Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 69, Nummer 8 › Seite 119
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 15. April 1913, Seite 119
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S Der „uthieransd
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laden. Ein Jüngling, der dem Gespräch zugehört hatte, er⸗
schien auch wirklich am folgenden Sonntag. Es war gerade
Lesegottesdienst, da ich zur Bedienung meiner Filialgemeinde
in Pommern weilte. Der Vorleser im Gottesdienst erinnerte
sich, daß er den Jüngling neulich abends nach der Versamm—
lung getroffen hatte, und lud ihn nach dem Gottesdienst zu sich
in die Wohnung ein. Dort redeten beide lange miteinander,
und fortan war der Jüngling für uns gewonnen. Er schloß
sich unserer Gemeinde an und wurde ein eifriger Missionar an
seinen Geschwistern. Gott gab auch Gnade, daß einer seiner
Brüder bald seinem Beispiel folgte und sich ebenfalls bei uns
aufnehmen ließ. ö
Indem ich von unsern Gemeinden erzähle, muß ich noch
deren große Opferwilligkeit hervorheben. Es hat mir schon
oft das Herz gerührt, zu sehen, wie unsere armen Leute wirk⸗
lich so reichlich, so sehr reichlich für Gottes Reich geben. Sie
beweisen es mit der Tat, daß sie Gottes Wort liebhaben. Das
ist der Grund, warum ich mit großer Freude unter ihnen
arbeite, wiewohl ich dabei im fernen Ausland leben muß.
Einer unserer Vorsteher trägt nun schon dreizehn Jahre lang
jedes Jahr §575.00 allein zur Gemeindekasse bei. Dabei ist der
Mann keineswegs reich. Als er vor dreizehn Jahren mit seinem
hohen Beitrag begann, besaß er keinerlei Vermögen und bezog
weniger als §50.00 Gehalt im Monat. Ein anderer Vorsteher,
der ebenfalls kein reicher Mann ist, gibt sogar 590.00 jährlich
allein für die Haushaltskasse, ganz abgesehen von den Gaben,
die er sonst noch der Mission und andern Zwecken zuwendet.
Unsere armen Diensimädchen, die, wenn es hoch kommt, im
ganzen Monat 56.00 verdienen, steuern davon jeden Monat
50 bis 75 Cents zur Gemeinde bei. Dabei meinen die Leute
noch, sie könnten mehr tun. Im letzten Jahr wurde in einer
Gemeindeversammlung beschlossen, ich möchte einmal im Gottes⸗
dienst allen Abendmahlsgästen das Geben für Gottes Reich
ans Herz legen. Als ich hierauf eine Predigt über das Geben
für kirchliche Zwecke hielt, wurde in der nächsten Versammlung
beschlossen, die Predigt drucken zu lassen, damit alle sie noch
einmal lesen könnten.
Aber wiewohl so unsere Glieder sich redlich anstrengen, ist
die Mehrzahl unserer Gemeinden nicht imstande, ihr Pfarramt
selbst zu erhalten. Es komnit das daher, daß wir, wie schon
gesagt, eine kleine Schar sind. Dazu ist das Leben in Deutsch—
land sehr teuer. Schon hier stehen die Lebensmittel hoch im
Preise, draußen aber noch höher. Man muß in Deutschland
— das ist wenigstens mein Urteil — viel einfacher leben als
hierzulande, sonst könnte man gar nicht bestehen. Weil nun
einerseits unsere Zahl so klein ist und andererseits der Unter⸗
halt unserer Pfarrfamilien so viel verschlingt, so ist unsere
Synode jährlich für 56000.00 Unterstützung auf die Glaubens⸗—
genossen hier in Amerika angewiesen. Erhalten wir diese
Unterstützung nicht, so müssen die schon ohnehin bescheidenen
Gehälter unserer Pastoren beschnitten werden. Das geschieht
zum Beispiel jetzt. In einer der letzten Nummern unsers Blat⸗
tes stand, daß unsere Synodalkasse über 5000 Mark Schulden
habe, und daß infolgedessen von den Unterstützungen an die
armen Gemeinden bis auf weiteres 20 Prozent gestrichen wer—
den müßten. Das bedeutet, daß mancher meiner armen Amts-—
brüder mit seiner großen Familie monatlich auf §55.00 bis
58.00 verzichten muß. Ich selbst werde hiervon nicht betroffen.
Aber im Interesse der andern möchte ich mir die herzliche Bitte
erlauben, doch gelegentlich auch einmal ein Scherflein für unsere
Freikirche zu opfern. ö
Als einst die Juden für den Hauptmann zu Kapernaum
Fürbitte einlegten, sprachen sie zum Heiland: „Er ist es wert,
daß du ihm das erzeigst.“ Ähnlich möchte ich in bezug auf
unsere Gemeinden sagen: sie sind es wert, daß ihnen geholfen
wird. Es ist ja vorhin gezeigt worden, wie sehr es ihnen um
Gottes Wort zu tun ist, und welche Opfer sie es sich kosten
lassen. Ihr teuren Glaubensgenossen habt hier zugleich Ge⸗
legenheit, euch mit euren Gaben dankbar zu erzeigen für das
viele Gute, das ihr durch Gottes Güte vor den Leuten in
Deutschland voraus habt. Wie seid ihr doch vor ihnen geseg⸗
net sowohl im Geistlichen als auch im Leiblichen! Ich möchte
auf dreierlei hinweisen, indem ich mit dem Geringsten beginne.
Das erste ist der irdische Wohlstand, dessen ihr euch im großen
und ganzen erfreut. Unsere Glieder in Deutschland sind zu—
meist arm, manche sehr arm; die meisten haben just eben ihr
Durchkommen. Ein Dienstmädchen verdient im ganzen Monat
56.00, eine Krankenpflegerin 515.00 im Monat, ein Tage⸗
löhner 515.00 bis §20.00, ein Zimmermann §35.00, ein clerk,
wenn er viele Jahre in demselben Geschäfte tätig gewesen ist,
540.00 bis §50.00. Hier dagegen sind doch viele Gemeinden,
in denen sich nicht nur reiche Leute finden, sondern die auch
eine große Anzahl Glieder aus dem Mittelstande haben, die
in den besten Verhältnissen leben. Und was werden doch hier
gegen Deutschland für Löhne verdient! Ein Dienstmädchen,
eine Krankenpflegerin und andere verdienen in einer Woche
so viel und mehr als drüben unsere Glieder gleichen Standes
im ganzen Monat. Was dazu noch dieses Jahr betrifft, so hat
euer Land eine Ernte gehabt wie kaum jemals zuvor.
Zum andern möchte ich den Finger darauf legen, daß ihr
schon äußerlich ein so herrliches Kirchemwesen habt. O wie ist
das für uns, die wir drüben meist in kleinen, ärmlichen kirch—
lichen Verhältnissen leben müssen, so erhebend, wenn wir schauen
dürfen, wie es hier steht! Drüben in einer Millionenstadt eine
einzige kleine Gemeinde; hier oft eine große Gemeinde neben
der andern, fünfzig Gemeinden und darüber in einer einzigen
Stadt! Drüben etwa ein ärmlicher Schulsaal; hier herrliche
Kirchen, die oft auf das allerprachtvollste ausgestattet sind!
Drüben kaum ein Melodion; hier gewaltige Pfeifenorgeln!
Dazu der Chorgesang, die gewaltigen Massenversammlungen
bei gemeinschaftlichen Reformationsfeiern! In dieser Gemeinde
Missionsfest, in jener Kirchweihfest, in einer dritten Stiftungs⸗—
fest irgendeines Vereins. Wenn meine Glieder dies alles ein—
mal sehen könnten, ich bin überzengt, manche würden vor Freu—
den weinen.
Euer größter Reichtum besteht aber doch in der reinen,
lautern Lehre des Wortes Gottes. Was ihr daran in Wahr—
heit habt, läßt sich gar nicht ausreden, zumal wenn man die
kirchlichen Zustände Deutschlands dagegenhält. Auf allen Kan⸗—
zeln der ganzen großen Synode dasselbe teure, lautere Gottes—
wort! Auf allen Kanzeln vom Atlantischen bis zum Stillen
Ozean einerlei Rede in einem Sinn und einerlei Meinung!
Ihr habt wahrlich keine Pastoren, welche euch lehren, daß in
der Bibel auch Fehler und Irrtümer sein sollen. Ihr braucht
wahrlich nicht erst lange zu bitten, daß auch einmal ein gläu⸗—
biger Pastor eure Kanzeln besteigen darf. Immer wieder hört
ihr: „Alle Schrift ist von Gott eingegeben.“ „Die Schrift kann
doch nicht gebrochen werden.“ Sonntag für Sonntag dürft
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