Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 69, Nummer 9 › Seite 139

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 29. April 1913, Seite 139

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Unzucht

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S Der 2„Tutheranede

139

in protestantischen Ländern annimmt, wünscht ein Schreiber in
einem englischen Kirchenblatt, daß Luther in diese Welt zurück—
kehren und abermals zeigen möchte, wie das Papsttum zu be—
kämpfen sei. Luthers Rückkehr in diese Welt ist nicht nötig.
Luther redet noch zu uns in seinen Schriften. Aus Luthers
Schriften kann sowohl die weltliche Obrigkeit als die Kirche ler—
nen, wie das Papsttum recht und mit Erfolg zu bekämpfen sei.
Es ist leider wenig Aussicht vorhanden, daß die Leute, welche
im weltlichen Regiment sind, Luthers Schriften lesen, wiewohl
Luthers Schriften gerade auch für sie eine überaus nützliche Lek—
türe wäre. Luther hat mehr vom weltlichen Regiment verstanden
als Karl V. und alle Fürsten seiner Zeit und auch noch etwas
mehr als alle Staatsmänner unserer „erleuchteten Zeit“ zu—
sammengenommen. Aber wenigstens die protestantische Chri—
stenheit sollte Luthers Schriften, insonderheit Luthers Katechis—
mus und die Schmalkaldischen Artikel, lesen. Durch diese Schrif—
ten wird ihnen das geistliche Schwert, nämlich Gottes Wort, in
die Hand gegeben, womit das Papsttu*m aus den Herzen
und Gewissen der Menschen vertrieben und somit in seinem
eigentlichen Sitz überwunden wird. F. P.

Christum kann man nicht predigen ohne die Lehre von Christo.
Schön sagt darüber ein nichtlutherisches Blatt: „Predigern wird
oft der Rat gegeben: Predige nicht Lehre, predige Christum!
Aber wie das möglich sein mag, Christum zu predigen und keine
Lehre zu predigen, das ist doch ein Rätsel, das der weise Rat⸗
geber lösen sollte. Wie ist es möglich, Christum zu predigen und
dabei nicht von seiner wunderbaren Geburt zu erzählen? Wie
kann man Christum predigen, ohne etwas zu sagen von dem
Zweck seines Kommĩens in die Welt? Wie Christum predigen,
ohne etwas zu sagen über sein Verhältnis zum Vater? Wie
Christum predigen, ohne zu reden von seinem Zeugnis über sich
selbst? Wie Christum predigen ohne jegliche Anspielung auf den
Zweck seiner Wunder? Wie Christum predigen, ohne die Lehre
einzuschärfen, die in jedem dieser Stücke liegt? Wie Christum
predigen, ohne von seinem Sterben und Auferstehen zu sagen?
Wie Christum predigen, ohne zu reden von seinem Mittler- und
Fürsprecheramt zur Rechten des Vaters?“ — Wenn man nicht
wüßte, wie sehr der Teufel der christlichen Lehre feind ist, dann
könnte man sich wundern, wie je ein Mensch im Ernst auch nur
auf den Einfall kommen sollte, es zu versuchen, wohl Christum,
aber keine Lehre von Christo zu predigen. E. P.

Von einem ganz abscheulichen Mißbrauch der Bibel weiß die
„Germania“ zu berichten. Der Rev.“ Fred Rousch, ein früherer
Pastor aus Tacoma, Wash., hielt neulich mit seiner sogenannten
Bibelklasse eine ganz seltsame Andachtsübung ab. Eine seiner
Schülerinnen machte nämlich den Vorschlag, man wolle einmal
sehen, wer die Bibel am schnellsten lesen könne. Der Vorschlag
wurde mit Begeisterung angenommen. Und nun begann die ganze
Klasse zu plappern. Der Pastor war zuerst fertig. Er hatte in
siebenundsechzig Stunden und sechs Minuten die ganze Bibel
heruntergeleiert. Natürlich war er völlig erschöpft von der un—
erhörten Anstrengung, aber dafür durfte er sich rühmen, einen
neuen Rekord im Bibellesen geschaffen zu haben. Vermutlich
bildet der armselige Narr sich ein, daß er ein Gott ganz besonders
wohlgefälliges Werk verrichtet habe, während er sich in Wirk⸗—
lichkeit natürlich eines abscheulichen Mißbrauches der Heiligen
Schrift schuldig gemacht hat. Zum Glück ist der Mann kein
Pastor, sondern nur ein früherer Pastor. Er besitzt also keine
Gemeinde mehr, deren religiöses Gefühl er verwirren könnte.

(Wbl.)
über die große Wichtigkeit der geistlichen Pflege der Kinder
hat neulich ein Episkopalprediger unter anderm dies gesagt: „Die
Kirche kann niemals ihre Aufgabe in der Welt erfüllen, ehe sie
anfängt, mehr, als sie bisher getan hat, ihre Verpflichtung den
Kindern gegenüber zu erkennen und sich mit Ernst, Liebe und Be⸗

geisterung ihrer anzunehmen. Die christliche Kirche muß endlich
einmal über den Gedanken hinauskommen, daß sie das Kind als
unwichtig ansieht. Wir müssen unsere Verpflichtung genau er—
kennen. Rings um uns her befassen sich allerlei Anstalten mit
der Gesundheit und dem leiblichen Wohlergehen der Kinder. Und
wenn die Kirche dabei gleichgültig ist in bezug auf das geistliche
Leben und Wohlergehen des Kindes, dann ist das einfach Sünde.
Es ist Sünde, zu vergessen, daß die Gemeinde nicht eine Organi⸗
sation ist, sondern eine Gottesfamilie, zu der auch die Kinder ge—
hören. Die Kirche muß nicht nur angesehen werden als ein
Hospital für die geistlich Schwachen und Kranken oder als eine
Zufluchtsstätte. Die Kirche muß ein Garten Gottes sein, und das
wichtigste Ding in dem Gottesgarten ist die Pflege der jungen
Pflanzen.“ — Das sind ja Wahrheiten, die nicht oft und ein⸗
dringlich genug gesagt werden können. E. P.

Der Kampf gegen die Unzucht und gegen die sogenannte
weiße Sklaverei wird im ganzen Lande gegenwärtig mit Ernst
betrieben. Und das ist gut. Aber man will ihr meist nur mit
äußerlichen Mitteln zu Leibe gehen. Die Hauptschuld daran, daß
so viele Mädchen ein Leben der Schande führen, schiebt man auf
den zu geringen Verdienst der arbeitenden Mädchen. Weil sie
mit ihrer Arbeit nicht genug verdienten, so suchten sie sich durch
ein Leben der Unzucht Nebenverdienst. Nun ist gewiß wahr:
Armut hat ihre Gefahren. So wird schon in den Sprüchen
Salomos gebetet: „Armut und Reichtum gib mir nicht“, und
das „Armut nicht“ wird so begründet: „Wo ich zu arm würde,
möcht' ich stehlen und mich an dem Namen meines Gottes ver—
greifen“, Spr. 30, 9. Wie die Gefahr des Stehlens, so birgt
Armut und Verlegenheit eines Mädchens auch die Gefahr des
sündlichen Gewinnes durch ein Leben der Schande in sich. Aber
wenn man die ganze Schuld auf Armut und zu niedrigen Ver⸗
dienst schiebt, so ist das doch gefährlich. Manch ein liederliches
Mädchen wird sich dann für vollständig entschuldigt halten, wenn
es ein wüstes Leben führt; es kann ja bei seinem geringen Ver⸗
dienst nicht anständig leben. Und bei einem solchen Mädchen wird
dann ein höherer Lohn nichts bedeuten als noch mehr unnötige
Ziererei, noch mehr Weltfreude und Aufsuchen der Orte der Welt—
lust. Man tut dem weiblichen Geschlecht auch schlechte Ehre damit,
daß man sagt: sie halten sich nur keusch, wenn zur Unkeuschheit
gar keine Gelegenheit und Versuchung da ist. Wie manch ein
christliches Mädchen und wieviel tausend Christen haben lieber ihr
Leben gelassen, als daß sie in eine Sünde willigten! Gewiß soll
den arbeitenden Mädchen ein anständiger Lohn bezahlt werden;
aber damit hat man die Unzucht noch nicht abgeschafft. Während
in Chicago die große Kommission am Untersuchen war und man
da hauptsächlich alle Schuld auf zu niedrige Löhnung schob, bekam
sie einen Brief von einem gefallenen Mädchen, das sagte: man
übersehe bei dem ganzen Handel einen Hauptfaktor, nämlich die
verführenden Männer, die den Mädchen auf Schritt und Tritt
Netze stellen und die Häuser der Unzucht aufsuchen. Das ist gewiß
wahr. Es fehlt eben bei beiden Geschlechtern an der Furcht Gottes.
Durch diesen Feldzug gegen die Hurenwirtschaft, dadurch, daß die
Sünde als Schande bloßgestellt wird, ebenso durch energische Ge⸗
setze und strenge Durchführung derselben und Bestrafen der groben
Vergehen mag man das scheußliche Unwesen einschränken. Aber
die Hurerei schafft man damit nicht aus der Welt. Fromm und
keusch macht kein Feldzug und kein Gesetz die Menschen; das tut
nicht einmal Gottes Gesetz. Das tut allein das Evangelium.
Leute, die erkannt haben und glauben, daß Gott aus Gnaden
um Christi bitterer Todespein willen ihnen alle ihre Sünden ver⸗
geben hat, und die nun ihren Gott und Heiland lieben und ihm
zuliebe und zu Dank fromm leben wollen, die werden auch keusch
und züchtig sein in Gedanken, Worten und Werken. Diese Um⸗
wandlung kommt von innen heraus und ist gründlich. So liegt
in diesem überhandnehmen der Unzucht, über deren Umfang die

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