Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 65, Nummer 22 › Seite 346
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 2. November 1909, Seite 346
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5 2
3. Und ich sahe tinen Engel AIUrr
Sniegen mitten durch den s
Himmel, der hatte ein cwig 7
Evangelium, zu verkiündigen
deneu, die auf Erden sihen
und wohnen, und allen Hei⸗-
den, und Geschlechtern, und
Sprachen, und Völkern, und
sprach mit großer Stimme:
Lirchttt Goti, und gebet
ihm die Ehrt; denn die Zeit
seines Gerichis ist ommen,
und betel an den, der gemacht
hat Himmel, und Erde, und
Meer, und die Wasser⸗
brunnen. Ossb. Joh. 14, 6. 7.
HBZerausgegeben von der Deutschen Evangelisch⸗Lutherischen Synode von Missauri, Ohio u. a. Staaten.
Redigiert von dem Lehrerkollegium des theologischen Seminars in St. Louis.
65. Jahrgang.
St. Jouis, Mo., den 16. November 1909.
No. 23.
HErr, laß mich nicht!
Verwirf mich nicht in meinem Alter: verlaß
mich nicht, wenn ich schwach werde! Pi. 71, 9.
Es dunkelt schon um mich des Lebens Abend,
Die Nacht senkt ihre stillen Schatten nieder,
Des Tages Glanz, des Lebens Lust begrabend,
Mein Jugendglück und meine frohen Lieder;
Doch wacht mein Herz zu dir und deinem Licht:
HErr, laß mich nicht!
Wohl still und einsam ist's um mich geworden,
Einsam und still sind meine Lebenspfade;
Doch wie mit süßen, treuen Freundesworten
Spricht Trost mir zu, HErr, deine Huld und Gnade.
Wenn auch ein Herz mir nach dem andern bricht:
HErr, laß mich nicht!
Du warst mein Freund in frohen Jugendtagen,
Mein Fels in hohen, sturmbewegten Wellen,
Dein Arm hat mich gehoben und getragen,
So oft mein Lebensschifflein wollt' zerschellen;
Du bist auch meines Alters Zuversicht:
HErr, laß mich nicht!
Die Stunde kommt, da meine Augen brechen,
Der Leibeshütte letzte Stützen wanken,
Die bleichen Lippen kein Gebet mehr sprechen,
Weil wie ein Licht verlöschen die Gedanken;
Dann neig' zu mir dein gnädis Angesicht:
HErr, laß mich nicht!
Gedanken eines Alten.
Die Krisis naht.
O ja, das ist schnell gesagt. Und man sagt es mit einer
gewissen Ruhe. Ich und andere Alte wissen es ja, daß die
Krisis naht. Und wir wissen auch, was die Krisis ist und was
sie zu bedeuten hat. Es ist uns nichts Neues.
Aber die Krisis naht. Die Krisis, der Wendepunkt, die
große und ewige Entscheidung, ob es zum ewigen Leben oder
zum ewigen Tode geht, diese Krisis naht. Sie kann jeden
Augenblick eintreten. Sie kann nicht lange mehr ausbleiben.
Meine weißen Haare mahnen mich des. Die überlegung, wie
lange, lange es her ist, daß meine Mutter — meine liebe
Mutter! — mich ihren kleinen Liebling nannte und mir abends
nach dem Beten ein Kreuz auf die Stirne zeichnete, die mahnt
mich, daß auch mein Leben bald ein Ende haben muß. Auch
mein Leben, sage ich. Denn viele, viele Leben, die mit mir
und nach mir erblüht sind, haben schon ein Ende genommen —
auch manche mir sehr teure Leben. Ich und meinesgleichen
stehen wie einzelne und einsame und dürr werdende Bäume
mitten in einem neuen Wuchs.
Die Krisis naht. Jetzt lebe ich noch.
dung ist tatsächlich noch nicht eingetreten. Aber bald wird sie
eintreten. Bald werde ich entschlafen. Wie werde ich auf—
wachen? Werde ich wirklich und wahrhaftig so aufwachen, daß
mein Mund voll Lachens und meine Zunge voll Rühmens sein
wird, weil die heiligen Engel mich dann zu denen stellen, die
ihren Platz zur Rechten IEsu haben? Oder — nein, das ist
zu entsetzlich! Das mag ich nicht ausdenken, nicht ausschreiben.
Wie elend bin ich! Ich weiß, daß ich die volle und freudige
Gewißheit des ewigen Lebens haben soll im Glauben an das
Gnadenwort. Aber ich bin, ich bin ein elender Mensch. Mein
immer böses Fleisch will mir Angst, Furcht, Flucht und Ent⸗
setzen machen vor der Krisis.
Was soll ich tun? Ich will mich auf das Gnadenwort
besinnen: „Wer glaubt, der wird selig werden.“
Glaube ich? Glaube ich an IEsum Christum, der meine Ge⸗
rechtigkeit und mein Leben ist? Ich — glaube. Warum das
Zögern bei der Antwort? Es ist wieder das Fleisch. Das ist
ungläubig. Und dann, der Glaube soll sich doch durch seine
Früchte erweisen, nicht wahr? Und aus den Früchten will der
Richter den Glauben erweisen und richten beim Aufwachen.
Ich sehe an mir sehr wenig Früchte des Glaubens. Ich sehe
an mir sehr, über die Maßen viele Sünden, Sünden im Tun
des Bösen und, was vor Gott vielleicht noch schlimmer ist, im
Die ewige Entschei⸗
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