Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 68, Nummer 26 › Seite 413

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 24. Dezember 1912, Seite 413

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S er „Tutherante

413

Träne nach der andern ihr Auge feuchtete und keine Weihnachts⸗
freude in dem jungen Herzen erblühen wollte. Und doch hatte
er so viel von der Reise gehofft; hatte sie doch wieder und wieder
den Wunsch ausgesprochen, Weihnachten auf der Wartburg zu
feiern. Und war es auch ein wunderbarer Einfall, so doch seit
Jahr und Tag der erste Wunsch, den sie aussprach. Und jetzt
bat sie wieder: „Noch nicht dort hinauf, Kurt; dort sind Men⸗
schen und Licht. Laß uns langsam durch den Wald gehen.“
„Jetzt durch den Wald, Lucie, fürchtest du dich denn nicht?“ „Ich?
was sollte ich noch fürchten?“

Arme junge Frau! Viele Monde, ein Jahr und ein zweites
sind vergangen, sie lernte sich nicht beugen unter die gewaltige
Hand Gottes; sie überließ sich willenlos dem Schmerz um ihr
verlorenes Kleinod und wandelte wie tot unter den Lebenden.
Und deshalb wollte sie auch jetzt allem Weihnachtsjubel glücklicher
Menschen entfliehen und wähnte, dort oben über dem Weltge⸗
tümmel, dem Himmel so viel näher, müsse es am besten sein.
Arme junge Frau, dich selbst nimmst du überall mit, und so ist es
überall das gleiche!

Kurt deutete um sich, ehe sie in den Wald eindrangen;
drunten im Mariental schimmerten die hellen Fenster, hier, dort,
auf Berg und Tal heller Weihnachtsglanz. Und darüber breitete
der Himmel den prächtigen Christbaum. Aber Lucie schüttelte
nur seufzend den Kopf. Da schlug er den Arm um ihre Schulter:
„Liebes Weib, sieh doch nach oben, wo unser Kind jetzt bei Gott
ewig Weihnacht feiert. Und heute kommt das Christkind und
kehrt zu allen ein, auch zu den Betrübten und Verlassenen. Lucie,
glaubst du das?“ Sie seufzte nur: „Mir wird es nichts brin⸗
gen.“ Auch ihr Begleiter seufzte, und schweigend traten sie in
den dunkeln Wald.

Kurt zündete ein Laternchen an, das den schmalen Pfad
kaum erhellte. Alles ruhte in feierlicher Stille, in tiefem Frieden,
die dunklen Tannen glitzerten weihnachtlich in ihrer weißen Um⸗
hüllung. Und nun traten sie wieder hinaus aus dem schützenden
Wald, und der Pfad zog sich außen an dem Felsen herum, wo
eine so eisige Luft sie umfing, daß die junge Frau atemschöpfend
stillstand. „Lucie, wollen wir nicht jetzt noch umkehren?“ „Ach,
mein Kurt, es treibt mich unaufhaltsam.“ Und gleichzeitig hörten
beide zweimal deutlich: „Helf' Gott!“

Sie standen beide wie angewurzelt; dann aber fragte Kurt:
„Wer ruft hier?“ Keine Antwort. Er öffnete sein Laternchen
und leuchtete umher; dort unter dem Felsenvorsprung kauerte
etwas Dunkles. Entschlossen schreitet er darauf zu und sieht —
ein kleines Mädchen, das sein Röckchen zum Schutz gegen die Kälte
über den Kopf gezogen hatte und ihn mit großen, erschreckten
Augen anstarrte. „Kind, wer bist du?“ Da nahte sich Lucie,
kniete neben der zitternden Kleinen und redete ihr liebreich zu:
„Was suchst du hier, meine Kleine?“ „Eine Mutter“, sagte
die Kleine, und auf Luciens erstaunten Blick beteuerte sie: „Ich
will eine Mutter haben, dann kann ich wieder Weihnachten feiern.“
„Wo ist denn deine Mutter, mein Kind?“ fragte jetzt Kurt, „und
wie heißt du?“ „Lieschen. Und die Mutter ist tot, und mein
Vater und die Schwester und der Großvater — alle, alle tot.
Und ich bin allein bei Frau Schmidt, und die ist alt, und mich
friert und hungert bei ihr. Ach, lieber Gott“, schluchzte sie plötz⸗
lich wieder, „schenk' du mir eine Mutter!“

Lucie hatte das süße Kindesgesicht fest an sich gedrückt und
sah flehend zu ihrem Manne auf. Der kämpfte mit sich selbst,
und er sah, wie ein lichter Glanz die Schwermut in seines Weibes
geliebtem Antlitz zu verdrängen suchte. Er fühlte des Heilandes
Nähe; ihm war, als höre er flüstern: „Wer ein Kind aufnimmt
in meinem Namen, der nimmt mich auf.“ Da fragte er: „Willst
du mit uns gehen, Lieschen, und den Christbaum sehen?“ Und
Lucie sprang auf: „Kurt, du wolltest?“ „In Gottes Namen“,

„*

erwiderte er fest und nahm das Kind auf den Arm, und dieses
jubelte: „Ich soll Weihnachten sehen und eine Mutter bekommen?
Danke, danke, lieber Gott!“ Lucie aber preßte auf ihres Man⸗
nes andere Hand tiefbewegt ihre Lippen und flüsterte: „O du
allerbester Kurt! Ja, es ist Weihnacht geworden, und das Chri⸗
stuskind ist erschienen, daß es unser aller sich erbarme.“

O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachts⸗

zeit! (Hanna Norden.)

— —

„Das Wort ward Fleisch.“

Man liest, daß sich's einmal begeben hat, daß einer gestanden
ist, ein grober Rülz und Filz, als man in der Kirche diese Worte:
„et homo factus est“ („er ist Mensch geworden“), gesungen, und
weder das Barett abgezogen, noch seine Kniee gebeugt, noch keine
Ehre dagegen erzeigt, sondern wie ein Stock allda gestanden.
Da sei der Teufel zu ihm getreten, habe ihm eine Maulschelle
gegeben, daß ihm das Gesicht vergangen, ihm greulich geflucht
und gesagt: „Daß dich das höllische Feuer verbrenne, du grober
Esel! So Gott wäre ein Engel meiner Natur worden, wie ich
einer war, und man sänge: „Gott ist ein Engel worden“, ich wollte
nicht allein meine Knice, sondern meinen ganzen Leib zur Erde
beugen, ja ich wollte zehn Ellen tief sein in die Erde gekrochen;
und du heilloser Mensch stehst da wie ein Stock oder Stein und
hörest, daß Gott nicht ein Engel, sondern Mensch worden ist
und dir gleich, und du stehst allda und ragest wie ein Scheit Holz.“
Es sei nun geschehen oder nicht, so ist's doch dem Glauben ähnlich,
daß die heiligen Väter durch solch Exempel die Jugend haben
ermahnen wollen, wie ein groß, unaussprechlich Ding es sei, daß
der wahre Sohn Gottes sei Mensch worden, und daß wir die
Augen aufsperreten und solche Worte auch wohl betrachteten.

(Luther.)
— .— — —¼T ́à6—

Todesanzeigen.

Am 6. September rief der HErr in die triumphierende Kirche
unsern lieben Bruder in Christo, P. H. Grefe. über 24 Jahre
hat er an Gemeinden unserer Synode gearbeitet. Er arbeitete
im Dienste des HErrn bis zur letzten Stunde; mitten aus der
Arbeit ist er zur ewigen Ruhe gerufen worden. Ein treuer Ar⸗
beiter war er; er wußte, wem er diente, wessen Wort er ver⸗
kündigte, wozu er predigte und wirkte. IEsus war ihm alles in
allem; das Wort seiner Gnade in seiner ganzen Fülle und Lieb⸗
lichkeit zu verkündigen und so seine Pfarrkinder mit Gottes Trost,
Licht und Kraft zu erfüllen und zu einem heiligen Volke zuzu⸗
richten, dies lag ihm am Herzen. Klar, kernig, inhaltsreich waren
seine Predigten; Gesetz und Evangelium teilte er recht. Als
Lehrer der Kinder hatte er schöne Gaben; sein ganzer Unterricht
trug das Gepräge der Gründlichkeit, und durch sein ruhiges
Wesen wirkte er recht erziehend. In seinem Wandel war er für
jung und alt ein Vorbild. Seinem eigenen Hause stand er wohl
vor. In der Gemeinde gewann sein frommer Wandel, ver⸗
bunden mit Lauterkeit, Gewissenhaftigkeit und Unparteilichkeit,
ihm die Liebe und Achtung aller. Seine Amtsbrüder, mit denen
er fleißig die Konferenzen besuchte, ehrten ihn als einen Freund.
Alle, die seinen Umgang haben genießen dürfen, haben ihn als
einen rechten Israeliten ohne Falsch erfunden. — Geboren wurde
der Entschlafene am 27. März 1859 in Maaßlingen, Westfalen.
Als zweiundzwanzigjähriger Jüngling wanderte er in dies Land
ein, und zwar nach New Minden, Ill., wo Verwandte wohnten.
Hier wurde er bewogen, sich auf das Predigtamt vorbereiten zu

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