Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 63, Nummer 4 › Seite 53

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 12. Februar 1907, Seite 53

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Lutheraner 1 · Gemeindeſchule

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WNer Tutheraner 50

beseitigt die Grundwahrheiten des Christentums. Und die
allermeisten Kandidaten, die hier ins Amt kommen, sind von
seinen Irrlehren angesteckt und bringen die Pestseuche des
Ritschlianismus) auf alle mögliche Weise ins Volk. In offen⸗
barer und in versteckter Weise werden den Leuten die Irrlehren
eingeimpft, daß die Bibel nicht Gottes irrtumsloses, unfehl⸗
bares Wort, IEsus Christus nicht der Sohn Gottes, wesens⸗
gleich dem Vater sei, und Christi stellvertretendes und genug⸗
tuendes Opferleiden wird zu einem bloßen Märtyrerleiden
gemacht, dem die Christen nachleben sollen. Vor einiger Zeit
durfte Hauptpastor D. Rade aus Hamburg hier in Flensburg
einen öffentlichen Vortrag halten, in dem er Christum als
einen Sohn Gottes hinzustellen suchte, wie wir Christen alle
Gottes Kinder sind. Dieser Vortrag, der in einer Zeitung zum
Abdruck gelangte, blieb in der Offentlichkeit unwidersprochen;
nur ein Laie und der Schreiber dieses wandten sich dagegen.
Die krassen gotteslästerlichen Auslassungen landeskirchlicher
Pastoren häufen sich in dem Maße, daß vor nicht langer Zeit
das „Schleswig⸗Holsteinsche Kirchen⸗ und Schulblatt“, das
Organ der sogenannten Positiven, angesichts der Lehrzuchtsfälle
fragte: „Wo anfangen? wo aufhören?“ und am Schlusse
ausrief: „Es gibt eine heilige Resignation.“ Statt das Volk
aus der Heiligen Schrift zu belehren über die Pflicht der Sepa⸗
ration oder Trennung von der verderbten Landeskirche, heißt
man die Christen schweigen und in der Gemeinschaft der fal⸗
schen Propheten verharren. Und welchen Erfolg hat das Um⸗
sichgreifen der falschen Lehre in Schleswig-Holstein? Nun, es
geht genau so, wie die Schrift im 12. Psalm vorausgesagt hat:
„Es wird allenthalben voll Gottloser, wo solche lose Leute unter
den Menschen herrschen.“

Natürlich ist unser Werk dem Satan verhaßt und seinen
Schuppen, den Irrlehrern, ein Dorn im Auge. Da aber dem
lutherischen Bekenntnis, auf dem wir stehen, nicht beizukommen
ist, begegnet man uns mit Hohn und Spott. Der hervor—
ragendste Kanzelredner in Flensburg, unter dessen Kanzel sich
die feine Welt versammelt, bezeichnete kürzlich einem meiner
Vorsteher gegenüber unsere Gemeinde als „P. Knippenbergs
Sekte der lebendigen Christen“. Ach, wie manche Seele, die
uns gern hört und der reinen Lehre im Herzen zugetan ist,
mag durch die Verachtung der Landeskirche, unter der wir
stehen, abgehalten werden, sich offen zu uns zu bekennen!

Lollten wir nun unsere Aufgabe ganz und voll erfassen
und uns als ein Salz erweisen, so müßten wir an den ver⸗
schiedenen Predigtplätzen ein einigermaßen würdiges Lokal

schaffen, das ein jeder gern und ungeniert aufsuchen mag. Dies
erkannten wir gar bald. In Hohenwestedt bauten wir eine
kleine Kapelle. Für die freundliche Beihilfe, die uns aus der
Missourisynode u teil geworden ist, danken wir hiermit herzlich.
Gott wolle allen frenndlichen Gebern ein reicher Helfer sein!
Leider war sie jedoch nicht hinreichend, die Schuld wesentlich
zu tilgen. Und unsere Gemeinde steht vor einer ernsten Prü⸗
fung, da eine Familie, die eine Hauptstütze der freikirchlichen
Sache war, nach KHanada auszuwandern und sich dort einer
missourischen Gemeinde anzuschließen beabsichtigt. In Flens—
burg hat uns der teure Grund und Boden bisher vom Bauen
abgehalten, wiewohl uns gerade hier ein Kirchlein gar not täte.

1) Damit ist die schrift⸗- und bekenntniswidrige Theologie des verstor⸗
benen Professors Ritschl in Göttingen gemeint, der die Grundwahrheiten
des Christentums leugnete.

Unser Saal, für den wir hohe Miete zahlen, stößt an einen
Hinterhof, wo wir vor Störungen nicht sicher sind. Ein langer,
schmaler, dunkler Gang führt uns hin, nachdem wir am Eingang
rechts einen Fleischerladen, links eine „Beerdigungsanstalt“
passiert haben. Daß Leute, die auf ein würdiges kirchliches
Rußeres halten, uns da nicht leicht aufsuchen, liegt auf der
Hand; und der Deutsche gibt etwas auf das Außere. Der
Kirchsaal in Hadersleben lag ganz abseits und war schwer zu⸗
gänglich, verschlang aber trotzdem eine beträchtliche Miete. Da
wagten wir es im Vertrauen auf den reichen Gott, ein ein⸗
faches, schmuckloses Kirchlein zu bauen, und hatten auch hier,
wie in Hohenwestedt, die Freude, manchen im Gottesdienst zu
sehen, der sonst das Zeugnis der lauteren Wahrheit nicht gehört
haben würde. So kommt die lutherische Lehre immer wieder
unter die Leute, und Gottes Wort rumort. Und da uns unser
lieber HErr und Heiland verheißen hat, daß sein Wort nicht
leer zurückkommen soll, hoffen wir feft und gewiß, daß es auch
ferner, wie bisher, manchem ein Geruch des Lebens zum Leben
sein werde.

Freilich, die Kirchbauschuld lastet schwer auf uns und
drückt uns sehr. Obwohl die Glieder reichlich geben, schloß
unsere Gemeinde im Jahre 1905 doch mit einem Defizit ab;
und die Synode sah sich genötigt, uns künftighin einen Zuschuß
zu gewähren.

So richten wir denn zum Schluß die herzliche und drin⸗
gende Bitte an alle unsere teuren Glaubensbrüder in Amerika,
die kleinen lutherischen Gemeinden in Schleswig⸗Holftein in
ihre Fürbitte einzuschließen und auch mit ihren Gaben zu
helfen, daß das Gotteshaus in Hadersleben unser werde und
bleibe. Wir sind wahrlich zerstreute Häuflein armer, bedrängter
Lutheraner. Greift uns mit einer Kollekte für den Kirchbau
in Hadersleben unter die Arme, damit sie nicht laß werden und
im Kampfe erlahmen, sondern danüt wir weiterhin durch die
Predigt von dem Gekreuzigten helfen können, allhier die lieben
Auserwählten zu sammeln. Könnt ihr außerdem für Hohen⸗
westedt noch etwas tun, so wollen wir doppelt dankbar sein.
Gott der HErr aber, der verheißen hat, selbst einen Becher kal⸗
ten Wafsers, den Seinen gereicht, nicht unbelohnt zu lassen,
vergelte euch eure Liebe reichlich in Zeit und Ewigkeit!

K. Knippenberg, P.

Flensburg, Mathildenstraße 811.

Der Unterzeichnete befürwortet vorstehende Bitte, indem
er bestätigt, daß der Abfall in der schleswig⸗-holsteinschen Lan⸗
deskirche besonders groß, unsere Arbeit dort also auch beson⸗
ders nötig ist, und bemerkt, daß unsere letzte Synode gerade
die verzinsliche Kirchbauschuld in Hadersleben und Hohenwe—
stedt möglichst bald zu beseitigen für nötig erklärte, damit die
Gemeinden selbständiger werden in Erhaltung des Pfarramtes.

Niederplanitz i. S. O. Willkomm, Präses.

Ermunterung zur Berufung von Gemeindeschullehrern.

Es werden uns dieses Jahr, will's Gott, etwa 70 Kandi⸗
daten des Schulamts zur Verfügung stehen, da nicht nur die
erste Klasse in unserm Seminar zu Addison wohlgefüllt ist,
sondern auch unser neues Lehrerseminar zu Seward,‚ Nebr.,
dieses Jahr seine ersten Kandidaten ins Feld stellen wird. Wir

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