Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 70, Nummer 23 › Seite 365
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 10. November 1914, Seite 365
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organisiert, die unter der Leitung der Priester stehen. Haben
die Knaben das Mannesalter erreicht, so treten sie in einen
der unzähligen Verbände, Bauernbünde, Bauvereine und an⸗
dere Genossenschaften, ein. Durch diese Vereine hat die Klerisei
über die Kreise der Bürger und Arbeiter ein Netz ausgespannt,
dessen Maschen ganz Belgien umspannen und durch zielbewußte
Arbeit, trotz der Gegenanstrengungen der liberalen Partei,
immer enger gezogen werden. Durch einen Dominikanermönch
wurde zum Beispiel im Jahre 1904 die Christliche Syndikat⸗
bewegung mit einer Gliederzahl von 10,000 Arbeitern ins
Leben gerufen, die aber nach acht Jahren schon auf 80,000
Glieder angewachsen war. Große Unterstützungsvereine für
Unfall, Krankheit usw. bestehen seit 1900, auch unter Leitung
der Priester. Dazu kommen 3016 Temperänzvereine, 6000
Vereine für Altersversorgung, Kassen zur Versicherung gegen
Verluste an Vieh durch Krankheiten, Gilden für Architekten
und Baumeister, desgleichen für Schlosser, Eisenarbeiter und
Spitzenklöppler, sowie Anstalten, in denen diese Gewerbe er⸗
lernt werden können. Durch diese Vereine sowie durch die mit
denselben verbundenen Schulen und durch sonstige Institute hat
sich die römische Priesterschaft Belgiens ein Mittel geschaffen,
der liberalen Partei immer eine geschlossene Front in den
öffentlichen Wahlen zu bieten. Auch in dem letzten großen
Wahlkampf vom Juni 1912 ist die katholische Regierungspartei
Siegerin geblieben.
Man kann nicht sagen, daß Belgien unter seinem katho⸗
lischen Regiment eine gesegnete Volksentwicklung erfahren hat.
In der belgischen Armee war vor drei Jahren die Zahl derer,
die nicht lesen noch schreiben konnten, etwa 8 Prozent! Mehr
als 250,000 Kinder im schulpflichtigen Alter sind ohne Schul⸗
unterricht. Der belgische Charakter hat etwas Wildes, dabei
Tückisches. Das hat sich auch in den letzten Monaten wieder
gezeigt, als belgische Dorfbewohner die deutschen Soldaten mit
heuchlerischer Freundlichkeit aufnahmen und sie dann am Mit⸗
tagstisch erschossen. Im großen Lazarett in Aachen liegen
dreißig deutsche Soldaten, denen belgische Frauen nachts die
Augen ausgestochen haben, nachdem sie sich zur Ruhe gelegt
hatten. Doch können uns die Folgen, die das katholische Regi⸗
ment in den einzelnen Ländern für den Volkscharakter gehabt
hat, hier nicht weiter beschäftigen. Der Leser erkennt, daß
auch in Belgien die römische Kirche tief in der Politik sitzt, ja
eine eigene politische Partei bildet, die bis zum Ausbruch des
großen Krieges mit allen erdenklichen Mitteln danach strebte,
die politische Macht der Kirche zu befestigen.
H. In Holland. Wie, auch in Holland? Ja, auch im
vorwiegend protestantischen Holland ist die römische Kirche po—
litisch tätig. Am 2. Mai dieses Jahres enthielt das (katho⸗
lische) Freeman's Journal einen Artikel mit der überschrift:
„Phe Dutcht Catholie Party“, „Die katholische Partei
Hollands“. Also eine solche gibt es. Die Katholiken Hollands
schlossen sich, das führt dieser Artikel aus, 1880 zu einer politi⸗
schen Partei zusammen, von der hier gesagt wird: „It is now
stronger than ever.“ Es dienen dieser Partei 183 Zeitschriften.
Ausdrücklich heißt es von der katholischen Partei in diesem Aufsatz:
It followed the teachings of Leo XIII in regard to the solu-
tion of social problems“, „Sie befolgte die Lehren Leos XIII.
in bezug auf die Lösung der volkswirtschaftlichen Fragen“. Das
heißt also, auch in Holland ist die römische Kirche auf politi—
schem Gebiete tätig, um den Ansprüchen des Papstes als höch⸗
sten Richters in allen politischen Angelegenheiten Geltung zu
verschaffen. Das merkt man in Holland auch gar wohl und
spricht es auch aus. Der holländische Korrespondent der Lon-
don Times meldete am 4. Juni dieses Jahres: „Man lehrt,
ein Katholik müsse seinem Priester auch in politischen Dingen
gehorchen, und das Wohl des Lan des müsse vor dem Wohl des
Papsttums zurücktreten. Das Programm der katholischen Par⸗
tei enthält eine Berufung auf das Rundschreiben Immortale
Dei“ und betont, daß die Autorität der Kirche im öffentlichen
Leben sowohl wie in Privatangelegenheiten respektiert werden
müsse. Wenn der Papst oder auch die holländischen Bischöfe
den katholischen Wählern Anordnung geben, sind diese nach dem
Progrannm ihrer Partei zu Gehorsam verpflichtet. Man fühlt,
wenn der katholische Politiker redet, hat ein Priester ihm dik⸗
tiert.“ Was ist nun das „Immortale Dei“-Schreiben, auf
welches die Plattform der katholischen Partei Hollands ihre
Anhänger verpflichtet? Es ist das Schreiben, in dem Papst
Leo XIII. fordert, daß die Katholiken zu dem Zweck sich
in der Politik betätigen sollen, um den Staat katholisch zu
machen; es ist das Schreiben, in dem er die Freiheit des Den⸗
kens und der Presse verurteilt; in dem er fordert, daß alle
Staaten in der Welt sich zur katholischen Religion zu beken⸗
nen, die katholische Religion in den öffentlichen Schulen zu
lehren haben; in dem er die Trennung von Kirche und Staat
ausdrücklich verdammt. Diese Grundfätze durchzuführen, ist also
ausgesprochenes Programm der katholischen Partei Hollands.
Welchen Zwecken wird da wohl die fieberhafte Tätigkeit
der Katholiken auf politischem Gebiet in den Vereinigten Staa—
ten dienen? G.
—
Legate oder Vermächtnisse.
Unsere Synode hat eine sogenannte Legatkommission, die
die Legate oder Vermächtnisse, die der Synode vermacht worden
sind, verwaltet. Unsere Synode nimmt nun ganz gern solche
Vermächtnisse entgegen. Daran soll hiermit erinnert werden.
Gott hat ja unsere liebe Synode im Laufe der fünfundsiebzig
Jahre ihres tatsächlichen Bestehens nicht nur reichlich mit geist⸗
lichen, sondern auch reichlich mit irdischen Gütern gesegnet.
Viele Glieder unserer Gemeinden sind im Laufe der Zeit reich
geworden. Unsere Synode besteht heute nicht mehr wie früher
aus durchschnittlich wenig bemittelten Leuten, sondern heute
haben unsere lieben Christen durchschnittlich im Irdischen so
viel, daß sie recht gemütlich leben und sich manche Bequemlich⸗—
keit erlauben können, ja viele unter uns sind auch im gewöhn—
lichen Sinne des Wortes reich zu nennen. Das wird keiner
bestreiten, der seinen Gesichtskreis nicht auf diese oder jene ein—
zelne Gemeinde oder gar auf einzelne ärmere Glieder beengt,
sondern der auf unsere Gemeinden sieht, wie sie im allgemeinen
sind, und in denselben Umschau hält.
Nun sagt Gottes Wort: „Den Reichen von dieser Welt
gebeut, daß sie nicht stolz seien, auch nicht hoffen auf den unge—
wissen Reichtum, sondern auf den lebendigen Gott, der uns
dargibt reichlich, allerlei zu genießen; daß sie Gutes tun, reich
werden an guten Werken, gerne geben, behilflich seien, Schätze
sammeln, ihnen selbst einen guten Grund aufs Zukünftige, daß
sie ergreisfen das ewige Leben“, 1 Tim. 6, 17—19. Wiederum
sagt der Apostel: „Es ist aber ein großer Gewinn, wer gott⸗
selig ist und lässet ihm genügen; denn wir haben nichts in die
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