Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 69, Nummer 2 › Seite 19
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 21. Januar 1913, Seite 19
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Der zur Rechten Gottes erhöhte Heiland gibt seiner Kirche in
einzelnen Personen auch noch besondere Lehrgaben.
Er rüstet einzelne Glieder der Kirche mit besonderen Gaben
aus, mit denen sie dem Evangelium und so der Kirche dienen.
Der erhohte Heiland hat etliche zu Aposteln gesetzt, etliche zu
Propheten, etliche zu Evangelisten, etliche zu Hirten und
Lehrern.
An diese Lehrgaben, die Gott seiner Kirche gibt, werden
wir heute besonders erinnert, wo wir vor der Tatsache stehen,
daß Gott abermals einen überaus trefflichen Lehrer aus unse⸗
rer Mitte abgerufen hat. Unser teurer D. Stöckhardt ist aus
der Kirche des Lehrens des Wortes und des Glaubens in die
Kirche des Schauens versetzt worden. Wir stehen einen Augen⸗
blick stille und fragen uns, was wir von den Lehrern zu halten
haben, die der erhöhte Heiland seiner Kirche zu Dienst gibt.
Nach Gottes Wort erkennen wir sie als eine Gabe seiner Gnade
und danken ihm herzlich dafür; und wir bitten ihn mit der
Zuversicht der Erhörung, er wolle uns auch hinfort solche
Gaben nicht versagen.
Jawohl! Wir erkennen Lehrer der Kirche
als eine Gabe Gottes. Kein Mensch, auch nicht alle
Menschen zusammengenommen, können einen christlichen
Lehrer machen. Mit Recht sagt Luther: „Doktoren der Kunst,
der Arznei, der Rechte usw. können der Papst, Kaiser und Uni⸗
versitäten machen; aber sei nur gewiß, einen Doktor der Hei⸗
ligen Schrift wird dir niemand machen denn alleine der Heilige
Geist vom Himmel.“ In der christlichen Kirche gibt es über—
haupt nichts Gemachtes. Hier ist alles Gottes Gabe und
Werk. Allein Gottes Gabe und Werk ist der Glaube der Chri—
sten. Allein Gottes Gabe und Werk sind auch die rechten
Lehrer der Kirche. Was nicht Gottes Gabe und Werk ist,
taugt nichts. Denn was gehört doch zu einem rechten christ—
lichen Lehrer? Dazu gehört erstlich als Grundlage vor allem
der persönliche Herzensglaube. Vom Glauben sagt aber die
Schrift: „Wir glauben nach der Wirkung seéiner mächtigen
Stärke.“ Dazu gehört ferner die facultas docendi, die beson⸗
dere Gabe des öffentlichen Lehrens. Davon sagt die Schrift
abermal: „Nicht daß wir tüchtig sind von uns selber, etwas
zu denken als von uns selber, sondern daß wir tüchtig sind, ist
von Gott.“ Zu einem rechten Lehrer gehört drittens eine
große innerliche Kraft und Stärke, die Kraft und Stärke, alle
eigenen Gedanken und die Gedanken anderer Menschen Gottes
Wort zu unterwerfen und an Gottes Wort unverrücklich und
unter allen Umständen festzuhalten trotz der Feindschaft des
Teufels, der Welt und des eigenen Zleisches.
kein Mensch aus sich selbst. Das ist Gottes Gabe und Werk
in uns. Wie St. Paulus Timotheus erinnert: „So sei nun
stark, mein Sohn, durch die Gnade in Christo IEsu.“
Solche Lehrgaben hat Gott unserer Synode und insonder—
heit auch unserer theologischen Anstalt in reichem Maße gegeben.
Ich brauche nur die Namen zu nennen: Walther, Schaller,
Lange, Günther, Gräbner und nun auch Stöckhardt. Alle
waren herrliche Gaben Gottes an seine Kirche. Es sei mir
erlaubt, bei dem Gedächtnis dieser Männer einige Augenblicke
zu verweilen. Ich habe mit allen längere Zeit zusammen⸗
arbeiten dürfen. Fünf von ihnen habe ich von dieser Stätte
aus, wo ich jetzt stehe, im Namen der Anstalt und der Kirche
Worte dankbaren Andenkens nachrufen dürfen. Walther
nannte sich in großer Demut einen geringen Schüler Luthers
Das vermag.
und der alten lutherischen Theologen. Nach meiner Kenntnis,
die ich von Walther und den alten Theologen habe, muß ich
sagen, daß Walther in bezug auf die klare Erkenntnis der
christlichen Lehre und in bezug auf die Gabe der klaren Dar—
stellung unmittelbar nach Luther zu setzen ist und die meisten
Theologen der späteren Zeit weit übertrifft. Schaller pflegte
in unserm engeren Kreise zu sagen: „Gott hat mich nicht zum
Kriegsmann gemacht.“ Aber er war eine überaus wertvolle
Gabe Gottes in unsern Fakultätsversammlungen. Er hat in
seiner stillen Weise und mit seiner innigen und tiefen Erfassung
der christlichen Lehre gerade auch in den streitigen Punkten durch
Rat und Belehrung unsere Herzen und Hände gestärkt. Lange
hat man mit Recht eine philosophische Natur genannt. Aber
in allen theologischen Dingen war Gottes Wort seine einzige
Weisheit. Sein Vorwort zu „Lehre und Wehre“ vom Jahre
1884 ist eine so gewaltige Darlegung des „sola Scriptura“,
das heißt, der Wahrheit, daß in der Theologie alle Menschen⸗
gedanken nichts sind und Gottes geoffenbartes Wort ganz
allein Geltung hat, daß ich nicht weiß, ob je etwas Herrlicheres
geschrieben worden ist. Er pflegte in unsern Versammlungen
etwas abseits zu sitzen, aufmerksam zuhörend und das Gesicht
mit der Hand bedeckend. Dann aber sprach er oft Worte, die
uns allen Belehrung und Erquickung zugleich waren. Gün—
ther war einer der ersten Schüler unserer Anstalt, als sie
noch in Perry County ihre Heimat hatte. Er war ganz im
Geiste unserer Väter aufgewachsen. Ihm war insonderheit die
Gabe gegeben, Wahrheit und Irrtum voneinander zu unter—
scheiden, und mit dieser Gabe hat er der Kirche besonders in
klarem, knappem schriftlichen Ausdruck gedient, wie
seine jahrelange Redaktion unsers „Lutheraner“ beweist.
Gräbner verband mit seinem außerordentlichen allgemeinen
Wissen und der klaren Erfassung der christlichen Lehre einen
erstaunlichen Fleiß. Er hat sich vor der Zeit durch seinen Fleiß
aufgerieben. Sein besonderes Arbeitsgebiet war ja die Kir—
chengeschichte; aber in dem letzten großen Lehrstreit kämpfte
auch er in den vordersten Reihen. Und nun unser teurer
Stöckhardt! Er kam im Oktober des Jahres 1878 von
Deutschland nach St. Louis und war zunächst neun Jahre
Pastor der hiesigen Gemeinde zum Heiligen Kreuz. Schon
während seines Pastorats diente er unserer Anstalt in exege⸗
tischen Vorlesungen. Zugleich trat er in die vordersten Reihen
in dem Kampf um die rechte Lehre von der Bekehrung und
Gnadenwahl. Im Herbst des Jahres 1887 wurde ihm dann
die volle exegetische Professur übertragen. Mit welcher hervor—
ragenden Begabung er hierin gewirkt hat, ist uns allen bekannt.
An Sprachkenntnissen den namhaftesten Exegeten unserer Zeit
völlig ebenbürtig, hatte er vor allen Exegeten der Neuzeit eins
voraus. Und dies eine ist das, was einen Exegeten zu einem
rechten Exegeten macht. Er hat mit uns allen von Herzen die
sogenannte Verbalinspiration geglaubt, das heißt, die Wahrheit,
daß die Heilige Schrift nicht Menschenwort, sondern das von
Gott eingegebene majestätische, unfehlbare Wort Gottes und
demgemäß zu behandeln ist. So war seine exegetische Methode
nicht die Methode, die Gottes Wort meistert, sondern die
Methode, die Gottes Wort lediglich dient, indem sie nur
darlegt, was im Schriftwort ausgedrückt vorliegt, und Gottes
Wort die Alleinherrschaft in der Kirche läßt. Das sind die
herrlichen Lehrgaben, die Gott unserer Synode und insonder—
heit unserer theologischen Anstalt gegeben hat.
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