Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 65, Nummer 22 › Seite 338
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 2. November 1909, Seite 338
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Lutheriſche Kirche · Miſſion 30 · Mitteldinge 6
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gleiche Freiheit für alle. Da es ihr charakteristisches Merkmal
ist, bei der Rede Christi zu bleiben, so fordert sie allerdings und
muß fordern, daß ihre Glieder bei der Rede Christi bleiben.
Da ist sie streng. Sonst würde sie aufhören, eine gottgefällige
Kirchengemeinschaft zu sein. In allen andern Dingen aber
herrscht Freiheit. Kein Mensch kann in der lutherischen Kirche
einem andern etwas zu tun auferlegen, was der Heiland ihm
nicht auferlegt. Kein Mensch kann in der lutherischen Kirche
einem andern etwas zu unterlassen gebieten, was Gott in sei⸗
nem Wort nicht zu unterlassen geboten hat. Jeder ist frei.
Und darin besteht die wahre Freiheit, frei sein zu tun, was
Gott gebietet, frei sein zu unterlassen, was Gott nicht gebietet.
In der lutherischen Kirche kann sich also einer nicht in den
Tempel Gottes setzen als ein Gott und vorgeben, er sei Gott,
und sich über andere die Herrschaft anmaßen, wie es der
römische Papst und Antichrist tut, weil Christi Rede lautet:
„Einer ist euer Meister, Christus; ihr aber seid alle Brüder.“
In der lutherischen Kirche kann man nicht dem Predigerstande
die Ehe verbieten, wie in der römischen Kirche, weil die Rede
des Apostels IEsu Christi lautet: „Haben wir nicht auch
Macht, eine Schwester zum Weibe mit umherzuführen, wie die
andern Aposteln und des HErrn Brüder und Kephas?“ In
der lutherischen Kirche kann man nicht unter allen Umständen
einem Gemahl die Scheidung untersagen, weil Christus sagt:
„Wer sich von seinem Weibe scheidet — es sei denn um der
Hurerei willen —, der bricht die Ehe.“ In der lutherischen
Kirche kann man nicht Dinge verbieten, die Christus frei ge—
lassen hat, weil etliche diese Freiheit zum Deckel der Bosheit
gemacht haben. — Das ist eine notwendige Folgerung. Ist
es das charakteristische Merkmal der lutherischen Kirche, bei der
Rede Christi zu bleiben, so muß sie das allerdings von ihren
Gliedern fordern, aber auch nicht mehr. Alles andere ist frei.
Diese Folgerung macht auch der Heiland in unserm Text. Er
sagt: „So ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr meine
rechten Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die
Wahrheit wird euch frei machen“, frei von allen Geboten, die
mehr fordern als das Bleiben bei der Rede Christi. Und wenn
das von allen einzelnen gilt, die bei der Rede Christi bleiben,
dann gilt das auch von einer ganzen Kirchengemeinschaft, die
bei der Rede Christi bleibt. Sie besitzt die wahre Freiheit.
Welch eine herrliche Folge in der gegenwärtigen Zeit, in der
man die Kirche knechtet mit allerhand Menschengeboten, ihr
aber Freiheit gewährt, wenn es gilt bei der Rede Christi bleiben.
So habe ich darzulegen versucht das charakteristische Merk⸗
mal der lutherischen Kirche. Wir haben gesehen, worin es
besteht: im Bleiben bei der Rede Christi. Wir haben auch
gesehen, welch herrliche Folgen sich daraus mit Notwendigkeit
ergeben. Sie besitzt die reine Lehre und erfreut sich der wahren
Freiheit. Daraus ergibt sich dann eine klare, runde Antwort
auf die Frage: Wer sind die Lutheraner? Es sind solche Leute,
die unverbrüchlich festhalten am Schriftwort. Es sind solche
Leute, die die reine Lehre infolgedessen voll und ganz besitzen.
Es sind solche Leute, die sich der wahren Freiheit durch Gottes
Gnade rühmen können.
Nun, HErr, erhalt dein heilig Wort,
Laß uns sein' Kraft empfinden,
Den Feinden steur' an allem Ort
Und laß es frei verkünden,
So wollen wir dir für und für
Von ganzem Herzen danken.
HErr, unser Hort, laß uns dein Wort
Festhalten und nicht wanken!
„Jom Kippur“ in der Jndeumission.
„Und der SErr wird zu der Zeit zum andernmal seine
Hand ausstrecken, daß er das übrige seines Volks erkriege.“
So hat Jesaias, Kap. 11, 11, von der Zeit des Neuen Testa⸗
ments geweissagt. Es würde die Zeit kommen, da die Heiden⸗
völker fragen würden nach der „Wurzel Isai, die da stehet zum
Panier den Völkern“, nach JIEsu, dem Heiland der Sünder.
Dann würde der HErr aber auch zum andernmal seine Hand
ausstrecken nach Israel, um das übrige seines Volks zu er—
kriegen, nachdem er schon in den Tagen seines Fleisches ihnen
seine rettende Hand geboten hatte.
Neulich hatte der Unterzeichnete die Freude, bei einer
solchen Gelegenheit zugegen zu sein, als der HErr seine Hand
nach Israel ausstreckte.
Es war am Abend des „Jom Kippur“, des großen Ver⸗
söhnungstages der Juden. An diesem Tage wenigsteus er⸗
wacht selbst bei dem in groben Materialismus versunkenen
Juden der Großstadt das religiöse Gefühl; an diesem Tage.
wenigstens ruht er von seinem rastlosen Jagen nach irdischem
Geld und Gut und bemüht sich, mit seinem Gott ins reine zu
kommen; an diesem Tage sind darum nicht nur die achtzig
Synagogen und Tempel der Juden in New York bis auf den
letzten Platz besetzt, sondern es werden noch Hunderte von Hallen
gemietet, um wenigstens einem Teil der vielen, vielen Juden in
New Nork Gelegenheit zu geben, ihr Fest zu feiern. Darum
hatte auch unser Missionar Friedmann die Gelegenheit wahr—
genonunen und an diesem Abend einen Gottesdienst angesagt.
Es war schon früh dunkel geworden, und ein kalter Herbst⸗
regen schlug auf das glatte Straßenpflaster nieder und trieb
die Menschen unter schützende Dächer, als wir dem Lokal der
Judenmission zueilten, das sich in einem früheren Laden im
oberen Ghetto (Judenviertel) der Riesenstadt New York be⸗
findet. Schon von außen sahen wir, wie die Schatten der An⸗
wesenden sich an den großen Schaufenstern abhoben, und hörten
die Stimme des Missionars, der seine Rede bereits begonnen
hatte.
Ein eigentümlicher Anblick bot sich uns beim Eintritt dar:
In einem engen Raum, kaum 25 Fuß im Geviert, saßen, stan⸗
den, lagen und hockten die Zuhörer, Männer, Frauen und
Kinder, nach Schätzung des Kafsierers der Judenmission, der
auch mit einem Freunde zugegen war, etwa 150 an der Zahl,
Kopf an Kopf gedrängt, so daß kaum Platz übrig blieb für
das Lesepult des Missionars und für Orgel und Klavier. Hier
waren Juden aus Rumänien, aus Galizien, aus Bulgarien,
aus Böhnten, aus Polen und andern Ländern. Einige lausch—
ten aufmerksam und scheinbar ergriffen den beredten Worten
des Missionars. Einige hatten hebräische Bibeln oder Testa—
mente und schlugen die angeführten Schriftstellen nach. Manche
saßen gleichgültig und teilnahmlos da. Einige behielten ihre
Hüte auf dem Kopf und blickten wie im Trotz vor sich hin. Noch
andere spöttelten leise oder lauter. Einer, der aussah, als ob
er den ganzen Tag in einer Schwitzbude zugebracht hätte, schlief
mit einem kleinen Kinde auf dem Arm. Man kam und ging
ohne Rücksicht darauf, ob man störte oder nicht.
Der Missionar freilich ließ sich nicht stören. Mit der auf—
geschlagenen hebräischen Bibel vor sich legte er den versammel⸗—
ten Israeliten den Rat Gottes zur Seligkeit dar, und zwar
in dem Dialekt, der hier mit dem Namen „Jiddisch“ bezeichnet
2„*
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