Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 68, Nummer 4 › Seite 54
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 20. Februar 1912, Seite 54
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8 er VutheranerSe
Tatsache ist, daß ein großer Teil der Einwanderer das nörd⸗
liche Canada zum Ziel hat, und von vielen Einwanderern
canadische Häfen als Landungsort gewählt werden. Von den
deutschen Häfen aus ist im Verein mit einer niederländischen
Dampferlinie diesem Zuge nach Canada durch die Herstellung
einer direkten Verbindung mit den canadischen Häfen Rechnung
getragen worden.
Auch unsere lutherischen Landsleute aus Deutschland, noch
mehr aus Rußland, SOsterreich, Ungarn, Galizien und Sieben⸗
bürgen sind bei diesem Zuge nach dem Nordwesten beteiligt.
Im allgemeinen ist zu bemerken, daß die große Masse der
Einwanderer durchweg aus dem europäischen Osten kommt, aus
Russisch- und Ssterreichisch⸗Polen, Ungarn und den Nachbar⸗
staaten, und dem Arbeiterstande angehört.
außer den Polen, die Slawen, die in dichten Reihen voran⸗
schreiten, sodann Slowenen, Ruthenen, Russen und andere.
Den Slawen schließen sich die vorwiegend griechisch⸗katholischen
Rumänen an. Kleinere Abteilungen bilden Madjaren, zu glei⸗
chen Teilen reformiert und katholisch, sodann Letten und Esten
aus den russischen Ostseeprovinzen, die ja, wie die Finnen,
lutherischen Glaubens sind.
Als Anhängsel bleiben die Juden. In vollem, nie ver⸗
siegendem Strom, mit Frauen und vielen Kindern, größten⸗
teils in höchst armseligem Aufzuge, wälzt sich dieses Volk auf
die großen Städte unsers Landes. Allein in New Nork be⸗
findet sich durch diese massenhafte Einwanderung eine jüdische
Bevölkerung von fast einer Million.
Es gibt auch noch eine andere, sehr starke Einwanderung.
Das sind die Italiener, namentlich aus dem Süden Italiens,
die in großen Massen, mit Griechen, Serben, Bulgaren, Mon⸗
tenegrinern vermengt, Arbeit in den Bergwerken, bei Eisen⸗
bahnbauten und Industrieanlagen in unserm Lande suchen.
So ist es ein völliger Wandel des Bildes, das uns heute
bei der Landung der Einwanderer vor den Augen steht:
slawische, namentlich polnische Arbeiter in großen Massen mit
ihrem ebenso massenhaften jüdischen Anhange. Wo sind aber
unsere Landsleute geblieben, die früher in mächtigen Scharen
die Dampfer füllten? Diese kamen aus Hannover, Mecklen⸗
burg, Schleswig⸗Holstein, Pommern, Ost⸗ und Westpreußen,
Schlesien sowie aus Sachsen, Baden, Bayern und Württem⸗
berg. Sie blieben auch nicht, wie die heutigen slawischen, pol⸗
nischen und italienischen Arbeiter und Juden, in den großen
Städten des Landes, sondern zogen weiter in den fernen
Westen und nahmen die weiten, zum Teil bewaldeten Lände⸗
reien des Westens unter ihre Axte, Hacken und Pflüge und
taten dort die mühevolle, grundlegende Pionierarbeit. Aus
Deutschland kommen nicht viel mehr als die Nachzügler des
großen Einwandererzuges von früheren Jahren, und sie ver⸗
lieren sich bei der Landung in New Nork unter den slawischen,
italienischen und jüdischen Massen oft fast völlig.
Da im vergangenen Jahre in unserm Lande viel gegen
die gegenwärtige Administration auf der Einwandererstation
Ellis Island agitiert wurde, ist es gewiß am Platze, die ob⸗
waltenden Zustände, wie wir sie kennen und täglich beobachten,
ein wenig zu beleuchten, damit die Freunde und Verwandten
der Glieder unserer Gemeinden nicht vom Einwandern ab⸗
geschreckt und abgehalten werden, wenn sie sonst den An⸗
forderungen der bestehenden Einwanderungsgesetze genügen.
Es ist wohl niemand auf Ellis Island, der in nähere persön⸗
*
Vor allen sind es
liche Berührung mit dem Einwanderer in seinen Nöten tritt,
als der Emigrantenmissionar. Ohne irgendein eigenes In⸗
teresse zu suchen und zu verfolgen, steht er jedem hilfesuchenden
Einwanderer nach besten Kräften und bestem Vermögen bei.
Auch ist er mit den bestehenden Gesetzen für Einwanderer und
deren Ausführung genau vertraut. Der im Amte stehende
Einwanderungskommissär, Herr William Williams, ist ein sehr
gewissenhafter, gerechter, aber auch sehr strenger Beamter, der
von seinen Untergebenen strikte Pflichterfüllung fordert und die
bestehenden Gesetze auf das genaueste ausführt, um nicht wün⸗
schenswerte Einwanderer von unserm Lande fernzuhalten. Dies
fordert von seiner Seite große Umsicht und Sachkenntnis. Der
Kommissär verwaltet dieses schwere öffentliche Amt nicht um
des hohen Gehaltes willen, sondern weil er als Bürger dem
Lande nach besten Kräften dienen will und von den regierenden
Beamten in Washington gerade dazu ernannt wurde, die Ein⸗
wanderung nach dem Gesetz zu regulieren und den nicht wün⸗
schenswerten Einwanderern die Landung unmöglich zu machen.
Seine strenge, aber gerechte Handlungsweise wurde und wird
von gewissen Seiten angegriffen, was leicht verständlich und
begreiflich ist, da die Juden, Griechen, Syrer und Italiener
am meisten darunter zu leiden haben. Die Deutschen haben
gewiß keine Ursache, in diese Klage mit einzustimmen. Eine
bekannte weltliche Zeitung sagt in einem Leitartikel zugunsten
des angefeindeten Kommissärs folgendes: „Der Kommissär
führt Tatsachen an und bringt schwer widerlegbare, weil logisch
und plausibel erscheinende Argumente vor. Von diesen Tat⸗
sachen ist die für uns Deutsche interessanteste die, daß die Zahl
der hier detinierten (zurückgehaltenen) oder schließlich depor⸗
tierten (zurückgesandten) Einwanderer deutscher Nationalität
eine so verschwindend kleine ist, daß es nicht verständlich er⸗
scheint, warum gerade das amerikanische Deutschtum sich zum
Vorkämpfer gegen die einschlägige nationale Gesetzgebung
machen soll. Und ein schwer widerlegliches Argument des Ein⸗
wanderungskommisfärs ift es, daß er und seine Unterbeamten,
wenn sie ihre Amtspflicht nicht offen verletzen und nicht die
Konsequenzen daraus riskieren wollen, unabweislich gezwungen
sind, das Gesetz buchstäblich auszuführen und es nicht nach
eigenem oder fremdem Gutdünken bald so, bald anders zu
interpretieren (auszulegen).“ Diesem Urteil stimmen wir voll
und ganz bei und können es nicht besser fassen.
Anfangs April erließ Kommissär Williams unter Zustim
mung der Regierung strenge Regeln für alle Emigranten⸗
missionare. Diese Regeln waren derart, daß wir unsere Emi⸗
grantenmission einfach hätten einstellen müssen. Der Einsicht
und Freundlichkeit des Herrn Ministers Nagel und Kommissär
Williams' ist es zu danken, daß unsere Emigrantenmission, so⸗
weit die Bundesregierung in Betracht kommt, genau so weiter⸗
arbeiten darf wie bisher.
Abgesehen von diesen Vorkommnissen, hat die Emigranten⸗
mission auch in dem verflossenen Jahre unter Gottes gnädiger
Fürsorge ihren ungestörten und gesegneten Fortgang haben
dürfen. 1378 Emigranten wurde mit Rat und Tat beige⸗
standen. 23 Einwanderer wurden der besonderen Fürsorge der
Mission überwiesen. 57 Emigrantentrauungen wurden voll⸗
zogen. In den Hospitälern standen 16 Emigranten unter un⸗
serer besonderen Fürsorge. Vor der Board of Special Inquiry
wurden in 31 Fällen die Interessen der Einwanderer vertreten.
In 15 Fällen wurde gegen das Ausschließungsurteil appelliert.
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