Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 70, Nummer 23 › Seite 367
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 10. November 1914, Seite 367
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S er utheraner.
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der Nacht“, also ganz unerwartet und plötzlich. Warum war es
denn nicht not, den Thessalonichern dieses zu schreiben? Weil sie
das Wort JEsu kannten: „Wie ein Fallstrick wird er“ (nämlich
der Tag des HErrn) „kommen über alle, die auf Erden wohnen“,
Luk. 21, 35; und wiederum, Mark. 13, 32: „Von dem Tage
aber und der Stunde weiß niemand.“ Wie darf da „Pastor“
Russell sagen, daß er Tag und Stunde der Wiederkehr des HErrn
kennt? Ei, er hat es ausgerechnet! Er schreibt: „Gewisse
Schriftstellen! — welche, sagt uns Russell leider nicht —
„deuten an, daß Gottes Reich sieben prophetische Zeiten zu je
360 Jahren verborgen (removed) sein werde.“ Wo hat Russell
das her, daß die „Zeiten“, von denen die Weissagung redet, je
360 Jahre umfassen? Das hat er sich aus den Fingern ge⸗
sogen; in der Schrift ist keine Andeutung davon. „Sieben
Zeiten“, fährt Russell fort, „machen also 2520 Jahre. Wenn
man nun von der Zeit des Königs Zedekia an rechnet, so geht
diese Periode in diesem Jahr zu Ende; denn nach der Schrift
wurde König Zedekias Krone im Jahre 606 vor Christo ge⸗
nommen.“ Diese Jahresangabe steht nicht in der Schrift, son⸗
dern das ist wieder eine Zahl, die sich Russell sonstwo geholt hat,
und auf die er nun seine Lehre gründet. Daß Christus im Jahre
1874 zurückgekehrt sei, daß er vierzig Jahre auf Erden im Ver⸗
borgenen gewirkt habe und jetzt sein tausendjähriges Reich antritt,
ist reines Menschengedicht und Schwärmerei. Unser Heiland hat
auf gerade solche Irrlehrer, wie den Pastor an der Satansschule
zu Brooklyn, geweissagt, als er sprach: „Es werden falsche Christi
und falsche Propheten aufstehen und große Zeichen und Wunder
tun, daß verführet werden in den Irrtum, wo es möglich wäre,
auch die Auserwählten. Siehe, ich hab's euch zuvor gesagt.
Darum wenn sie zu euch sagen werden: „Siehe, er ist in der
Wüste!“ so gehet nicht hinaus; „Siehe, er ist in der Kammer!“,
also im Verborgenen, „so glaubet es nicht. Denn gleich⸗
wie der Blitz ausgehet vom Aufgang und scheinet bis zum Nieder⸗
gang, also wird auch sein die Zukunft des Menschensohns.“ Das
letzte stimmt auch nicht mit der Lehre Russells, denn nach ihm
hat Christus vierzig Jahre nötig gehabt, aus seiner verborgenen
Rückkehr in die Erscheinung zu treten. Der Blitz braucht aber
bekanntlich nicht vierzig Jahre, von oben nach unten zu fahren,
sondern das geschieht in einem Augenblick. In einem Augenblick,
ehe noch die Menschen sich besinnen können, wird unser HErr vor
aller Welt erscheinen und dann nicht etwa zunächst tausend Jahre
mit seinen Gläubigen auf Erden regieren, sondern auf der Stelle
das Gericht halten, in dem auch solche Lügenpropheten wie Russell
ihr Urteil empfangen werden. G.
Deutsche Freikirche. über das Ergehen unserer Glaubens⸗
genossen in Passenheim in Ostpreußen berichtet P. Amling: „Ein
Witwer unserer (Berliner) Gemeinde, der im Felde steht, hatte
seine Kinder ein paar Wochen vor Ausbruch des Krieges nach
Passenheim zu seiner Mutter gebracht. . .. Sie können sich den⸗
ken, wie besorgt wir um die unmündigen Waisen waren. Nun
hatten wir gestern (am 22. September) die große Freude, daß
der Vater alle vier Kinder unversehrt hierher brachte. Sie sind
vor der Schlacht in der Nacht in einen Wald geflüchtet und haben
sich dann später vierzehn Tage bei einem Bauer aufgehalten. ..
Der Vater berichtet, daß Passenheim unversehrt geblieben ist, und
unsere dortigen Glaubensgenossen nichts verloren haben. ...“
— P. Harms schreibt am 22. September: „Vor drei Wochen bin
ich zum zweitenmal auf unbestimmte Zeit wieder entlassen wor⸗
den. Vorgestern war ich in Heimsen, um Gottesdienst zu halten.
Leider ist eine Familie meiner Gemeinde in Heimsen schon hart
betroffen worden durch den Krieg. Johannes Ehlerding aus
Loccum ist am 8. dieses Monats in Frankreich gefallen. Er hatte
schon eine ganze Reihe von Gefechten mitgemacht, auch den
Sturmangriff von Lüttich. Er ist zwanzig Jahre alt geworden,
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diente im zweiten und letzten Jahre. Am 31. August hatte J.
Ehlerding die letzten Worte an seine Eltern geschrieben. Der
Schluß dieser Karte war: „Auf Wiedersehen, wenn nicht hier, so
droben. Wie wird's sein, wie wird's sein, wenn wir ziehn in
Salem ein“ usw. Ein herrlicher Schluß! Er war ein frommer
Jüngling, und die Eltern dürfen die gewisse Hoffnung haben,
daß sie ihren Sohn ewig wiederhaben, daß er sein himmlisches
Erbe angetreten hat. Einen Sohn haben die Eltern noch im
Kriege. Er dient gerade bei den Jägern zu Pferde in Kolmar
und hat immer fleißig den Gottesdienst in Mülhausen besucht.“
(Ev.⸗Luth. Freikirche.)
Kriegsbetstunden werden, wo es angeht, allenthalben in den
Kirchen Deutschlands gehalten. In unsern freikirchlichen Ge⸗
meinden befolgt man in diesen Gebetsstunden folgende Ordnung:
Nach einem passenden Lied besteigt der Prediger die Kanzel, ver⸗
liest nach einem Gebet aus dem Herzen einen biblischen Abschnitt
und fügt demselben eine kurze Anwendung und Auslegung bei.
Dann folgt das Kriegsgebet aus dem „Gebetsschatz“ mit Vater⸗
unser. über den Zweck und Nutzen solcher Betstunden sagte die
„Ev.⸗Luth. Freikirche“ in einer Besprechung dieser Einrichtung
folgendes: „Wir sollen dadurch unsere Zuhörer zur Erkenntnis
der Sünde bringen, durch welche wir diese schwere Heimsuchung
verdient haben, besonders aber den durch die Folgen des Krieges
Bedrängten und Bekümmerten reichen Trost spenden. Ganz be⸗
sonders werden wir dieses Trostamt üben müssen, wenn die Ver⸗
lustlisten erscheinen werden, und dann sollen wir nicht mit dem
Tode fürs Vaterland, sondern damit trösten, daß, wer im Glau⸗
ben gestorben ist, ins ewige Leben eingezogen ist, und die Herr⸗
lichkeit des ewigen Lebens recht herausstreichen. Der Nutzen solcher
Betstunden in dieser Zeit ist ohne Zweifel ein vielfacher. Denn
die Herzen der Menschen sind jetzt besonders empfänglich für
Gottes Wort. Das zeigt schon der Anklang, den solche Betstunden
finden. Nicht nur lässig gewordene Gemeindeglieder, sondern
auch viele andere, selbst solche, die seit Jahren in keine Kirche
gekommen sind, finden sich ein und lauschen andächtig und be⸗
gierig den Worten des Predigers. Alle sind jetzt aufgeschreckt und
aufgerüttelt. Die Verächter merken, daß sie etwas von dem
brauchen, was sie bisher verachtet haben. Die Gewohnheits⸗
christen bekommen eine Empfindung davon, daß sie mit ihrem
äußerlichen Kirchengehen nicht auskommen. So kann durch diese
Kriegsbetstunden mancher bekehrt werden.. Wo daher in
solchen Kriegsbetstunden das Wort Gottes recht verkündigt und
ans Herz gelegt wird, da werden sie sich als ein großer Segen
erweisen für die Gemeinde und für weitere Kreise. Freilich muß
man sich dabei hüten vor politischen Erörterungen und einer
blinden, selbstgerechten, prahlerischen Begeisterung für den Krieg
und über die Siege entgegenarbeiten. Es ist eine Zeit schwerer
Heimsuchung, in der wir leben, und eine solche Zeit wird's bleiben,
auch wenn Gott in großer Gnade unsern Heeren ferneren Sieg
verleiht.“ G.
Zeichen der Zeit. Es ist eine bekannte Tatsache, daß der
Unglaube, weit entfernt, den Aberglauben auszutreiben, ihn viel⸗
mehr züchtet, weil besonders in Notzeiten der Mensch doch irgend⸗
einen Halt haben will. So darf es denn auch nicht allzusehr
wundernehmen, daß findige Geschäftsleute die gegenwärtige Not⸗
zeit auszunützen suchen, indem sie „Amulette, in schwerer Zeit zu
persönlichem Schutz“, anbieten. Eine Dame empfing von einem
Uhrenhändler folgendes Schreiben: „Sehr geehrte, gnädige Frau!
Erlaube mir, beifolgendes Kärtchen zu senden. In unserer bösen
Zeit bitten wir alle um Schutz und Hilfe. Ein persönlicher Talis⸗
man nach wissenschaftlicher, astrologischer Berechnung besitzt die
Kraft, uns zu schützen und das Böse von uns fernzuhalten.
Wollen Sie nicht auch, gnädige Frau, ein Amulett tragen?“ Das
„beifolgende Kärtchen“ hatte folgenden Aufdruck: „Amulette aus
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