Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 69, Nummer 9 › Seite 134
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 29. April 1913, Seite 134
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wahrhaftig aufgeschlossen die Tür zum schönen Paradeis; es
steht kein Cherub mehr dafür. „Wo ich hingehe, das wisset
ihr, und den Weg wisset ihr auch“, Joh. 14, 4. „Wo mein
Haupt durch ist gangen, da nimmt er mich auch mit.“ Er
geht vorauf, uns die Stätte zu bereiten; und wo er ist, da
soll sein Diener auch sein. Er, der Heiland, fährt auf gen
Himmel und sitzt zur Rechten Gottes, sitzt mit Gott im Regi—
ment, regiert alle Dinge im Himmel und auf Erden. Und das
alles zum Besten seiner Kirche und Gemeinde, deren Haupt er
ist. Er wirkt mit und bekräftigt sein Wort. Er erhält und
schützt seine Kirche, daß die Pforten der Hölle sie nicht über—
wältigen können. Weil ihr HErr und Haupt zur Rechten
Gottes sitzt, wird die Kirche, die Stadt Gottes, fein lustig
bleiben mit ihren Brünnlein; da toben die Heiden gegen sie
vergeblich, und ihre Feinde reden, was umsonst ist.
Aber auch zur Rechten Gottes im Himmel ist und bleibt
er der Heiland, der Mittler. Unser Gewinn von der Himmel—⸗
fahrt Christi ist auch der: „Wir haben einen Fürsprecher bei
dem Vater.“ Wir können jetzt singen:
O JEsu, Gottes Sohn,
Unser Mittler bist in dem höchsten Thron.
Freilich zu leiden und zu sterben braucht er nicht mehr als unser
Mittler im höchsten Thron. Das hat er einmal getan. „Da
er hat ein Opfer für die Sünden geopfert, das ewiglich gilt,
sitzt er nun zur Rechten Gottes. Denn mit einem Opfer hat
er in Ewigkeit vollendet, die geheiliget werden“, Hebr. 10, 14.
Gerade Ostern und Himmelfahrt machen es klar, daß er die
Wahrheit sagte, wenn er ausrief: „Es ist vollbracht!“ Aber
seinen Heilandsberuf hat er mit seiner Himmelfahrt nicht ab⸗
gelegt. Er ist unser Hoherpriester in Ewigkeit. Wenn er auch
nicht mehr ein neues, ferneres Versöhnungsopfer darbringt, so
tut er für uns priesterliche Fürbitte, ist unser Mittler und
Fürsprecher bei dem Vater, wendet uns nun die Frucht seines
einmaligen Opfers zu. Daran erinnert der Apostel die Chri—
sten und damit tröstet er sie.
Der Apostel ermahnt die Christen: „Meine Kindlein, sol⸗
ches schreibe ich euch, auf daß ihr nicht sündigt.“ Der Christ
soll und will ja nicht sündigen, und nach seiner neuen Art sün—
digt er auch nicht. Aber der Apostel weiß, weil die Christen
auch noch das Fleisch an sich haben, so wird es ohne Sünde nicht
abgehen. Darum hat er gleich etwas zu sagen für den Fall:
„und ob jemand sündiget'. Was dann? Dann ist's vorbei,
dann ist alles verloren? Dann muß man selbst sehen, wie man
fertig wird? Nein: „so haben wir einen Fürsprecher“, einen,
der für uns spricht, für uns eintritt, unser Advokat und Sach-
walter ist, uns vertritt, für uns Gnade vermittelt. Und den
haben wir gerade da, wo wir ihn brauchen, „bei dem Vater“;
wir haben einen Mittler in dem höchsten Thron, bei Gott,
gegen den wir sündigen, den wir mit unsern Sünden beleidigen
und erzürnen, der dadurch zu Zorn und Strafe gereizt wird.
Da bedürfen wir und da haben wir einen Fürsprecher. Und
das ist ein guter Fürsprecher, „IEsus Christus, der gerecht
ist“. Er steht gut mit Gott, ist gerecht, ist der Sohn des Wohl⸗
gefallens. Der kann als der Gerechte eintreten und bitten für
die Ungerechten. Er weiß, daß ihn der Vater allezeit hört,
Joh. 11, 42. Ja noch mehr. „Und derselbige ist die Ver⸗
söhnung für unsere Sünde, nicht allein aber für die unsere,
sondern auch für der ganzen Welt.“ Er ist der Heiland, der
Versöhner. Das wird stark ausgedrückt: er ist die leibhaftige
Versöhnung selbst. Er hat alles gebüßt, getragen und bezahlt.
„Er hat den Zorn des Vaters ausgesöhnt und für mich g'nug
getan.“ Der bittet für uns um Gnade und Schonung. Und
unsere Bitte, unser Kyrieeleison, „HErr, erbarme dich!“ geht
durch die Hand unsers Mittlers im höchsten Thron. „Zu dir
schreien wir aus Herzensbegier: Eleison!“
Was unser Mittler für uns beim Vater alles erbittet,
das können wir abnehmen aus seinen Gebeten, die er in den
Tagen seines Fleisches für die Seinen getan hat. In seinem
hohepriesterlichen Gebet sagt er zum Vater: „Ich bitte für sie
und bitte nicht für die Welt“, Joh. 17, 9, nämlich da nicht und
das nicht und so nicht. Er hat ja auch für die Übeltäter ge⸗
beten, Jes. 53, 12. Seine erste Bitte am Kreuz ist ja für die
Bösewichter: „Vater, vergib ihnen!“ Er erzählt selber Luk.
13, 6 —9 das Gleichnis von dem unfruchtbaren Feigenbaum,
den der Herr des Weinbergs schon abhauen will. Da bittet
der Weingärtner: Herr, laß ihn noch dies Jahr; ich will noch
einmal an ihm arbeiten. Unter diesem barmherzigen, für⸗
bittenden Weingärtner will er selber verstanden sein. Ja, daß
Gott in seinem Zorn nicht gleich dreinschlägt, daß er der Welt
Zeit und Gelegenheit zur Buße gibt, daß da immer noch
Sünder bekehrt und gerettet werden, das kommt von dem Für⸗
sprecher bei dem Vater, dem Mittler im höchsten Thron.
Allermeist bittet er für die Seinen, „für die, so du mir
gegeben hast“, Joh. 17, 9. Wie er einen Petrus warnt vor
bevorstehender Gefahr, daß der Satan ihn sichten will, ihm
aber versichert: „Ich aber habe für dich gebeten, daß dein
Glaube nicht aufhöre“, Luk. 22, 32, so denkt er im höchsten
Thron unserer Gefahr und Schwachheit und stärkt und erhält
unsern Glaubén. Er ist ja der Anfänger und Vollender des
Glaubens. Da bittet er für die Seinen: „Heiliger Vater,
erhalte sie in deinem Namen, die du mir gegeben hast!“ Joh.
17, 11, daß sie dein und mein bleiben und nicht verloren
werden. Und weil niemand ihm seine Schafe aus seiner Hand
reißen wird, und niemand sie aus des Vaters Hand reißen
kann, weil er und der Vater eins sind, so werden wir „aus
Gottes Macht durch den Glauben bewahret zur Seligkeit“,
1 Petr. 1, 5. Weil die Seinen nicht von der Welt sind, aber
noch in der Welt leben, und die Welt sie haßt und fast auf allen
Wegen ihren Füßen Netze stellt, so bittet unser Mittler: „Ich
bitte nicht, daß du sie von der Welt nehmest, sondern daß du ö
sie bewahrest vor dem übel“, V. 15. Und in Kraft der Für—
bitte ihres Mittlers gehen die Seinen unversehrt durch die
arge Welt, durch die bösen Zeiten, da der Gerechte kaum er—
halten wird, und so ist es unmöglich, daß seine Auserwählten
verführt werden in den Irrtum. Er bittet: „Heilige sie in
deiner Wahrheit; dein Wort ist die Wahrheit“, V. 17. Und
in Kraft dieser Fürbitte haben wir sein Wort und werden durch
sein Wort auch geheiligt, zum geistlichen und zum ewigen
Leben erbaut. Und schließlich bittet er als in der Summa:
„Vater, ich will, daß, wo ich bin, auch die bei mir seien, die
du mir gegeben hast, daß sie meine Herrlichkeit sehen, die du
mir gegeben hast“, V. 24. O ein treuer Heiland! In Leidens⸗
zeit hat er gern seine Jünger bei sich; sie sind ihm eine Er⸗
quickung. Er hätte gern, daß sie eine Stunde mit ihm wachen.
Aber als es mit furchtbarem Ernst ins Leiden, Sterben und
in die Höllenqualen geht, da tritt er vor, er ganz allein: „Ich
bin's, ich ganz allein. Laßt diese alle gehen!“ Aber wo es
Herrlichkeit zu sehen und zu genießen gibt, da will und bittet
er und erbittet es vom Vater bei der Liebe, mit der er von
Ewigkeit ihn geliebt hat: Da sollen die Meinen bei mir sein.
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