Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 69, Nummer 8 › Seite 122

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 15. April 1913, Seite 122

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Wille · Synergismus 2

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1

Einweihungsgottesdienst. Die Gemeinde versammelte sich vor
der Kirchtür. Der Herr Direktor schloß die Tür auf im Namen
der hochgelobten Dreieinigkeit. Darauf zogen wir unter
Glockengeläut in die Kirche ein. Sie füllte sich bald bis auf
den letzten Platz mit Christen und Heiden. Es ist bei solchen
Gelegenheiten schwer, die Ruhe aufrechtzuerhalten; denn die
Heiden, zumal die Parias, wissen keine Art, anständig und
ruhig zu sein, sondern schwatzen und lachen, gehen aus und ein,
stören und bereiten Verdruß. Es fanden nun nacheinander
statt das Weihgebet, die Liturgie, die Taufe eines Kindleins
christlicher Eltern, die Einsegnung der Mutter, die Predigt, die
Konfirmation von fünf Kindern, vier Knaben und einem Mäd⸗
chen, endlich die Feier des heiligen Abendmahls, an welchem
49 Personen teilnahmen. Dazwischen wurden nicht nur unsere
für den Gottesdienst gewählten Kirchenlieder gesungen, sondern
auch noch geistliche Gesangstücke zu Gehör gebracht. Der Pre⸗
digt lag IEsu Wort Matth. 18, 20 zugrunde: „Denn wo zween
oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten
unter ihnen.“ Wir freuten uns dieser Gnadenverheißung; gibt
sie uns doch die Gewißheit, daß der treue Heiland stets unter
uns sein wird, sooft wir uns in seinem Namen auch in dieser
Kirche versammeln werden. Wo das Evangelium lauter und
rein verkündigt wird, da ist unser lieber HErr Christus; wo
aber Christus ist, da ift Gottes Gnade, die Vergebung aller
unserer Sünden, Leben und Seligkeit.

Nach Beendigung des Gottesdienstes traten wir in der
Mittagshitze — es war ein Uhr geworden — den Rückweg nach
Hause an.

Am Spätnachmittag fand ein Festessen für die Gemeinde
statt, welches die lieben Frauen einer unserer amerikanischen
Gemeinden gestiftet hatten. Man denke sich aber nicht ein euro—
päisches Festessen mit so und so vielen Gedecken an festlich
geschmückter Tafel. Die Tafel fehlt gänzlich, auch Messer und
Gabeln, Blumensträuße auch. Reis, billiges Rindfleisch, manch—
mal auch Hühnerfleisch, und eine gelbe Pfefferbrühe bilden
den einen Gang, von dem jedem Teilnehmer eine gewaltige.
Portion auf einem Bananenblatt auf dem Boden vorgelegt
wird; denn sie sitzen beim Essen alle mit untergeschlagenen
Beinen auf dem Boden und führen die Speise mit den bloßen
Händen zum Munde. Der schönste Tafelschmuck fehlt jedoch
nicht, nämlich vor und nach dem Essen das Tischgebet.

Ehe aber das Festessen vor sich ging, waren auch wir —
der Herr Direktor, meine Familie und ich — wieder auf dem
Festplatze erschienen. Wir wurden sogar von den lauten Klän⸗
gen einer eingebornen Musikkapelle empfangen. Zuerst nah—
men wir einige Bilder ab. Dann bekränzte uns die Gemeinde
und überreichte dem Herrn Direktor eine Dankesadresse für
Gottes Wort, das ihnen von der heimischen Muttergemeinde
gesandt worden ist, und für die schöne neue Kirche. Darauf
hielt der Herr Direktor eine Ansprache an sie, in welcher er
ihnen ans Herz legte, daß sie stets so viel als nur möglich auf⸗
bringen sollten, das Kirchengebäude instand zu halten, daß sie
aber auch ein Salz und Zeugnis unter den Heiden sein sollten,
damit durch ihren Wandel und durch ihr Wort viele andere
Heiden fürs Christentum gewonnen werden möchten. Sie hör⸗
ten diesen Worten mit besonderer Aufmerksamkeit zu. Unter—
dessen fing es an dunkel zu werden. Daher gingen wir, ohne
das Festessen abzuwarten, nach Hause; nur meine Kinder blie⸗
ben noch. Als auch diese nach Hause kamen, berichteten sie, daß

beim Essen alles sehr ordentlich zugegangen sei und alle ganz
satt geworden wären. Nun, mehr als satt essen kann sich auch
der Reichste nicht. So hatte der treue Gott meiner Gemeinde
an diesem Tage nach Seele und Leib in besonderer Weise Leben
und volle Genüge gegeben. Ihm sei Preis und Dank!

Unsere alte, leer gewordene Kirche auf dem Missionsgehöft
wird uns zunächst hauptsächlich zum Katechumenenunterricht
dienen. Wenn einmal durch Gottes Gnade Heiden aus den
südlich vom Missionsgehöft gelegenen Dörfern Christen werden,
dann ist sie für diese als Kirche bestimmt.

Kirchengebäude sind eine große Wohltat für die Christen—
gemeinde. „SHErr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und
den Ort, da deine Ehre wohnet“, Ps. 26, 8. Wichtiger aber
ist der heilige Tempel Gottes, der nicht mit Menschenhänden
gemacht ist, das wahre Zion, da die Gläubigen die lebendigen
Steine sind, und da unser HErr und Heiland als Prophet,
Hoherpriester und König innen wohnt und regiert. Diesen
Tempel zu bauen, soll insonderheit unsers Herzens Lust und
Freude sein.

Auf, laßt uns Zion bauen

Im fröhlichen Vertrauen,

Die schöne Gottesstadt!

Wenn wir ans Werk erst gehen,
Wird sie bald fertig stehen.
Wohl dem, der mitgebauet hat!

R. Freche.

—

Zur kirchlichen Chronik.

Was die Synode von der „Wahlfreiheit“ des Menschen lehrt,
möchte jemand ganz kurz dargelegt sehen. Die Synode lehrt,
daß der Mensch in solchen Dingen wählen kann, die zu diesem
irdischen Leben gehören. So zum Beispiel kann der Farmer
wählen, ob er mit Pferden oder mit Ochsen pflügen will, voraus⸗
gesetzt, daß er beides hat. Das ist eine wichtige Freiheit für
dieses irdische Leben. In den Dingen, die des Menschen ewiges
Wohl oder Weh betreffen, kann der Mensch das Böse wählen.
Er kann das Evangelium verachten und dem Heiligen Geist, der
durch das Evangelium wirksam ist, widerstreben. Das ist eine
schreckliche Freiheit. Aber sie ist da. Dagegen kann der natür⸗
liche Mensch nicht das geistlich Gute, zum Beispiel nicht den Glau—
ben an das Evangelium, wählen, weil ihm das Evangelium eine
Torheit ist und er es nicht erkennen kann. Wie der Apostel lehrt
1 Kor. 2, 14: „Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom
Geiste Gottes; es ist ihm eine Torheit und kann es nicht er—
kennen; denn es muß geistlich gerichtet sein.“ Wenn Gott die
Menschen so ernst und freundlich auffordert, das Gute zu
wählen, wie durch den Propheten: „Warum zählet ihr Geld dar,
da kein Brot ist, und eure Arbeit, da ihr nicht satt von werden
könnt? Höret mir doch zu und esset das Gute, so wird eure Seele
leben und in Wollust fett werden“, Jes. 55, 2, und im Neuen
Testament durch seinen lieben Sohn: „Kommet her zu mir alle,
die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“,
Matth. 11, 28, so wirkt Gott selbst durch solche freund⸗
liche Aufforderung den Glauben oder die Wahl des Guten.
Wie der so freundlich einladende Heiland selbst bezeugt: „Es kann
niemand zu mir kommen, es sei denn, daß ihn ziehe der Vater“,
Joh. 6, 44, und sein Apostel. Röm. 10, 17: „So kommit der
Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort
Gottes.“ — Der Frager möchte aber noch Antwort haben auf
die Frage, warum nicht alle Menschen glauben, da doch Gott
alle Menschen ernstlich selig machen will, und unter den Menschen

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