Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 63, Nummer 23 › Seite 355
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 5. November 1907, Seite 355
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Kirchenzucht · Kirchenzucht 11 · Lehranſtalt 5 · Lehranſtalt. ö
S Der 2.WutßeraneES
355
solches Zeugnis bei sich. Wie ein Kind seines Vaters Stimme
erkennt, so erkennt der Christ das Wort der Heiligen Schrift
als seines Gottes Wort.
Aber wo bleibt da die menschliche Wissenschaft?
Die lassen wir da bleiben, wohin sie gehört, nämlich auf der
Erde, bei den Dingen, von denen sie noch etwas versteht, bei
den Dingen, die dieses Leben angehen. Davon aber, wie Sün⸗
der nach dem Sündenfall mit Gott versöhnt worden sind, näm⸗
lich durch das Blut und den Tod des menschgewordenen Sohnes
Gottes, und wie Sünder nun ihrerseits Gottes Gnade erlangen,
nämlich durch den Glauben an Christum, ohne alle eigenen
Werke, davon ist nie etwas in eines Menschen Herz gekommen,
das hat auch kein Oberster dieser Welt je erkannt, davon weiß
daher auch die menschliche Wissenschaft in ihrer höchsten Aus⸗
bildung rein nichts. Daher ist es auch nicht Wissenschaft,
sondern Unvernunft, wenn jemand die christliche Lehre irgend—
wie aus der menschlichen Wissenschaft schöpfen oder irgendwie
nach der menschlichen Vernunft richten will. Vielmehr ist es
die einzig wirklich wissenschaftliche Weise, das heißt, die einzige
Weise, welche der Sache entspricht und zu einer sicheren, zu—
verlässigen Erkenntnis der christlichen Lehre führt, wenn wir
die christliche Lehre lediglich aus der Heiligen Schrift schöpfen
und lediglich nach der Heiligen Schrift bemessen; wie der Hei⸗
land zu der Kirche sagt: „So ihr bleiben werdet an meiner
Rede, so werdet ihr die Wahrheit erkennen.“ Im
Bleiben an Christi Rede ist Erkenntnis, sichere Erkenntnis der
christlichen Wahrheit, im Weichen von Christi Rede ist Irrtum
und Zerfahrenheit, wie die moderne Theologie genugsam be⸗
weist. Wollen wir der Wahrheit gewiß und einig bleiben,
so müssen wir dabei bleiben, daß Christi Wort und nichts an⸗
deres unsere Rede sei gerade auch in unserer theologischen
Hochschule. ö
Aber wo bleibt da die Freiheit, die Freiheit der Theo⸗
logen und dann auch die Freiheit der Christen insgemein? Ich
weiß sehr wohl: Man redet heutzutage mitten in der Christen⸗
heit von unwürdiger „Buchstabenknechtschaft“ ꝛc., wenn wir ein⸗
schärfen, daß, wie alle Christen, so auch die theologischen Lehrer
an die Worte der Schrift gebunden seien. Aber welche Blind—
heit offenbart sich in diesem Einwurf! Gerade im Gebunden⸗
sein an Gottes Wort, im Bleiben an Christi Rede, ist Freiheit,
wie Christus selbst sagt: „So ihr bleiben werdet an meiner
Rede . . ., so werdet ihr die Wahrheit erkennen, und die
Wahrheit wird euch frei machen.“ Alle diejenigen
Nhingegen, welche menschlichem Meinen, menschlichen Ansichten
und Anschauungen bei der Festsetzung der christlichen Lehre noch
eine Stelle einränumen wollen, bleiben Menschenknechte,
Knechte ihrer eigenen ungewissen Meinung oder Knechte der
ungewissen Meinung anderer Menschen. Möge nie ein Theo—
log, der an unserer Anstalt lehrt, io unverständig werden, daß
er es für unwürdige Knechtschaft achtet, wenn er durch Gottes
Wort gebunden ist. Ich frage: Nennen wir das Knechtschaft,
wenn ein Kind Gottes in seinem Wandel sich streng nach Gottes
Geboten und nicht nach den eigenen Ansichten richtet? Nein,
sagen wir alle wie mit einem Munde: das ist nicht Knechtschaft,
sondern das ist die rechte Freiheit. Der Christ wandelt in
Gottes Geboten frei und fröhlich wie in einem Paradiese.
Ebensowenig aber ist das Knechtschaft, wenn in bezug auf die
christliche Lehre die Christen und gerade auch die Lehrer
der Christen sich genau an das Wort der Schrift halten und
weder davon- noch dazutun. Sie wandeln in dem Glauben,
der ein für allemal in der Schrift den Heiligen vorgegeben ist,
wie in einem Paradiese. Sie leben und bewegen sich darin
wie der Fisch im Wasser. Dagegen sind alle Christen und son—
derlich auch die Theologen außerhalb ihres Erkenntnis⸗ und
Lebenselements und in der Lage eines Fisches außerhalb des
Wassers, wenn sie ohne Gottes Wort über die Artikel der christ⸗
lichen Lehre auch nur nachdenken.
Aber nun zum Schluß: Wie kommt es bei uns
zu einer so willigen Unterwerfung unter Got⸗
tes Wort? Geehrte Väter und Brüder: dann, wenn der
Hanuptartikel derschristlichen Religion, der Artikel von der Recht⸗
fertigung, nicht bloß im Kopf, sondern im Herzen sitzt. Wenn
wir vor Gott im Staube liegen als arme Sünder, die keinerlei
eigene Würdigkeit vor Gott haben, sondern auf Gnade hoffen
nur um des Blutes Christi willen, dann verzichten wir auch auf
alle eigene Weisheit in bezug auf die christliche Lehre,
dann sprechen wir demütig zu Gott: „Rede, SErr, denn dein
Knecht höret!“ Selbstgerechtigkeit, Pelagianismus, Synergis⸗
mus ꝛc. hat stets zum Begleiter Verachtung der Autorität des
Wortes Gottes, offene und versteckte Leugnung der Inspiration
der Schrift, wie die Geschichte ausweist. Wem hingegen Christi
Verdienst die einzige Gerechtigkeit vor Gott ist, dem ist auch
Christi Rede die einzige Weisheit. Gott erhalte uns
das reine Evangelium, die biblische Lehre von der Rechtferti—
gung! Wo die Lehre im Herzen ist, da ist der Heilige Geist,
da ist Furcht vor Gottes Wort, da ist Liebe zur Wahrheit und
Gerechtigkeit und Haß gegen Irrtum, falsche Lehre und Un—
gerechtigkeit, da ist auch der rechte Mut zum Kampf, der nötig
ist, damit Gottes Wort in Lehre und Leben bei uns auf dem
Plan bleibe, kurz, da ist Wandel in der Wahrheit in Lehre
und Leben, und das Ende ist die ewige Seligkeit. Das walte
der dreieinige Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist, der eine
wahre Gott, hochgelobt in Ewigkeit! Amen.
Die rechte von Gott gebotene Kirchenzucht.
14.
ñachdem nun mit Gottes Hilfe das ganze Verfahren der
Kirchenzucht dargelegt worden ist, sollen zum Schluß in diesem
letzten Artikel noch einige Punkte zur Sprache kommen, die
zwar mehr nebensächlicher Art, aber doch durchaus nicht ohne
Wichtigkeit sind.
Wenn vor der Gemeinde ein Kirchenzuchtsfall liegt und
in der Versammlung behandelt werden soll, so ist es natürlich
sehr wünschenswert, daß die stimmberechtigten Glieder sich mög⸗
lichst zahlreich dazu einstellen. Alle sollten kommen, die es nur
irgend möglich machen können. Es ist daher gewißlich zu
empfehlen, daß der Pastor bei der Abkündigung der Versamm⸗
lung darauf aufmerksam mache, daß ein Kirchenzuchtsfall vor⸗
liegt, und daß er die Glieder dringend einlade, zu kommen und
nur durch wirkliche Not sich abhalten zu lassen. Und die stimm—
berechtigten Glieder sollten erkennen, daß Bannfälle von großer
Wichtigkeit sind, da es sich hier so ganz eigentlich um das Wohl
und Wehe, nicht sowohl um das zeitliche, sondern um das ewige
Wohl und Wehe eines Bruders handelt. Da sollte keiner ohne
Not fehlen, da sollte sich jeder einstellen und nicht etwa aus
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