Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 70, Nummer 24 › Seite 384
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 24. November 1914, Seite 384
Scan: from a 2009 DVD; the same scans are on the Internet Archive as DerLutheraner70_partial. Selected pages only: not every page of this year is held.
⤓ Download page image (full resolution)
German transcription machine transcription, uncorrected
384
Ser „Tutherane
tausendfach verdient haben. Der liebe HErr hat uns durch seine
Güte zur Buße locken wollen in den vielen reichen Jahren. Ist
es ihm gelungen? Soviel man sehen kann, bei den meisten nicht.
Ist es da zu verwundern, wenn der treue Gott seine Drohung er⸗
füllt: ‚„über die, so mich hassen, suche ich die Sünde der Väter
heim an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied??“ Sind wir
so viel besser als unsere Brüder in Australien, so viel eifriger im
Werk des HErrn? In unserm Lande, über unserer Synode hat
der HErr mit seiner Güte gewaltet. Ist es ihm gelungen, uns
in den vielen reichen Jahren, auch in diesem vergangenen reichen
Jahr, zur Buße zu locken? „Soviel man sehen kann“, das wollen
auch wir bekennen, „bei den meisten nicht.“ In den Missions⸗
kassen, den Studentenkassen, den Unterstützungskassen, den Bau⸗
kassen unserer Synode ist Mangel. Man weigert sich, ein
Geringes für die Synodalkasse zu tun, weil man meint, das
Geringe helfe doch nicht, und man begnügt sich damit, ein Ge⸗
ringes zu tun, wo Großes geschehen könnte. Man ist zufrieden,
daß man selber das Evangelium hat; ob es die Nachkommen er⸗
halten, ob unsere Kinder einst von treulutherischen Predigern ver⸗
sorgt werden, ob die unbekehrte Welt um uns her das Evan⸗
gelium zu hören bekommt, das schert gar manchen von uns nicht.
Wird es da zu verwundern sein, wenn einmal zur Ablohnung
dieses Undanks für unermeßliche zeitliche und geistliche Gaben
Gott seine Drohung erfüllt: „über die, so mich hassen, suche ich
die Sünde der Väter heim an den Kindern bis ins dritte und
vierte Glied'? Wenn Spaltung entsteht, wenn falsche Lehre ein⸗
bricht, wenn die reine Predigt des Evangeliums uns verloren
geht, wem anders hätten wir dafür die Schuld zu geben als
unserm eigenen Undank? Noch will uns der SErr durch seine
Güte zur Buße locken. Daß wir es doch erkennen möchten!
G.
Beherzigenswerte Worte enthält der Brief eines jungen
Pastors, der bei einer Besprechung der Not unserer Synodalkasse
folgenden Gedanken Ausdruck gab: „Die Sache mit dem Stand
unserer Kassen ist ernst. Wie beschämen uns die Soldaten, die
nun über vierzig Tage in ihren Schanzgräben Tag und Nacht zu⸗
gebracht haben für Kaiser und Reich, und die Millionen, die ihre
Stirn den Kugeln dargeboten haben für Kaiser und Reich, und die
Tausende von Verwundeten und Gefallenen für Kaiser und Reich
und die Bereitwilligkeit, Milliarden für die Kriegsanleihe zu⸗
sammenzubringen, viel mehr, als gefordert war, für Kaiser und
Reich. Und was tun wir für unsern Himmelsherrn und
sein Reich? Und dabei steht doch die Welt nur zu dem Zweck,
daß das Evangelium berkündigt werde!“ E. A. M.
Wer hat der Schlange den Kopf zertreten? Unsere Kinder
lernen im ersten Schuljahre, wer der Weibessame, 1 Mos. 3, 15,
ist, nämlich der in Bethlehem geborne Jungfrauensohn. Unter
den Katholiken wissen aber nicht nur die Kinder dies nicht, son⸗
dern in den höchsten katholischen Kreisen wird diese Weissagung
geradezu gotteslästerlich ausgelegt. In dem Wartesaal eines
katholischen Hospitals in Chicago fand ein Pastor unserer Synode
eine Zeitschrift „zur Belehrung und Unterhaltung des katholischen
Volkes“. Darin stand ein „Hymnus auf die unbefleckte Jungfrau“
von Kardinal von Geißel. Da heißt es:
Du, an Evas Statt erkoren,
Bringst zurück, was sie verloren:
Unsers Gottes Huld und Gnad'.
Und die Schlange, der sie glaubte,
Liegt vor dir mit wundem Haupte,
Das dein starker Fuß zertrat.
Nicht JEsus, sondern Maria hat hiernach der Schlange den Kopf
zertreten, dem Teufel die Macht genommen, sein Reich zerstört.
Das wird also noch heute dem katholischen Volke zur Belehrung
dargeboten. P. S.
Kriegsbilder.
Zweihundert Waisenkinder auf der Flucht.
In Stanislau, einer bedeutenden Stadt Galiziens in Oster⸗
reich, besteht ein protestantisches Kinderheim. Auch diese Anstalt
ist von den Stürmen der Kriegszeit schwer erschüttert worden.
Am 1. September erhielt der Verwalter des Heims, P. Zöckler,
den Wink aufzubrechen. Es waren gerade noch Ferien, und nicht
die ganze Anstaltsfamilie war beisammen, da manche Kinder im
Elternhause oder bei Verwandten waren. Trotzdem waren es
mit der Familie des Pfarrers und dem Dienstpersonal 250 Köpfe,
die sich auf die Reise machten. Erst ging es in sechs Viehwagen
auf der Bahn von Stanislau nach Stryj; die Strecke, zu der
sonst der Zug dritthalb Stunden braucht, wurde von dem Flücht⸗
lingszug in zweiundsechzig Stunden zurückgelegt! Und es war
die höchste Zeit zum Aufbruch, denn am 2. September hörte jeder
Bahnverkehr von Stanislau auf. Eine neue überraschung wartete
der Flüchtlinge in Stryj. Dort hieß es: „Unter keinen Um⸗
ständen mit der Bahn weiter; jeder nichtmilitärische Bahnverkehr
ist eingestellt!“ Da entschloß sich Pfarrer Zöckler, mit seiner
Schar die Flucht zu Fuße fortzusetzen. Für die notwendigste
„fahrende Habe“ waren drei Wagen vorhanden, auf denen auch
die Frauen und die allerkleinsten Kinder rasten konnten. Die
andern marschierten zu Fuß. So ging's mit Roß und Wagen,
mit Weib und Kind über die Vorhügel der Karpathen hinweg, in
der Ferne begleitet von dem Donner der Geschütze.
Sechs lange Tage dauerte die Wanderung, glücklicherweise
sechs schöne, sonnige Herbsttage, so daß von den großen und
kleinen Wanderern kein einziger erkrankte. über Nacht war man
meist bei deutschen Brüdern in den deutschen Bauernsiedelungen,
bisweilen auch bei Ruthenen. Bei Neusandez wurden den Flücht⸗
lingen ein Personenwagen und mehrere Viehwagen unentgeltlich
zur Verfügung gestellt. Nach langer, ermüdender Fahrt kamen
sie am 18. September in Wien an, wo sie noch von früh bis zum
Spätnachmittag auf dem Bahnhof in den Wagen bleiben mußten,
bis sie gegen Abend in das protestantische Vereinshaus geleitet
werden konnten.
Am Abend noch erzählten die Wiener Pfarrer in der Kriegs⸗
andacht von den kleinen Ankömmlingen aus Galizien, und am
andern Morgen enthielten die Wiener Blätter einen ganz kurzen
Hinweis, verbunden mit der Bitte um Gaben. Der Erfolg war
überwältigend. Vom Morgen bis zum Abend herrschte in der
Vorhalle des Vereinshauses ein Getriebe wie in einem Bienenstock.
Unaufhörlich strömten die fröhlichen Geber zur Tür herein, mit
Schachteln und Päcken und Körben, so daß die willigen Hände
kaum ausreichten, die Liebesgaben in Empfang zu nehmen, auf⸗
zuschreiben, zu sortieren, auf Stapel zu legen. Hier sah man
Betten und Bettwäsche, dort Kleider und Kleidchen und Hemden
und Jacken, dort entwickelten sich aus starkem Packpapier mehrere
Meter „Extrawurst“ oder gar einige fette Spickaale, dort sam⸗
melte sich Kaffee und Tee und Reis und Sago und hier ein⸗
gekochtes Obst und Gläser mit goldenem Honig — ein Geben und
Helfen und Spenden, bei dessen Anblick einem das Herz warm
und froh werden konnte. ö
Die größeren Kinder durften während des Aufenthalts in
Wien nach Schönbrunn hinaus und sehen, wo der Kaiser wohnt;
die andern waren im Vereinshause wohl geborgen und verpflegt.
Es waren manche dabei, die wohl verstehen konnten, was sie in
diesen Tagen erlebt hatten. Aber kein einziges, das nicht fröhlich
gewesen wäre, und keins, das irgend krank oder auch nur matt
gewesen wäre. Mit fröhlichen Liedern waren sie Hunderte von
Meilen marschiert oder gefahren; wenn sie müde werden wollten,
so sangen sie das Kaiserlied oder „Die Wacht am Rhein“ oder
English translation
Not yet translated.