Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 70, Nummer 23 › Seite 368

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 10. November 1914, Seite 368

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8 „Tuthsranerss⸗

U
Gold, Silber, gestempelt (zu 30 und 20 Mark), als Anhänger
und Nadel zu tragen, in schwerer Zeit zum persönlichen Schutz,
nach wissenschaftlich⸗astrologischen Berechnungen — nebst Horo⸗
skop. Nach Angabe der Geburtsdaten binnen drei Tagen.“ Der
Uhrenhändler wohnt nicht etwa in einem weltentlegenen Eifel⸗
dorf, sondern in Berlin. (Freikirche.)

Der Krieg ist eine furchtbare Zuchtrute, die aber Gott an⸗
wendet, um die Völker, die sich von ihm und seinem Wort ab—
gekehrt haben, zur Buße und Unikehr zu bringen. Dazu hat Gott
schon in alten Zeiten seine Kriegsgerichte benutzt. Der fromme
König Hiskia erinnerte einst sein Volk: „Unsere Väter haben sich
vergriffen und getan, was dem HErrn, unserm Gott, übel gefällt,
und haben ihn verlassen. Daher ist der Zorn Gottes über Juda
und Jerusalem gekommen und hat sie gegeben in Zerstörung und
Verwüstung.“ Auf diese Mahnung des Königs hin richtete das
Volk Israel wieder den rechten Gottesdienst ein im Tempel des
HErrn. Wohl dem Volk, das in solch großen Unglücksläuften wie
Krieg, Pestilenz und Hungersnot die züchtigende Hand Gottes er⸗
kennt und sich dadurch zur Buße leiten läßt! Aus den schon mit⸗
geteilten Berichten über die Umkehr, die sich im geistlichen Leben
des deutschen Volkes nach Ausbruch des großen Krieges zu er⸗
kennen gab, dürfen wir wohl schließen, daß viele Tausende aus der
großen Gleichgültigkeit gegen Gottes Wort, die so weit um sich
gegriffen hatte, aufgerüttelt worden sind, sich in wahrer Buße zu
Gott bekehrt haben und nun auf ihn ihre Hoffnung setzen. Und
darin offenbart sich eine besondere Gnade Gottes. „Man sehe
sich in unserm Volke um“, hatte noch vor kurzem ein Pastor der
deutschen Landeskirche geklagt, „wie weit, wie unendlich weit sind
manche Kreise von Gott und von göttlichen Dingen entfernt! Wie
völlig ist ihr Leben von allem entblößt, was Religion heißt!
Sie treten vielleicht nicht aus der Kirche aus, aber sie gehen auch
in keine Kirche mehr hinein, und nur die murrend bezahlte Kirchen⸗
steuer verbindet sie noch mit der Religion. Sonst ist ihr Geschäft,
ihr Beruf ihre Welt, die Zeitung ihre Bibel, das Theater ihre
Kirche.. Viele Tausende aber — man spricht von 85,000 —
haben schon durch den Austritt den völligen Bruch mit der Kirche
vollzogen.“ Das ist nun anders geworden. Das Volk geht jetzt
wieder zur Kirche, es drängt sich zum Tisch des HErrn, es greift
mit tausend Händen nach Erbauungsbüchern und Trostschriften.
Zwar wäre es zu viel gesagt, wenn wir schon von einer allge—
meinen Umkehr des Volkes reden wollten. Wir freuten uns, als
wir lasen, daß bei der Meldung eines Sieges der deutschen Waffen
eine große Versammlung das Lied anstimmte: „Nun danket alle
Gott“; aber die Freude wurde getrübt durch die beigefügte Mel—
dung, daß die Leute, als ihnen die Nachricht des Sieges gebracht
wurde, im Theater beisammen saßen. Auch klagen weltliche
deutsche Blätter darüber, daß der Vergnügungssucht trotz der
ernsten Zeit vielfach noch kein Zügel angelegt wird. Der „Reichs⸗
bote“ schreibt: „Es drängt sich die Frage auf, ob es dem Ernst
der Zeit, in der wir leben, entspricht, wenn Tanzlokale und
Tingeltangel (burlesque shows] der verschiedensten Rangstufen
ihre Pforten auch heute noch bis in die tiefe Nacht hinein in der⸗
selben Weise geöffnet halten, als läge das Vaterland nicht in
dem größten Kriege, den es je geführt hat, als sähen nicht un⸗
zählige seiner Söhne draußen vor dem Feinde dem Tode entgegen.
Das bezieht sich auch auf diese und jene Theatervorstellung, die man
jetzt noch angekündigt sieht; tolle Possen sind wenig am Platze,
wenn der ganze Ernst des Krieges spricht. Auch aus unserm
Leserkreise gehen uns Zuschriften zu, die sich darüber beschweren,
daß die Tanzlustbarkeiten in vollem Umfange wieder eingesetzt
haben.“ So schön es ist, daß eine weltliche Zeitung solchen
Gedanken Ausdruck gibt, so betrübend ist die Tatsache, welche dazu
Veranlassung gibt. Unbegreiflich ist es jedoch, wenn ein reli⸗
giöses Blatt den Pastoren den Rat erteilt, in den Gebets⸗

stunden „nicht in erster Reihe Buße zu predigen“! Man solle
nicht „schelten auf das, was gewesen ist“!
Leipziger „Allgemeine Ev.⸗Luth. Kirchenzeitung“: „Wir fürch⸗
ten, Gott der HErr wird mit unserm Volk noch eine sehr ernste
Sprache reden müssen, wenn es den Gedanken an eine gründliche
Buße, die tiefer geht und länger dauert als ein machtvoller patrio⸗
tischer Aufschwung in der Zeit großer Bedrängnis, zurückweist.“
G.

Kriegsbilder.

„Ach, wann wird's ein Ende nehmen!“ — dieser Seufzer
steigt täglich von unzähligen Lippen auf, wenn das Auge die
Nachrichten über den großen Krieg, der jetzt auf dem alten
Kontinent tobt, dessen furchtbar verheerende Wirkung aber in
allen Ländern der Erde verspürt wird, in den Tageszeitungen
überfliegt. Dieses entsetzliche, nie enden wollende Ringen, dieses
unausgesetzte Speien der Feuerschlünde, diese verzweifelten An⸗
griffe mit Säbel und Bajonett, diese Verheerung schöner Gefilde,
dieser Ruin herrlicher Städte, dieses tausendfache Sterben —
gütiger HErregott, wann wirst du diesem allem ein Ende machen
und den Völkern wieder den Frieden schenken! So spricht der
Christ, erschüttert von den grauenhaften Einzelheiten, die uns
die Kriegsdepeschen melden.

Und doch erzählt das Kabel nicht die schlimmsten Schreck⸗

nisse, die ein mit solch unerhörter Erbitterung geführter Krieg
mit sich bringt. Einem Christen ist das Grauenvollste an diesem
Hinschlachten Zehntausender der Gedanke, daß so viele, die auf
den Schlachtfeldern und in den Seegefechten ihr Leben lassen,
hinabfahren ohne Glauben, ohne Buße, mit der ganzen Last
ihrer Sünden auf ihrem Haupte. Der Krieg, das ist wahr, der
Krieg speist die Hölle. „Wer die Leute gehört hat“, erinnert
uns eben ein Aufsatz in der „Theologischen Quartalschrift“, „die
mitten drin gewesen sind, wer die wahrheitsgetreuen Schilderun⸗
gen der Kriegsschriftsteller gelesen hat, der weiß, daß die Führer
ihre Truppen meistens nicht mit dem Gebet Gustav Adolfs, son⸗
dern mit Fluchen und Lästern ins Gefecht führen. Es ist sehr
schwer, in der Kampfeswut und im Kriegslager den Glauben und
ein reines Gewissen zu bewahren. Der Krieg verroht entsetzlich.
Und der Tod hält schreckliche Ernte — für den Himmel? Der
Krieg ist des Teufels Erntefest. — Ja, Gott der HErr schwingt
seine Geißel über die kriegführenden Völker mit furchtbarem
Ernst.“

Und doch ist es im Krieg wie in jedem großen Unglück:
neben der entsetzlichen Häufung der Gottlosigkeit leuchtet der
Glaube der wahren Kinder Gottes. Wenn ein Schiff vom
Sturm umhergetrieben wird, und Bemannung wie Passagiere
den sicheren Tod vor Augen sehen, ergehen sich die einen in
Flüchen, Verwünschungen und furchtbarem Lästern, während die
andern auf den Knien liegen und in frommer Ergebung ihre
Sache dem HErrn, ihrem Gott, anheimstellen.

Wir haben nun einige Bilder aus dem großen Weltkrieg
gesammelt, kurze Aufzeichnungen solcher, die vom Kriege un⸗
mittelbar betroffen sind, sowie auch solcher, die im Felde stehen
oder in den Lazaretten gewesen sind; Blicke in Menschenherzen,
die auch in der höchsten Gefahr das Gottvertrauen nicht fahren
ließen; Erfahrungen von wunderbarer Bewahrung vor dem Tod.
Diese Sammlung soll in dieser und den folgenden Nummern des
„Lutheraner“ an die Leser weitergegeben werden, so, wie sich
der Raum dafür findet.
unbeschreiblich, ja unfaßlich Furchtbaren, das jeden Tag aus dem
großen Völkerringen gemeldet wird, auch zu hören von der Kraft
des Christenglaubens im größten Unglück, von stillem Gottver⸗

Dazu bemerkt die

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Der Leser wird sich freuen, neben dem

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