Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 69, Nummer 2 › Seite 25
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 21. Januar 1913, Seite 25
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N
Das Mitleid eines Südseeinsulaners.
Auf den Fidschiinseln ans Land zu gehen, das war eine
schwere Sache. Das konnte das Leben kosten. Kapitän Bertram
hätte es auch nicht getan, wenn es nicht hätte sein müssen. Aber
wenn der Wasservorrat zu Ende ist oder die Lebensmittel knapp
werden, dann muß der Seemann ans Land.
Als erfahrener Seemann wußte Kapitän Bertram Bescheid
über die Bevölkerung der Fidschiinseln. Er wußte, daß auf diesen
Koralleninseln grausame Menschenfresser hausten, die schon man—
chem Fremdling einen schauerlichen Tod bereitet hatten. Darum
war er sehr ernst gestimmt, als er mit einigen bewaffneten Be—
gleitern von seinem Schiff in das Boot stieg und dem Inselufer
zusteuerte.
Die Inselbewohner hatten das Boot schnell entdeckt.
große Schar sammelte sich am Ufer.
Jetzt landete das Boot. Kapitän Bertram stieg ans Land.
Da eilte eine wunderliche Gestalt auf ihn zu, ein hochgewachsener
Südseeinsulaner, halb europäisch gekleidet. Es war der Häupt—
ling des Inselvolks. Der Kapitän staunte, als der seltsam ge—
kleidete Mann ihm die Hände entgegenstreckte und ihm auf eng—
lisch zurief: „Willkommen, mein Bruder!“
Der Kapitän war so überwältigt von diesem freundlichen
Empfang, daß er zuerst keines Wortes fähig war. Der Häupt—
ling aber wandte sich zu seinen Männern und sagte, vor Freude
strahlend: „Ein Mann aus dem Lande der Christen!“
Jetzt verstand Kapitän Bertram alles. Sie waren also
Christen geworden, diese einst so gefürchteten Südseeinsulaner.
Und ihr Glaube war ihnen so lieb, daß ein Mann aus dem
„Lande der Christen“ ihnen als Bruder willkommen war.
„Es ist die Stunde, zu der wir Abendsegen auf unserer
Insel halten“, fuhr der Häuptling fort. „Versammelt euch alle,
ihr Leute! Heute wird unser Bruder aus dem Christenland uns
den Abendsegen halten.“
Bei diesen Worten erschrak der Kapitän. „Das kann ich
nicht“, antwortete er. Der Häuptling sah ihn erstaunt an.
„Fürchtest du, daß meine Leute dich nicht verstehen?“ sagte er
endlich. „Du hast recht, sie verstehen kein Englisch, aber ich
werde dolmetschen.“
Jetzt war der Kapitän in der peinlichsten Verlegenheit. Ach,
auf dem Meer wußte er wohl Bescheid, aber in seiner Bibel nicht.
Er hatte sich seit seinen Knabenjahren nicht mehr um Gottes Wort
gekümmert. Wie sollte er nun fähig sein, dieser großen Ver—
sammlung den Abendsegen zu halten? Beschämt stand er vor dem
Häuptling, der es gar nicht begreifen konnte, warum er immer
noch zögerte. Eine Unwahrheit konnte er diesem guten, treu—
herzigen Menschen nicht sagen. Da blieb kein anderer Ausweg
als ein osfenes Geständnis.
„Meine Mutter hat mit mir gebetet, als ich ein kleiner Knabe
war. Dann starb sie, und ich kam auf die See. Da habe ich
Gottes Wort vergessen.“
„Gottes Wort vergessen?“ wiederholte der Häuptling un—
Eine
gläubig. Konnte man denn einen solchen Schatz besitzen und ver—
gessen? Die Weißen sind doch wunderliche Menschen!
„Aber du glaubst doch an unsern HErrn IEsum Christum?“
fuhr der Häuptling fort, dem Seemann tief ins Auge schauend.
Da war es dem Kapitän zumute, als stehe er vor Gericht.
Jetzt erst fühlte er die ganze Leere eines Lebens ohne Glauben.
Er schämte sich vor den armen Südseeinsulanern. Aber einer
Unwahrheit war er nicht fähig. Er schüttelte den Kopf und sagte
ein leises, tief beschämtes „Nein“.
Da zuckte ein tiefer Schinerz über das braune Gesicht des
Südseeinsulaners. Ein unendliches Mitleid glänzte in seinen
Augen, als er sprach: „Ein Mann aus dem Christenland —
und er glaubt nicht an unsern HErrn IEsum!“
Dann gab er seinen Männern ein Zeichen, und sie folgten
ihm alle zu einem erhöhten Platz, der von wunderbaren Palmen
beschattet war, und von dem man weit hinaus aufs Meer schauen
konnte. Dort hielt der Häuptling wie alle Abende den Abend—⸗
segen. Nur betete er heute um des fremden Gastes willen in
englischer Sprache. Nie in seinem ganzen Leben hatte Kapitän
Bertram eine so ergreifende Feier erlebt. Er konnte die Augen
nicht von den braunen Männern wenden, die mit so tiefem Ernst
sich für die Nacht in Gottes Schutz befahlen. ö
Wie andächtig der Häuptling betete — mit der Kraft eines
Mannes — mit dem Vertrauen eines Kindes! Er redete wie
mit einem gegenwärtigen Freund. Um Gottes Schutz und Segen
bat er für das ganze Inselvolk. Jetzt gedachte er auch des weißen
Fremdlings und seines großen Jammers. Und er flehte zu Gott,
daß er dem armen Bruder, der im Christenlande aufgewachsen
war und doch nicht an den HErrn IEsum glaubte, helfen möchte.
„HErr JEsu, laß ihn nicht wieder fort von unserer Insel
ziehen, ohne dich gefunden zu haben!“ Damit schloß das Abend—
gebet des Häuptlings. Und es wurde still, ganz still unter den
Palmen.
Sie beteten wohl alle noch im stillen, die treuen Südsee—
insulaner, und der Schiffskapitän betete mit — zum erstenmal
seit langer Zeit.
Als er dann dem braunen Häuptling die Hand reichte, konnte
er bewegten Herzens sagen: „Dein Glaube ist jetzt mein Glaube.“
Viele Jahrzehnte lang hatte Kapitän Bertram unter den
Christen gelebt wie ein Heide, und keiner hatte ihm geholfen,
IEsum zu finden!
Erst auf den Fidschiinseln fand er seinen HErrn, und ein
bekehrter Heide war sein Führer geworden.
(Ev. Magazin.)
ꝛ rM
Todesanzeigen.
Am 25. November 1912 ging ein zur Ruhe der Kinider
Gottes P. em. Heinrich Bernhard Bauer zu Purcell,
Ind. Der Entschlafene wurde am 21. Januar 1831 in Nürn—
berg, Bayern, geboren. Da ihn Gott mit schönen Gaben des
Geistes ausgerüstet hatte, die sich in der christlichen Schule und
im Konfirmandenunterricht mehr und mehr entwickelten, wurde
er von Pfarrer Löhe ermuntert, sich auf das heilige Predigtamt
vorzubereiten; er besuchte daher nach seiner Konfirination dessen
Anstalt. Im Jahre 1850 wanderte er auf Löhes Rat nach
Amerika aus und vollendete seine theologischen Studien auf dem
praktischen Predigerseminar zu Fort Wahyhne. Im Jahre 1853
bestand er sein Exanien und wurde am 25. September in der
damaligen Gemeinde bei Elberfeld, Ind., ordiniert und einge—
führt. Er bediente während seiner fünfzigjährigen Amtstätig—
keit nacheinander noch folgende Gemeinden: bei Columbus, O.;
in Niles, Ill.; in Minden bei Indianapolis, Ind.; in Biele—
feld, Ind.; in Wapakoneta,. O.; in Grand Haven, Mich.; in
Weltes, Ind., und in Purcell. Ind. Am letztgenannten Orte
legte er wegen zunehmender körperlicher Gebrechen sein Amt
nieder. Geistig frisch, konnte er aber nicht ganz untätig bleiben.
Er diente als Hilfsprediger bei seinem Sohne, P. Gottlieb Bauer,
in Goodland, Ind. Dort hat er am 25. September 1903 sein
fünfzigjähriges Anitsjubiläum gefeiert. Er verzog dann mit
seinem Sohne nach Decatur, Ind., wo er auch noch tätig war.
Vor 4% Jahren ließ er sich wieder in Purcell, Ind., nieder und
wohnte dort bei seinen Kindern. Auch hier konnte er trotz seines
hohen Alters nicht untätig bleiben, half hie und da in der Ge—
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