Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 5 › Seite 78

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 2. März 1915, Seite 78

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8 Ner WutferaneE.

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gläubige christliche Kirche. Und doch bringt der Fortschritt im
Irdischen für eine Synode wie für die Einzelgemeinde und den
einzelnen Christen besondere Gefahren mit sich. Da ist es vor
allem wieder die Gefahr, daß man in allerlei Außerlichem
die Herrlichkeit der Kirche sucht. Wie geht das zu?

Nun, es kann auch treulutherischen Christen, ja gerade

solchen, die von ganzem Herzen ihrer Kirche Fortschritt, Wachs⸗
tum und Gedeihen wünschen, passieren, daß sie nun anfangen,
in solchem Fortschritt und Wachstum die eigentliche Herrlich—
keit ihrer Kirche zu sehen. Wenn es allenthalben blüht und
wächst, die Missionen sich ausbreiten, die Anstalten sich mehren,
dann meint man, hierin bestehe der Glanz und Ruhm einer
Gemeinschaft von Christen. Und das sind doch Gedanken, die
nicht aus dem Geist, sondern aus dem Fleisch stammen. Gewiß,
wer das treulutherische Zion liebt, der kann nicht anders als
jubeln und frohlocken, wenn er nun sieht, wie sich das Werk
so wunderbar ausbreitet, wie sich große Scharen herzudrängen,
um vom Born des reinen Lebenswassers zu trinken, wie in alle
Lande der Schall des ewigen Evangeliums von der Gnade
Gottes in Christo JIEsu ausgeht. Aber halten wir nur dieses
fest im Auge: solche Ausbreitung unserer Kirche darf uns nur
dann freuen, wenn es eben das reine, unverfälschte Evangelium
ist, das unsere Boten in die Welt hinaustragen, wenn es wirk⸗
lich Siege des Evangeliums sind, die hier errungen werden.
Vor Menschen allerdings glänzen alle diejenigen Kirchen,
die rasch zu größter äußerer Blüte gelangen. Vor Menschen
steht ihres großen Wachstums halber jetzt auch unsere Synode
da als ein Kirchenkörper, vor dem man Achtung hat. Das
sagen sie uns auch zuweilen. Und das besticht uns leicht.
Das läßt uns leicht übersehen, daß die christliche Kirche ihre
Herrlichkeit, ihren Ruhm nirgends anders suchen darf
als in der Treue im Bekenntnis, in der Liebe zur Wahrheit
des göttlichen Wortes. An der Gemeinde zu Ephesus lobte
der erhöhte Heiland ihre Werke, ihre Arbeit, ihre Geduld, und
daß sie die Bösen nicht duldete; es war das offenbar eine
rührig tätige Gemeinde; aber „das habe ich wider dich“, spricht
er, „daß du die erste Liebe verlässest“. Wo wir an der ersten
Liebe festhalten, an der Liebe zur Wahrheit und echt evange⸗
lischen Praxis, da wissen wir, daß das Wohlgefallen unsers
SErrn auf uns ruht, sei der Fortschritt im Außerlichen, Irdi⸗
schen, auch das Wachstum in der Gliederzahl groß oder
gering. Nur wenn unsere Kirche wie bisher unverbrüchlich
festhält an dem Allein⸗aus⸗Gnaden, an der lauteren Verkün⸗
digung des Evangeliums, und also des Wortes Offenb. 2, 25
eingedenk bleibt: „Was ihr habt, das haltet, bis ich
komme“, darf sie sich der Verheißungen trösten, die Gottes Wort
den rechten Jüngern JEsu vorhält. Dann wird ihr auch die
unserm Erlöser so liebwerte Gestalt, die Kreuzesgestalt, er⸗
halten bleiben. Dann wird sie auch fortfahren, gerne Schmach
zu leiden um JEsu willen.

Zwar, das wußten schon die ersten Jünger, daß sie um
ihrer Lehre willen Verfolgung erleiden müßten. Und doch
hatten sie Gedanken von einem Gottesreich, das auch vor der
Welt groß und prächtig dastehen sollte. Wie war das möglich?
Wie konnten die Jünger erwarten, von jedermann gehaßt zu
werden, und doch von einer Aufrichtung des Reiches Israels,
als eines großen Messiasreiches, in dem sie auch allerlei Ehren⸗
posten zur Rechten und Linken ihres HErrn bekleiden würden,
reden? Das kam daher, daß sie eben zeitweilig aus dem Auge

verloren, worin die Herrlichkeit der Christen nach dem Willen .
ihres HErrn bestehen sollte. Und wer wollte sagen, daß in
diesem Stück unser Stand ein leichterer ist, daß wir weniger
Grund haben als die ersten Jünger, uns vor der Sucht, auch
vor der Welt als Kirche groß dastehen zu wollen, zu hüten?
Wiederum ist es hier gerade die Liebe zur Kirche,
die sich vor Abwegen warnen lassen muß. Es kann nicht aus⸗
bleiben, daß, wie unsere lutherische Kirche an Reichtum und
Gliederzahl und folglich an Ansehen bei der ungläubigen Welt 1
wächst, immer mehr Leute aus unsern Kreisen zu hohen politi⸗
schen Amtern gewählt werden. Lutheraner sitzen im Stadtrat,
in der Legislatur, werden zu Stadtmayoren, wohl gar zu
Gouverneuren und Kongreßleuten gewählt. Da sagt man sich: *
Der Herr Soundso ist wirklich „'rein gekommen“, und mit
solcher Majorität! Das ist doch eine Ehre für unsere
Kirche oder Synode usw! Ganz falsch. Wenn alle Amter im
ganzen Lande mit Lutheranern besetzt wären, so wäre das noch
keine „Ehre“ für die Kirche; denn die Kirche, um das noch .
einmal zu sagen, hat nach keinem andern Ruhm zu streben,
als daß sie treu gewesen ist in dem, was ihr vertraut ist,
in der Wahrheit. Allerdings, richtet ein lutherischer Beamter 4
seinen Dienst furchtlos, unparteiisch aus, beweist er seinen christ.
lichen Glauben in der gewissenhaften Führung seines Amtes, E
so urteilen wir in einem solchen Falle bereitwilligst: Der Mann
hat Ehre eingelegt für unsere Kirche! Warum? Weil er in
seinem Amtsleben sich als Christ bewiesen hat. Dasselbe
gilt vom Geschäftsleben, von den Professionen, vom höheren
Schulwesen. Man liest manchmal in lutherischen Zeitschriften
Aussprachen, die den Eindruck erwecken, als sei das zur Herr⸗
lichkeit der lutherischen Kirche zu rechnen, daß unter den be⸗
deutenden Finanzleuten, den großen Arzten und Advokaten,
auch unter den Gelehrten, den Forschern, den Universitäts⸗
professoren, eine wachsende Anzahl von Lutheranern sich be.
finden. Da gilt wiederum: Benutzen diese Leute die ihnen
gebotene Gelegenheit, um für die Wahrheit des alten Evan⸗
geliums und gegen die Zeitsünden, gegen die Gewissenlosig⸗
keit moderner Geschäftsführung, Zeugnis abzulegen, so dürfen
wir uns mit Recht freuen, daß Lutheraner in solche Stellungen
kommen. Tun sie das nicht, verleugnen sie ihr Christentum,
machen sie Zugeständnisse an die tolle Wissenschaft, nehmen sie
teil an den Vergnügungen der unbekehrten Welt, sind sie zu
Namenchristen geworden, die äußerlich sich schon ganz der Welt—
gleichstellen, so sind diese Leute trotz, nein gerade wegen ihrer!
hohen Stellung ein Argernis für die Christenheit und sollten
hinausgetan werden, wenn sie fruchtlos ermahnt worden sind.
O wie wohl tun unserm Fleische solche Aussprüche wie:
Unsere Kirche muß doch etwas gelten vor der Welt! Sie muß
ihren Einfluß zur Geltung bringen, muß die Stellung im Volks⸗
leben einnehmen, die ihr gebührt! Man mag damit wohl daf
Rechte meinen. Man mag nur sagen wollen, wir wollen unser
Licht, nämlich das reine Evangelium, nicht unter einen Scheffe
stellen; wir wollen jedermann Gelegenheit geben, die selig.
machende Lehre des Wortes Gottes kennen zu lernen; wit
wollen auch die falschen Vorstellungen, die man über unsere
Kirche hat, aus dem Weg räumen und uns so eine Bahn in—
Kreise machen, die uns noch unzugänglich sind, damit das Wort
Gottes dann seine Wirkung an den Herzen tun kann. Mit
solchen Gedanken wird sich jeder Lutheraner gerne be⸗
freunden. Aber wie leicht fließen ganz andere Gedanken unter,

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