliedern unserer Kirche. Nach 3 Uhr trat etwas Ruhe ein, so
daß auch wir Erwachsenen — es hatten sich auch zwei allein—
stehende weibliche Glieder der Gemeinde bei uns eingefunden —
das Lager aufsuchten. Aber schon unn 5 Uhr begann das Schießen
wieder, besonders das entsetzliche Knattern der Maschinengewehre.
Es währte aber nur noch kurze Zeit. Dann hörten wir, daß es
unsern Truppen mit Gottes Hilfe gelungen sei, den Feind zurück—
zuschlagen. Als wir dann später den Schaden sahen, den die
Geschosse in unserer nächsten Nachbarschaft angerichtet hatten, auch
erfuhren, daß nicht weit von uns ein Mann getötet und miehrere
Personen verwundet worden seien, da mußten wir nur immer
wieder mit dem Psalmisten rühmen: Er deckt mich in seiner
Hütte zur bösen Zeit, er verbirgt mich heimlich in seinem Gezelt.“
Auch in den dann folgenden unruhigen Tagen hat der HErr uns
treulich behütet, hat auch nicht zugelassen, daß in dem zehn Tage
später stattfindenden Gefecht, das den auf der andern Seite der
Stadt wohnenden Gliedern ähnliche, ja wohl noch größere
Schrecken brachte als uns das Gefecht vom 9. und 10. August,
einem der Unsern ein Leid geschah. Ein schwerer Schlag aber
hat unser Gemeindlein getroffen dadurch, daß unser lieber Ge⸗
meindekassierer und Schriftführer, Herr Kreiß, von einem Aus⸗
gang nicht mehr heimgekehrt ist und seitdem vermißt wird; wahr—
scheinlich ist er feindlichen Patrouillen, die damals noch in der
Umgegend umherstreiften, in die Hände gefallen und gefangen
weggeführt worden. Sehr tröstlich war und ist es uns in dieser
Zeit der Gefahr, daß wir wissen, daß die lieben Glaubensgenossen
unser fürbittend vor dem HErrn gedenken, wie das die zahlreichen
Zuschriften, die, nachdem wir längere Zeit von allem Verkehr mit
dem Vaterlande abgeschnitten waren, in den letzten Tagen hier
eingegangen sind, zeigen. Wir danken herzlich für alle uns be⸗
wiesene Liebe und Teilnahme und bitten, daß man uns auch ferner
ins Gebet einschließe, wie denn auch wir nicht ablassen wollen,
zu beten für all die lieben Glaubensgenossen, die unter der Not
der Zeit zu leiden haben, und für unser ganzes Volk und Vater⸗
land. M. W.“ — Die Kämpfe in Ostpreußen werden jedenfalls
die Gemeinde in Insterburg (vielleicht auch in Rucken) und be⸗
sonders die Gemeindeglieder in Passenheim schwer betroffen haben.

Passenheim liegt mitten im Gebiet des großen Schlachtfeldes von
Tannenberg. Nachrichten darüber sind noch nicht eingegangen.
G.
Vom religiösen Erwachen, das in Deutschland beim Ausbruch
des Krieges sich anmeldete und dessen in der letzten Nummer des
„Lutheraner“ gedacht wurde, erzählt ein Korrespondent des
„Christlichen Botschafters“ folgendes: „Ich fahre in Stuttgart
mit der Elektrischen zum Bahnhof. Eine ältere Frau erzählt
einer ihr gegenübersitzenden Bekannten, daß sie soeben von ihren
vier Söhnen Abschied genommen habe, die in den Krieg müssen.
„Das ist schwer“, sagte sie; aber wie ruhig ist sie, wie gefaßt!
Dann wendet sie sich mit gehobener Stimme zu allen Fahrgästen
des Straßenbahnwagens und spricht: Und was müssen wir jetzt
tun, die wir daheimbleiben? Auf uns kommt's auch an, nicht
nur auf unsere Soldaten, die hinausziehen. Wir müssen alle
zusammen einstehen für sie vor Gott. Unsere Gebete müssen sie
wie eine schützende Mauer umgeben. Ja, wir müssen Buße tun
und unsere Sünden bekennen; das ganze Volk muß Buße tun.
Und wenn wir so uns alle aufraffen, dann kann Gott nicht anders.
dann muß er helfen um seiner Verheißungen willen. Seine
Verheißungen sind doch wahr; und er hält sie. Aber beten müssen
wir, ringen mit Gott und uns demütigen unter seine Hand. Das
ist jetzt die Hauptsache, auf die es ankommt!“ So redete sie, klar
und bestimmt; und das widerspruchslose Schweigen der Fahrgäste
sowie der ernste Ausdruck auf ihren Gesichtern zeigte, daß sie den
Nagel auf den Kopf getroffen hatte.“ G.
„Feinde ringsum! Aber wir fürchten sie nicht; ein einziger
ist zu fürchten — Gott. Ist Gott uns gnädig, so wird er unsere
Feinde schlagen; will er uns strafen, so helfen nicht Rosse und
Reisige. Freilich will uns das Herz schwer werden, wenn wir
an unsere Schuld vor Gott denken. Der Verfall der Gottes⸗
furcht ist — nicht nur bei den uns bekriegenden Völkern, sondern
auch in Deutschland erschreckend groß geworden bis zur offe⸗
nen Proklamation des Atheismus und bis zur Verhöhnung der
Naturordnungen in der Unterdrückung der Geburten. Gebildete
und Ungebildete, Gelehrte und Arbeiter wetteiferten, das Volk
um seinen Glauben zu bringen. Und die Kirche? Wir wissen
am besten, wieweit Kirche und Schule sich beteiligt hat, um die
Autorität des göttlichen Wortes und damit Gottes selbst im Volke
zu brechen. Es ist niemand, der heute nicht an die Brust schlagen
müßte: Meine Schuld! meine große Schuld! Khrie, eleison!
Dennoch, Gott ist ein barmherziger Gott, und die Hoffnung soll
uns niemand rauben, daß er seine Barmherzigkeit unserm Volke
zuwende.“ (Allg. Ev.⸗Luth. Kirchenzeitung, Leipzig.)
Was die römische Kirche in dem europäischen Krieg für sich
erbeuten möchte, ist nicht nur eine Zurückerstattung irdischer
Macht, die sie in den meisten europäischen Ländern eingebüßt
hat, sondern vor allem auch die Wiederherstellung eines weltlichen
Papstreiches in Italien. Auf beides nahmen wir in der Chronik
vor zwei Wochen Bezug. Seither eingelaufene Nachrichten niel—
den Ereignisse, die unsere Befürchtung als nur zu wahr erkennen
lassen. In Deutschland hat der Reichskanzler sofort nach
Ausbruch des Krieges das Jesuitenausschließungsgesetz außer
Kraft gesetzt. Es wird also den Jesuiten vor der Hand gestattet,
in Deutschland Eigentum zu besitzen, Anstalten zu errichten, sowie
die Ordenstracht zu tragen. Allerdings ist das nur ein Außer⸗
kraftsetzen des bestehenden Gesetzes, nicht eine Aufhebung des⸗
selben. Doch weiß jeder, der die römische Kirche kennt, daß sie
nicht so bald wieder aufgibt, was ihr, wenn auch nur zeitweilig,
einmal zugestanden worden ist. Durch die furchtbare Gefahr von
außen gedrängt, hat sich der Kanzler eben genötigt gesehen, mit
den Römlingen Frieden zu machen. Somit hat ein seit vielen
Jahren geführter Streit zwischen der deutschen Regierung und
der Papstkirche einen für die letztere siegreichen Ausgang gefunden.
Nach einer Kabeldepesche vom 3. Oktober aus Verlin hat die

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