Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 65, Nummer 22 › Seite 344
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 2. November 1909, Seite 344
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Luther 4
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Unter die große Zahl evangelischer Märtyrer gehört auch
Leonhard Kaiser in Bayern, der am 11. Juli 1527 vom Bischof
zu Passau und vielen Prälaten zum Tod auf dem Scheiterhaufen
verdammt wurde; doch wurde dieses Bluturteil erst am 16. August
vollstreckt. Derjenige, welcher die ganze Handlung aufgezeichnet
hat, schreibt: „Was soll ich nur sagen und schreiben? Ich habe
bei keinem Menschen solchen Ernst und Inbrunst gesehen als bei
diesem Leonhard Kaiser. Auf dem Weg zum Richtplatz hob er
sein Angesicht empor, sein Mund redete so schnell lateinische Psal⸗
men, daß ein Wort das andere trieb, und das tat er durch die
ganze Stadt hinaus. Mit großer Inbrunst bat er für seine
Feinde und für alle, die ohne das rechte Licht und heilsame Er⸗
kenntnis lebten. An den Marterpfahl schon festgebunden, be⸗
gehrte er noch von dem umstehenden Volk, den Gesang Komm,
Heiliger Geist, HErre Gott“ anzustimmen. Nachdem das Feuer
brannte, rief er etliche Male laut: „IEsu ich bin dein; mache
mich selig!' und bald verschied er.“
Als er noch im Gefängnis schmachtete, richtete Luther ein
Trostschreiben an ihn. Er schrieb: „Dem würdigen und lieben
Bruder in Christo, dem treuen und lieben Diener und Gefangenen
Christi, Leonhard Kaiser, Gnade, Stärke und Friede in Christo!
Daß dein alter Mensch, lieber Herr Leonhard, gefangen, ist der
Wille und Beruf Christi, deines Heilandes, der sich auch für dich
und deine Sünde dargegeben hat in die Hände der Gottlosen, daß
er mit seinem Blute dich erlösete und zum Bruder und Miterben
des ewigen Lebens mache. Uns ist ja leid für dich, tun auch Fleiß
und bitten, daß du ledig werdest, nicht um deinetwillen allein,
sondern daß du vielen mögest nützlich sein, Gott zu Ehren, wo
es sein Wille ist. Ist's aber sein Wille im Himmel, daß du nicht
ledig werden sollst, so bist du doch frei und sicher im Geist.“
Luther schließt dieses Schreiben mit den Worten: „Also, mein
allerliebster Bruder, stärke dich in dem HErrn und sei getrost in
seiner mächtigen Kraft, auf daß du erkennest, tragest, liebest und
lobest aus gutwilligem Herzen den väterlichen Willen Gottes, du
werdest ledig oder nicht. Daß du aber solches vermögest zu Ehren
seines heiligen Evangeliums, das wolle in dir wirken der Vater
unsers HErrn IEsu Christi nach dem Reichtum seiner göttlichen
Gnade, der ein Vater ist aller Barmherzigkeit und ein Gott alles
Trostes. In dem wollest du dich wohl gehaben und auch für uns
bitten. Gegeben zu Wittenberg, am Montag nach Cantate, im
Jahr 1527.“
In einem Schriftchen hat Luther Leonhard Kaisers Leiden
im Gefängnis, sowie dessen seligen Märtyrertod beschrieben. Am
Schluß schreibt er: „Ich bitte gar freundlich alle frommen Chri⸗
sten, sie wollten Gott danken und loben durch JEsum Christum,
der uns solchen Trost gegeben durch diesen seinen Diener und
Märtyrer Leonhard. Ach, Err Gott, daß ich so würdig gewesen
wäre, oder noch sein möchte solches Bekenntnisses und Todes!
Was bin ich? Was tue ich? Wie schäme ich mich, wenn ich diese
Geschichte lese, daß ich desgleichen nicht längst auch zu leiden bin
würdig worden! Wohlan, mein Gott, soll's so sein, so sei es also,
so geschehe dein Wille.“ In einem Brief an einen Freund schreibt
er: „Ach, ich elender Mensch, wie ungleich bin ich dem lieben
Herrn Leonhard Kaiser! Mehr tue ich nicht, als daß ich das Wort
lehre, predige, mit vielen Worten davon rede und schreibe; er
aber hat sich bewiesen als ein rechter, gewaltiger Täter desselben
Wortes. Ach, daß mich Gott wert achtete, daß dieses Leonhards
Geist nicht zwiefältig, sondern nur die Hälfte bei mir wäre, den
Satan zu überwinden, so wollte ich willig dies Leben lassen. Ge⸗
lobt sei Gott in Ewigkeit, welcher doch einmal uns Unwürdigen
so einen herrlichen Glanz seiner Gnade erwiesen und hat sehen
lassen an diesem seligen Mann, woran wir wohl merken können,
daß er uns keineswegs verlassen hat. Bittet für mich, liebster
Freund; Christus, unser lieber HErr, verleihe, daß wir dieses
seligen Leonhards Nachfolger werden!“
Auch in England wüteten die Feinde des Evangeliums mit
Feuer und Schwert gegen die Bekenner des Wortes und Namens
Christi. Unter der Zahl derer, die in England den Märtyrertun
erlitten, war auch Robert Barnesius (Barnes), der sich vormals
zwei Jahre in Wittenberg aufgehalten hatte und dort Luthers
Haus⸗ und Tischgenosse gewesen war. Durch den Verkehr mit
Luther war er in der Erkenntnis der seligmachenden Wahrheit
reichlich gefördert worden und so trat er denn auch in seinem
Vaterland als ein glaubensmutiger Zeuge gegen die Greuel des
Papsttums auf. Die Papisten aber ruhten nicht, bis sie auch
diesen treuen Bekenner der himmlischen Wahrheit zum Schweigen
gebracht hatten. Am 30. Juli 1540 wurde er mit zwei andern
treuen Bekennern lebendig verbrannt. Das Glaubensbekenntnis,
welches Barnes vor seinem Tode öffentlich ablegte, hat Luther
mit einer Vorrede herausgegeben. Darin erzählt Luther, daß
dieser D. Barnes, als er zu Wittenberg gewesen sei, sich um der
Papisten willen seines rechten Namens und Doktortitels enthal⸗
ten habe, und schreibt unter anderm also von ihm: „Diesen
Doktor kennen wir ja wohl, und ist mir eine sonderliche Freude
zu hören, daß unser guter, frommer Tischgeselle und Hausgenosse
so gnädiglich ist berufen von Gott, sein Blut zu vergießen, um
seines lieben Sohnes willen ein heiliger Märtyrer zu werden.
Dank, Lob und Ehre sei dem Vater unsers lieben HErrn JEsu
Christi, der uns die Zeit, wie im Anfang, wiederum hat lassen
sehen, darin seine Christen vor unsern Augen und von unserer
Seite dahin gerückt zur Marter, das ist, zum Himmel, und Hei⸗
lige werden, die mit uns gegessen, getrunken und in Ehren fröh⸗
lich gewesen sind! Wer hätte es mögen glauben vor zwanzig
Jahren, daß Christus, unser HErr, so nahe bei uns wäre, und
über Tisch und zu Hause durch seine teuren Märtyrer und lieben
Heiligen bei und mit uns esse, trinke, redete und lebete! Laßt
uns Gott loben und danken, es ist eine selige Zeit der Auserwähl⸗
ten IEsu Christi und eine unselige Zeit des Teufels, der Gottes⸗
lästerer und der Feinde, und soll noch ärger werden.“ Barnes
starb sehr christlich und standhaft, und auch die zwei andern, die
mit ihm verbrannt wurden, zu großer Verwunderung und Be⸗
wegung des unistehenden Volkes, so daß ihre Marter und Hin⸗
richtung die Lehre des Evangeliums mehr gefördert als ge⸗
hindert hat.
Das Blut der Märtyrer hat sich immer als ein Same der
Kirche erwiesen.
Luther in der Not.
Gebet, Studium und Anfechtung machen zum Gottesgelehr⸗
ten, heißt eine goldene Regel. D. M. Luther hat sich danach im
stillen Kloster gerichtet, und namentlich die Anfechtung hat ihn
aufs Wort merken lassen. Er hat als Professor und Pastor zu
Wittenberg diese Regel allezeit innegehalten, und an Anfech⸗
tungen von außen und innen hat es ihm wahrlich nicht gefehlt,
vielmehr, wie ihm der Mut gewachsen ist, so hat ihn sein HErr
auf mancherlei Weise heimgesucht, um ihn in der Demut zu üben.
Sein Studierzimmer im Augustinerhaus zu Wittenberg war
ein rechtes heiliges Prophetenstüblein. Je mehr er zu arbeiten
und zu sorgen hatte, desto mehr betete er und holte sich im Um⸗
gange mit Gott die wunderbare Kraft, die ihn das Große aus⸗
richten ließ, dessen Frucht und Segen wir heute noch genießen.
Gott führte auch darin seinen Knecht wunderlich: das eine Mal
überschüttete er ihn mit dem Strome der Weisheit und Erkennt⸗
nis, ein andermal dagegen floß es nur langsam und tropfenweise.
Es geschah wiederholt, daß Luther in tiefer Seelennot, sei es um
das eigene Gewissen, aber noch mehr um der angefochtenen Lehre
willen, sich in seine Stube einschloß und darin wie ein Moses zum
HErrn schrie, dann wieder den Psalter zur Hand nahm oder mit
seinen Gedanken kämpfte, und das so lange und anhaltend, daß
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