Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 68, Nummer 4 › Seite 58
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 20. Februar 1912, Seite 58
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Der „Tutheranes
Schächersgnade.
Zu Anfang des vorigen Jahrhunderts lebte in Süddeutsch⸗
land der römisch⸗katholische Priester Martin Boos, der zuerst, wie
Martin Luther, durch eigene Werke und Frömmigkeit mit großem
Eifer die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, zu erlangen suchte. Wie
aber Luther klagen mußte:
Ich fiel auch immer tiefer drein,
Es war kein Gut's am Leben mein,
Die Sünd' hatt' mich besessen,
so mußte auch Boos klagen: „Bei aller Heiligkeit fiel ich inimer
tiefer in die Selbstsucht hinein, war immer traurig, ängstlich,
kopfhängend.“ Wie nun Luther zuerst durch den Spruch: „Der
Gerechte lebet seines Glaubens“ auf den einzigen Weg zur Selig⸗
keit, zur Gnade Gottes in Christo, hingeleitet wurde, so hat dieser
Spruch auch Martin Boos denselben Dienst getan. „Der Ge⸗
rechte lebt aus dem Glauben“, das war forthin der Inhalt all
seines Predigens und Lehrens, so daß er allgemein der Prediger
der Gerechtigkeit genannt wurde. Gott hat durch seinen Dienst
mancher Seele unter dem römisch⸗katholischen Volke zum Glau⸗
ben dieser Gerechtigkeit, zum Trost der Vergebung der Sünden
und zum Frieden geholfen. Um seines Glaubens und Bekennt⸗
nisses willen von der Gerechtigkeit, die allein vor Gott gilt, hat
Boos aber auch viel Verfolgung und selbst Gefängnis erleiden
müssen. Aus einem Lande mußte er in das andere ziehen.
Zuletzt wirkte Boos in dem Orte Sayn am Rhein. Dort
war er mit einem in der Nähe wohnenden evangelischen Prediger
befreundet worden. Da geschah es nun an einem Samstag —
es war der 27. August 1825 —, daß dieser Prediger, als er
sich auf seine Predigt für den folgenden Sonntag vorbereiten
wollte, von seiner Arbeit beständig durch den Gedanken abgezogen
wurde, Martin Boos zu besuchen. Obgleich er sich sagte, heute,
am Samstag, habe er ja doch keine Zeit dazu, konnte er doch kei⸗
nen andern Gedanken fassen, so daß er schließlich Hut und Stock
nahm und Boos aufsuchte. Er fand diesen in seiner Stube unter
heftigen Wehklagen auf den Knieen liegen. Verwundert fragt
er ihn: „Boos, was ist mit dir?“ Der Gefragte antwortet: „Ich
bin verloren; ich kann keine Gnade finden!“ Der Freund weist
ihn nun darauf hin, wie er so vielen Seelen durch seine Predigt
von Christo zur Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, geholfen, auch
um dieses Zeugnisses von Christo willen so viel erlitten habe —
wie wolle er nun selbst daran irre werden? Boos antwortet:
„Das habe ich mir auch schon gesagt; was ich um Christi willen
erlitten habe, dafür habe ich meinen Lohn dahin.“
Der Freund weiß sich nun nicht anders zu helfen, als daß
er dem Boos einfältig die Leidensgeschichte des Heilands erzählt.
Als er nun zu dem Schächer am Kreuz kommt, springt Boos auf
und ruft freudig bewegt aus: „Das ist's, was ich brauche: Schä⸗
chersgnade muß ich haben, um selig zu werden.“ Seine Angst
und Anfechtung war gewichen; er war fröhlich im Glauben der
Gnade Gottes gewiß. In solchem Glauben ist er den folgenden
Montag selig entschlafen, den von Angesicht zu schauen, der seine
Gerechtigkeit war.
„Der HErr behütet die Einfältigen.
so hilft er mir.“
Ps. 116, 6.
Wenn ich unterliege,
In der Stadt B. lebte ein altes Mütterlein, krank und elend,
einsam und hilflos, aber dabei in Gott vergnügt. Sie besaß eine
kleine Barschaft; aber, wie es zu gehen pflegt, wo niemand da
ist, der erwerben kann: ein Groschen nach dem andern wurde
verzehrt, und schließlich waren nur noch ein paar Taler übrig,
dann drohte bitterste Armut.
In diesen Tagen kam der Arzt zu dem Mütterlein, fragte
nach diesem und jenem und hörte mit Schrecken von dem ein⸗
tretenden Mangel.
„Aber habt Ihr denn niemand, an den Ihr Euch wenden
könnt? Ihr müßt ja verhungern, wenn Euch kein Mensch hilft“,
sagte er bestürzt.
Die Alte blieb ruhig und fröhlich, wie sie immer war.
Lächelnd erwiderte sie: „Ich habe keinen Menschen, aber ich
brauche auch keinen, ich bete ja alle Tage: Unser täglich Brot
gib uns heute!“ Der liebe Gott weiß, was ich brauche, und
wird es mir schon geben.“
„Aber doch nur durch Menschen; wenn nun kein Mensch
etwas gibt, woher soll's dann kommen?“
„Das ist Gottes Sache“, erwiderte die Alte; „ich sage es
ihm, er weiß es und wird schon sorgen“, und dabei blieb sie.
Kopfschüttelnd entfernte sich der Arzt; ein solch einfältiger
Kinderglaube war ihm noch nicht begegnet.
Am Abend des andern Tages war er in einer großen Gesell⸗
schaft. In angeregtem Gespräche bot sich ihm Gelegenheit zu
erzählen, was er gehört, und was auf ihn so tiefen Eindruck
gemacht hatte. Es waren wohlhabende Leute in dem Kreise;
man sammelte für die Alte. Am andern Morgen trat der Arzt
in ihr ärmliches Kämmerlein mit freudestrahlendem Gesicht, eine
stattliche Summe in den Händen, die er der Kranken überreichte.
Ein Lächeln glitt über ihre Züge. „Seht Ihr wohl“, fagte E
sie im Tone freundlichen Vorwurfs, „Ihr wolltet es mir nicht I
glauben, daß er es tun würde; nun seht Ihr, daß er für
uns sorgt.“
Und der sein Handlanger geworden war, saß stumm dabei
und freute sich, daß er es sein durfte.
Bis zu ihrem seligen Ende war die Alte wohl versorgt;
ja sogar ihr Begräbnis konnte noch ausgerichtet werden von dem
gesammelten Geld. Jetzt ist sie bei ihrem Heiland, an den sie
so kindlich und freudig geglaubt hat und den sie nun schauen darf.
Passionsgottesdienste.
Es werden zwar alle Predigten durch das ganze Jahr dahin
gerichtet, daß wir den Tod und die Auferstehung IEsu Christi
verkündigen, den Nutzen und die Kraft des Todes Christi anzei⸗
gen und die Wohltaten des Reiches IEsu Christi der Gemeinde
vortragen. Aber dennoch ist vonnöten, daß man im Jahr ge⸗
wisse Zeit habe, da man die ganze Historia ordentlich handele
erwäge, was die Propheten davon geweissaget, wiederhole, was
die Apostel davon gezeuget, und lerne, wie man einen jeden Puni
zu seinem Trost brauchen soll. Und sind alle Hausväter und
Hausmütter schuldig, nicht allein die Passionspredigt zu suchen
und anzuhören, sondern auch ihre Kinder und Gesinde mit Erns
dazu zu halten, auf daß sie den Grund ihres Glaubens lernen
und durch den Tod Christi ihre Seligkeit erlangen. .. Denn
es ist auf Erden kein anderer Trost wider Gottes Zorn, wider
den Fluch des Gesetzes, wider die Macht der Sünden und widen
die Furcht des Todes denn der einige Tod IEsu Christi, der sich
für uns am Kreuz geopfert hat. Darum müssen mit großer Ver⸗
zweiflung zugrunde gehen, wie man oft die Exempel vor Augen
siehet, die diese Predigt vom Leiden Christi nicht haben wahr
genommen.
Niemand soll sich dünken lassen, er habe die Passionspredigt
nun etliche Jahre nacheinander gehöret, darum habe er nichtz
mehr daran zu lernen. Es wachsen zwar alle Jahre junge Leun
herzu, denen man die Historia muß vortragen und bekannt machen
Aber nicht allein den Jungen, sondern auch uns Alten ist's vo
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