Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 63, Nummer 23 › Seite 354

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 5. November 1907, Seite 354

353 354 355 356 357 358 359 360 361 362 363

Scan: Internet Archive item DerLutheraner63_partial. Selected pages only: not every page of this year is held.

⤓ Download page image (full resolution)

German transcription machine transcription, uncorrected

Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Kirchenzucht · Lehranſtalt 5 · Lehranſtalt. ö

⤓ Download .txt · copy text

ten als christliche Lehre vorgetragen. Die meisten in der äuße⸗
ren Christenheit meinen, daß neben Christi Verdienst auch noch
menschliche Werke zur Erlangung der Gnade Gottes und der
Seligkeit nötig seien; andere gehen so weit, daß sie behaupten,
Christi Verdienst, das heißt, die stellvertretende Genugtunng
des menschgewordenen Sohnes Gottes, sei überhaupt nicht nötig
zum Seligwerden; Gott vergebe Sünde ohne Christi Blut und
Gerechtigkeit. Alle diese menschlichen Ansichten gelten uns gar
nichts. Wir lehren über die Notwendigkeit der Erlösung, über
die Person des Erlösers, über das Werk der Erlösung und über
die Aneignung der Erlösung, was Gott selbst darüber in seinem
Wort lehrt, nämlich: Gott vergibt Sünde allein um Christi
vollkommenen Verdienstes willen, ohne Rücksicht auf mensch⸗
liche Würdigkeit und Werke, durch das Evangelium, das von
den Menschen geglaubt werden soll. — Sogar über die Hei⸗
lige Schrift streitet man innerhalb der Christenheit, näm⸗
lich ob sie Gottes unfehlbares Wort sei oder nicht. Im Lichte
der menschlichen Wissenschaft, so behauptet man sonderlich zu
unserer Zeit, könne man die Heilige Schrift nicht für Gottes
unfehlbares Wort halten. Wir lehren hier nicht, was Men⸗
schen von der Schrift halten, sondern was Gott selbst
von der Schrift hält, was die Schrift von sich selbst sagt,
nämlich: „Alle Schrift von Gott eingegeben“ und: „Die
Schrift kann nicht gebrochen werden.“ Das ist die Lehre von
der Schrift, die hier in unserer Anstalt als christliche Lehre vor⸗
getragen wird. Kurz, christliche Lehre ist uns die göttliche
Lehre, doctrina divina, „göttlich“ nicht bloß in dem Sinne,
daß sie von Gott handelt, sondern „göttlich“ in dem Sinne,
daß es Gottes eigene Lehre im Unterschiede von menschlichen
Ansichten ist. Wie Luther von der christlichen Lehre zu sagen
pflegt: „Die Lehre ist nicht unser, sondern Gottes ist sie,
der uns nur zu Knechten und Dienern darüber berufen hat.“

Ich weiß sehr wohl, daß diese Rede vielen in der heutigen
Christenheit befremdlich klingt. Aber es kommt dies da⸗
her, daß vielen in der heutigen Christenheit Dinge fremd ge⸗
worden sind, die jedem Christen selbstverständlich sein sollten.
Die christliche Kirche ist ja nicht eines Menschen Haus, sondern
Gottes Haus. Daher sollen — das ist Gottes geoffenbarter
Wille — in der christlichen Kirche auch nicht die Lehren und An⸗
schauungen von Menschen, mögen sie Papst, Bischöfe, Theologen,
Kaiser oder Könige heißen, sondern allein Christi, des Haus⸗
herrn, Wort als Lehre gelten. So schreibt der Apostel Petrus
von der Lehre, die in der christlichen Kirche Rechtens ist: „So

jemand redet“ — nämlich in der christlichen Kirche —,

„daß er's rede als Gottes Wort.“ Von den fal⸗

schen Propheten sagt Jeremias (Kap. 23, 16): „Siepre⸗

digen ihres Herzens Gesicht“, das heißt, ihre eige⸗
nen Gedanken und Anschauungen, „und nicht aus des
HErrn Munde.“ „Aus des SErrn Munde“ — das wird
durch Gottes Gnade unsere Losung in unserer Lehranstalt blei⸗
ben, und wenn aller Menschen Mund sich wider uns auftun
sollte. Wenn wir den Charakter unserer Lehranstalt in einer
äußeren Aufschrift über dem Eingangstor unserer Anstalt zum
Ausdruck bringen wollten, so würde sie etwa lauten: „Hier
wird nicht spekuliert, sondern Gottes Wort gelehrt.“

Man wendet ein, daß wir bei dieser Stellung zwei Dinge
miteinander verwechseln: das Lehren auf einer theologischen
Hochschule und das Predigen in einer Kirche. Man will allen⸗
falls noch zugeben, daß zwar der Pastor auf der Kanzel bei der

Lehre, die er dem Volke vorträgt, noch an die Heilige Schri⸗ ö

sol
als Quelle, aus der er die Lehre schöpft, gebunden sei, aber dad bt
theologische Professor müsse einen Schritt weiter gehen. AE als
müsse die christliche Lehre zu einem wiffenschaftlichen Ganzen
gestalten, den Glauben zum Wissen erheben und daher nich Di
direkt aus der Heiligen Schrift, sondern aus seinem eigen Ei
Bewußtsein lehren. Aber das ist ein großer Irrtum. Erstlit del
lautet die Regel: „So jemand redet, daß er's rede als Go de!
Wort“ ganz allgemein und hat auch für den theologischen Pro⸗ lid
fessor Geltung. Auch der theologische Professor hat nicht da Gi
Recht, seine menschlichen Ansichten als christliche Lehre vorzu⸗ nã
tragen, sondern er ist, wie jeder Christ und jeder Pastor, an Wé
Gottes Wort gebunden. Luther berichtet, daß ihm beim Lesen, da
Studieren und Schreiben mancherlei in bezug auf die christliche da
Lehre eingefallen sei, daß er sich aber alles wieder habe aus bi!
fallen lassen, sobald er gemerkt habe, daß es nicht Gottes so
Wort sei. Sodann: Auch der theologische Professor weiß über wi
Inhalt und Zusammenhang der christlichen Lehre kein Jon ue
mehr, als in Gottes Wort geoffenbart vorliegt. Es ist einek di
große Selbsttäuschung, wenn er meint, daß er mit seinet, W
Erkenntnis der christlichen Lehre über Gottes Offen⸗ ve
barung im Wort der Schrift auch nur um eine Linie hinaus⸗ di
komme. Zreilich, der theologische Lehrer hat Kenntnisse und 11
Fertigkeiten: Sprachkenntnisse, geschichtliche Kenntnisse, auc 10
wohl philosophische Kenntnisse, die die Christen insgemein nichtl R
haben. Aber mit allen diesen Kenntnissen und Fertigkeiten
wächst er nicht über Gottes Wort hinaus. Vielmehr dienen ch
alle diefe Kenntnisse, recht verwendet, nur der Aufnahme, der u
Auffassung des geoffenbarten Wortes Gottes und somit dem 1
Glauben an Gottes Wort und dem Lehren aus Gottes Wort. se
Luther sagt daher mit Recht, in der Theologie gelte weder d
Tippen noch Tappen, sondern Anfang, Mitte und Ende der
Theologie sei, Gottes Wort glauben. ö
Ich höre den weiteren Einwurf: Aber wo ist Gottes I
Wort? Wo ist Gottes Wort sicher zu finden? Du nimmff U
als selbstverständlich an, daß man hier in der Welt irgendwe) h
sicher Gottes Wort finden und deshalb auch glauben und lehren
könne. Das ist aklerdings ganz unsere Stellung. Das is

0
aber auch die Stellung Christi. Wenn Christus spricht. L
„So ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr meinek x
rechten Jünger und werdet die Wahrheit erkennen“, so setzt erl ¶
selbstverständlich voraus und hat er selbstverständlich dafür.
gesorgt, daß seine Kirche seine Rede habe und wisse, wo seine
Rede, sein Wort, zu finden sei. Wenn man zu unserer Zeit 1
mitten in der Christenheit darüber im Ungewissen ist, so komm
es daher, daß man die Augen nicht an den rechten Ort wendet,
den Wald vor den Bäumen nicht sieht. Wohin müssen wir
blicken? Gottes Wort, bei dem Christus uns bleiben heißt,
haben wir weder im Herzensschrein des Papstes, noch im Ir⸗
nern der Schwärmer noch in den Köpfen oder dem sogenannten

christlichen Bewußtsein der Theologen zu suchen, sondern in daß

Heiligen Schrift. Die Heilige Schrift ist Christi Wort, das er
durch seine Propheten und Apostel der Kirche gegeben hat.
Wie wir das wissen? Dafür wissen wir den geschicht,
lichen Beweis zu führen, der durch gewissenhafte menschlichl
Forschung auch der Neuzeit nicht erschüttert, sondern nur
stätigt wird. Aber vor allen Dingen: Wie das Licht der Sonm
sich selbst als Licht bezeugt, so bezeugt sich die Heilige Schrif
selbst als Gottes Wort. Und die Chriften tragen im Glaubn

*

English translation

Not yet translated.