Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 5 › Seite 84

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 2. März 1915, Seite 84

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8 Der I utheraned

Eine amerikanisch⸗katholische Partei? „Benötigen wir eine
Zentrumspartei in diesem Lande?“ Diese Frage legte am
11. Februar 1915 der „Katholische Glaubensbote“ seinen Lesern
vor. Was heißt das — Zentrumspartei? Die Zentrumspartei
ist die katholische Partei im deutschen Reichstag. Der
genannte Artikel bejaht die gestellte Frage. Mit andern Worten,
wir haben hier eine Aufforderung an die katholischen Wähler, sich
jetzt offen zu zeigen als eine politische Partei mit eigenem Pro⸗
gramm, eigenen Kandidaten, eigenen Vertretern im Kongreß usw.
Es wird in dem genannten Artikel erst betont, daß die Katholiken
enttäuscht seien in ihrer Meinung, sie hätten „ihre Kirche
in einem Rosengarten gebaut“. Sodann wird betont, daß die
amerikanische Konstitution vom Volke gemacht sei, also auch vom
Volk wieder verworfen und durch eine neue ersetzt werden könne.
Dann werden die Feinde der Konstitution genannt: der Atheis⸗
mus, der Sozialismus, der Protestantismus und andere.
Dann wird auf eine Vorlage in der Staatslegislatur von Mis⸗
souri hingewiesen, die eine staatliche Inspektion katholischer Klöster
und Besserungsanstalten fordert, sowie auf die Bewegung, die den
(katholischen) Indianerschulen staatliche Unterstützung entziehen
will. Auch die bestehenden Ehescheidungsgesetze werden ange⸗
griffen, und dann, nach einer weiteren Bezugnahme auf den
Sozialismus, wird die Frage gestellt: „Was haben wir getan,
um all diesen verhängnisdräuenden Einflüssen entgegenzusteuern?
Individuell und auch auf halb organisiertem Wege haben wir
uns gegen diese Machenschaften gewehrt; ein nationales Pro⸗
gramm haben wir nie aufgestellt oder auch nur die Stärke unserer
nationalen Kraft gezeigt.“ Man beachte, unter diesen „verhäng⸗
nisdräuenden Einflüssen“ und „Machenschaften“ wird auch der
Protestantismus (der ja die lutherische Kirche in sich schließt) ge⸗
nannt. Gegen diese „Einflüsse“ solle die katholische Kirche jetzt
ihre „nationale Kraft“ beweisen. Und zwar solle man sich nicht
mehr mit „den Brocken, die von der Administration gefallen“,
zufrieden geben. Man solle sich auch nicht mehr „mit Versprechen
von Politikern“ abspeisen lassen; das sei schon zu lange geschehen.
Dann wird gefragt: „Sollten sich Katholiken in den jetzigen direk⸗
ten Legislaturwahlen bemerkbar machen? Wäre es bald Zeit für
eine amerikanische Zentrumspartei?“ Im ameri⸗
kanischen Kongreß seien schon die Arbeiterunions durch eine
Gruppe vertreten — „sollten wir nicht ihrem Beispiele folgen?“
Dann wird schon probeweise ein Programm aufgestellt, das mög⸗
lichst unschuldig klingt (Loyalität gegenüber amerikanischen In⸗
stitutionen, religiöse Toleranz, Bildung, Moralität usw.), und der
Artikel schließt mit den Worten: „Das deutsche Zentrum möge
uns als helleuchtendes Beispiel dienen! Fiat! [Es geschehel]“

Die protestantische Presse sollte diesem Vorschlag, der von dem
wöchentlichen Preßdienst der katholischen Social Service Com-
mission ausgeht, möglichst weite Verbreitung angedeihen lassen.
Vielleicht geht da manch einem ein Licht auf über die politischen
Machenschaften Roms in unserm Lande. Allerdings wird die
römische Klerisei trotz dieser öffentlichen Aufforderung zur Bil⸗
dung einer katholischen Partei mit eigener Plattform und eige—
nem Wahlticket frisch weiterlügen, sie sei nicht in der Politik.
Die Bezugnahme auf die deutsche Zentrumspartei darf uns jedoch
Veranlassung sein, noch einmal das Urteil Bismarcks über diese
Partei anzuführen. Bismarck bezeichnete die Gründung dieser
Partei als eine „Rüstung gegen den Staat“ und sah in ihr einen
Versuch, „aus den Katholiken im Staat einen gesonderten Staat
zu machen“. Ihr Einfluß wirke überall dahin, „die Autorität
der Regierung zu untergraben“. Und die Tätigkeit dieser Partei
nennt das katholische Preßkomitee ein „helleuchtendes Beispiel“!

G.

Einen Anlauf gegen die Freiheit der Presse, die unserm

Lande in seiner Verfassung garantiert ist, haben die Römischen

in letzter Zeit unternommen. Im Kongreß liegen zwei Vorlagen
(bills), die den Zweck haben, alle Zeitschriften zu unterdrücken,
in denen die katholische Kirche angegriffen wird. Zwar hat man
es vor allem auf Blätter wie die MNenace abgesehen; doch sind
diese Vorlagen in ihrem Wortlaut so gehalten, daß auch kirchliche 1
Zeitschriften, die das Treiben der Römischen und die römische
Lehre angreifen, von dem Generalpostmeister unterdrückt werden
können. Es heißt da wörtlich, daß alle Publikationen, die eine
„reflection on any form of religious worship practised or held
sacred by any eitizens of the United States“ enthalten, durch
einen Erlaß des Generalpostmeisters von der Post ausgeschlossen
werden sollten. Hinter diesen Vorlagen stehen die römische Kleri—
sei und die römische Presse, die im November letzten Jahres die
römischen Bürger aufforderten, am 8. Dezember unsere Regierung
mit Petitionen zugunsten dieser Vorlagen zu bestürmen. Die
Vorlagen tragen die Nummern H. R. 20644 und 20780.
jeder erkennt, daß durch Annahme dieser Vorlagen nicht nur dem
politischen Treiben der Papstkirche hierzulande Vorschub geleistet,
sondern auch jedem Zeugnis unserer lutherischen Presse gegen die
Irrlehren und Bräuche des Papsttums ein wirksamer Riegel vor⸗
geschoben würde. Wem die Freiheit der Presse, die ein Bollwerk
der bürgerlichen und religiösen Freiheit unsers Landes ist, etwas
gilt, sollte unverzüglich bei unserer Regierung durch einen Protest
gegen die genannten Vorlagen vorstellig werden. Es genügt,
wenn man etwa schreibt: „Believing in the freedom of the press,
and having learned that certain bills now awaiting enactment
by Congress, viz., H. R. 20644 and H. R. 20780, are, in effeet
and intent, an abridgment of said freedom of the press, I, a
citizen of the state of —, protest against this un-American
movement and against the enactment of said bills into law.“
Solche Proteste sollten an die Kongreßleute, an den Postmaster-
General A. S. Burleson sowie an Präsident Woodrow Wilson
gerichtet werden. Vertreter der katholischen Klerisei sind schon
vor dem Hauskomitee, das diese Vorlagen einzuberichten hat, er⸗
schienen und haben darauf gedrungen, daß sie zum Gesetz erhoben
werden. G.

Der berühmte schottische Missionar Dan Crawford, der so
viele Jahre mit großem Erfolg im tiefsten Innern Afrikas gewirkt 3
hat und voriges Jahr eine Besuchsreise in Amerika machte, hielt
auf seiner Rückreise nach Afrika in den Fidschi-Inseln an. In
einem Brief an ein englisches Blatt erzählt er, daß er dort am
Abend in der Kirche der eingebornen Christen gepredigt habe, und
die Brüder im geheimen geplant hätten, zur Schiffslandung zu
gehen und ihm dort ein Lied zum Abschied zu singen. Sie führten
ihre Absicht aus, und während Missionar Cratpford mit den andern
Passagieren auf dem Verdeck des Schiffes stand, sangen die ein⸗—
gebornen Christen am Ufer: „Gott mit dir, bis wir uns wieder⸗
sehn!“ Da kam eine Bande betrunkener junger Engländer herbei 1
und versuchte den Gesang der Fidschichristen zu stören und zu
übertönen durch wüstes Geschrei und Singen gottloser Lieder.
Wieder ein Beispiel dafür, wie die Weißen in den Heidenländern
oft furchtbares Argernis geben und dem Sieg des Evangeliums
die größten Hindernisse bereiten. (Wbl.)

Moltkes Frömmigkeit.

In Moltkes Neuem Testament, das, ursprünglich von seiner
Gattin benutzt, seit deren Tode stets auf seinem Arbeitstisch lag.
finden sich auf dem Blatt vor dem Titel von Moltkes Hand ein⸗
getragen die Worte: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“, ö
2 Kor. 12, 9, und: „Ich, wenn ich erhöhet werde von der Erde,
will ich sie alle zu mir ziehen“, Joh. 12, 32; ferner Apost. 10,
34. 35; Matth. 7, 21.

Ein

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