Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 68, Nummer 4 › Seite 52

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 20. Februar 1912, Seite 52

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schreierei. — Die Schuld freilich, daß das Predigtamt vielfach
so verachtet ist, liegt auch an den Sektenpredigern selbst. Denn
sie handeln nicht nach dem Wort 1 Petr. 4, 11: „So jemand
redet, daß er's rede als Gottes Wort.“ Sie predigen nicht,
wie JIEsus Marci am letzten doch so ausdrücklich befohlen hat,
das Evangelium. Sie bleiben nicht an JEsu Rede, wie rechte
Jünger, besonders die Prediger, tun sollten, Joh. 8, 31. Nur
zu oft brauchen sie solche Redewendungen wie: „Das ist meine
Ansicht oder Meinung“ und dergleichen und lassen andere die
gegenteilige Ansicht auf ihren Kanzeln vortragen. So herrscht
bei ihnen ein ganz anderer Geist als bei uns.

Wir wollen aber auf unserer Hut sein, daß wir uns nicht
verleiten lassen. Die Gefahr liegt nahe, besonders da, wo etwa
ein Sekten⸗ oder Erweckungsprediger, ein Evangelist großen
Zulauf hat, von vielen gerühmt, wohl in den Zeitungen an⸗
gepriesen wird als ein gewaltiger Redner und auch seine Vor⸗
züge und Verdienste, seine Erfolge und Bekehrungen erzählt
und gerühmt werden. Dagegen wird die treue Arbeit eines
rechten Predigers des Evangeliums von der großen Masse nicht
beachtet, oder sie wird sogar verurteilt, seine Predigten und
seine ganze Weise werden als altmodisch bezeichnet, die nicht
mehr paßten noch zögen in unserer aufgeklärten, fortgeschrit—
tenen Zeit des zwanzigsten Jahrhunderts. Gewiß ist das eine
beständige Versuchung, und auch wir stehen in Gefahr, von
dem Zeitgeist, dem „andern Geist“, angesteckt zu werden. Auch
in unsern Kreisen sind vielleicht schon solche Predigten gehalten
worden, die einen andern Geist atmen oder verraten. Es gilt
also wachsam sein und beten, daß Gott uns in Gnaden be⸗
wahren wolle vor dem „andern Geist“. A. F.

Ein Brüderpaar.
Friedrich und Ludwig Lochner.

2.
In voller Arbeit.

Wir haben Friedrich Lochners Leben in Umrissen uns
vorgeführt bis zur Abreise in die Neue Welt und neue Heintat.
Nun beginnt die zweite Periode desselben, die Hauptperiode,
in der er eine so lange und von Gott reichgesegnete Wirksam⸗
keit entfaltete.

Es war in der zweiten Woche des Juni 1845, als Lochner,
nun ein fast 23jähriger Jüngling, mit seinen Reisegenossen
nach 51tägiger Schiffsreise die amerikanische Küste erblickte und
bald danach in New York landete. Sein Reiseziel war zunächst
Monroe, Mich., wo damals schon der selige P. W. Hattstädt,
ebenfalls ein Löhescher Sendling, wirkte. Mit diesem besuchten
er und Crämer den Präses der neugegründeten Michigansynode,
P. F. Schmidt in Ann Arbor, Mich.; denn nach Löhescher
Weisung sollten sie sich dieser Synode anschließen. Während
dann aber Crämer mit seinen Kolonisten weiter nördlich in
Michigan zog und in der Nähe von Saginaw die Missions⸗
station Frankenmuth gründete, erhielt Lochner seinen ersten
Beruf aus Toledo, O. Die dortigen Verhältnisse waren freilich
keineswegs geeignet, ihn mit viel Freudigkeit zu erfüllen, denn
die Gemeinde bestand aus Lutheranern und Reformierten und
nannte sich auch in ihrem Besitztitel, in ihrer Konstitution und
in einer Aufschrift über der Eingangspforte der Kirche The
United German Lutheran and Reformed Salem's Church“

(Vereinigte deutsche lutherische und reformierte Salemskirche).
Nachdem ihm jedoch versprochen worden war, daß man den
reformierten Gliedern ihren Anteil am Kircheneigentum her⸗
auszahlen und den Namen ändern wolle, nahm er auf Zuraten
seiner Brüder den Beruf an. Präses Schmidt ordinierte ihn,
P. Cronenwett von Woodville, O., der die Gemeinde bis dahin
bedient hatte, und P. Hattstädt assistierten. Zur Kennzeich-⸗
nung der damaligen Zustände, die natürlich auch nicht den
günstigsten Eindruck auf Lochner machten, mag erwähnt sein,
daß der von Schmidt für das Predigtanit vorbereitete Cronen⸗
wett die symbolischen Bücher der lutherischen Kirche nicht ein⸗
mal dem Namen nach kannte, und daß Präses Schmidt in dem
Lochner dann ausgestellten Ordinationszeugnis unter anderm
folgende Worte schrieb: And we recommend our beloved
brother to all denominations, particularly to the Lutheran
Church“ (Wir empfehlen unsern geliebten Bruder allen Kir⸗
chengemeinschaften, insonderheit der lutherischen Kirche). Mit
Eifer ging nun Lochner an seine Arbeit, trotzdem er in dem
damals sehr ungesunden Toledo monatelang an Fieberanfällen
litt, gründete auch gleich noch im Herbst 1845 eine Schule.
Aber bald mußte er erfahren, daß man die ihm betreffs der
reformierten Glieder gegebenen Zusicherungen nicht zu halten
gesonnen war, und als er nun anfing, den Lehrunterschied
zwischen Lutheranern und Reforniierten im Artikel vom heili⸗
gen Abendmahl darzulegen, die Abendmahlsfeier nach luthe⸗

rischer Weise hielt und überhaupt auf lutherische Lehre und

Praxis hinarbeitete, entstanden Unruhen in der Gemeinde.
Während er wieder einmal hart am Fieber daniederlag, hielt

man hinter seinem Rücken eine Versammlung und überreichte .

ihm dann eine Anzahl Beschlüsse, in denen zwar seine Recht⸗
schaffenheit, außerordentliche Fähigkeit und Treue anerkannt,
zugleich aber auch die Verbindung von Lutheranern und Re⸗
formierten aufrechterhalten und ihm, wenn er diesen Beschluß
nicht gutheißen könne, nahegelegt wurde, die Gemeinde zu
verlassen und an einem andern Platz sich niederzulassen. Und
obwohl er nun mit einigen Leuten, die diese Beschlüsse nicht
unterschrieben hatten, eine Zeitlang in seinem Hause Gottes⸗
dienst abhielt, kam es doch zu keiner Gemeindebildung, und es
blieb ihm nichts anderes übrig, als schließlich zum Wanderstab
zu greifen und mit seinem jungen Weibe Liddy, einer gebore⸗
nen Bünger, die er im Mai 1846 in St. Louis in P. C. F. W.
Walthers Haus bei der Vorberatung über die beabsichtigte
Gründung unserer Synode kennen gelernt hatte, Toledo zu!
verlassen. Das war im Oktober 1846, und das Ziel der Wan⸗
derschaft war St. Louis, wohin ihn Walther, der durch die
genannte Verbindung sein Schwager geworden war, eingeladen
hatte mit der Aufforderung, einige von dem unermüdlichen
Missionar P. J. F. Bünger kürzlich in Illinois gegründete
Landgemeinden zu übernehmen.

Diese Gemeinden befanden sich in Pleasant Ridge und
Collinsville, Ill., und Lochner hat ihnen von Januar 1847
bis Juni 1850 treu gedient und mit ihnen die schweren An⸗
fangszeiten durchgemacht, echte Pionierdienste getan. Von
dieser Zeit hat er selbst ein anschauliches, anmutiges Bild ent⸗
worfen, das sich im 24. Jahrgang der „Abendschule“ unter
dem Titel „Aus dem Pionierleben eines amerikanischen Land⸗
pastors“ findet und wohl manchen der älteren Leser erinnerlich
sein wird, ebenso wie das damals von ihm gedichtete hübsche
Lied: „Des Landpastors Heimkehr“, das noch heute in manchen

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